Der künstlerische Wettbewerb und die weiteren Einreichungen
Der Schmerzpunkt wurde im Rahmen eines geschlossenen künstlerischen Wettbewerbs des 104. Deutschen Katholikentags Würzburg 2026 e.V. zum Thema „Sexualisierte Gewalt und Missbrauch geistlicher Autorität in der katholischen Kirche“ von einem Preisgericht und der Katholikentagsleitung ausgewählt. Das Konzept überzeugt insbesondere durch seine pointierte Darstellung und die Möglichkeit zur nachhaltigen Verbreitung.
Wir bedanken uns ausdrücklich auch bei allen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die sich dieser Thematik gestellt und andere eindrucksvolle Zugänge gefunden haben. Im Folgenden möchten wir auch diese Arbeiten darstellen und würdigen.
Empfangshalle
OHNE DEN TITEL, 2025
Das Werk ‚Ohne den Titel‘ knüpft mit seiner raumgreifenden Inszenierung im barockisierten Kirchenchor an die Tradition des ‚Theatrum Sacrum‘ an. Durch das Heilig-Geist-Loch über dem Altar fallen im Strahl eines Lichtspots schwarze Flitter-Streifen herab. Sie breiten sich unaufhaltsam auf dem Boden aus und bilden einem immer größer werdenden, schwarzen Flecken. Die vor dem Kontrast der weißen Raumschale gut sichtbaren, schwarzen Flitter, scheinen am Ende ihres Fluges mit dem dunklen Boden und den dunklen Sitzbänken zu verschmelzen.
Die Stille der Kunstinstallation wird in besonderen Momenten durch ein für die Orgel opernhaft arrangiertes Musikstück unterbrochen. Liturgische Handlungen sind im Altarraum während der gesamten Zeit der Installation nicht möglich. Während des Katholikentags ist der Kirchenraum ein den Besucher*innen gewidmeter sakraler Ort, ohne der Anwesenheit von kirchlichen Autoritäten. Am Rand des großen schwarzen Fleckens im Chorraum stehen die Menschen frei von jeder hierarchischen Ordnung in Betrachtung der Installation. Das Kunstwerk ist eine Einladung an alle Menschen, sich als gleichberechtigte Gäste in Gottes Haus zu fühlen.
Karolin Bräg
ICH HÖRE DIR ZU, 2025
Kirchliche Strukturen sollten Schutz und Geborgenheit bieten, doch viele Betroffene haben darin stattdessen Missbrauch erfahren. Der Beitrag von Karolin Bräg basiert auf dem direkten Austausch mit Betroffenen. Ausgehend von der Frage „Wie kann die Würde und Selbstbestimmung eines Menschen geschützt werden?“ führt die Künstlerin vertrauliche Gespräche. Aus jedem Gespräch werden ein oder mehrere Zitate entnommen, ohne einer Person zugeordnet zu werden. Aus diesen Satzfragmenten formt die Künstlerin einen Text.
Während der Laufzeit des Katholikentags sind zwei Performer*innen im Dom anwesend, die jeweils ein Buch auf dem Rücken tragen. Auf der Vorderseite ihrer weißen T-Shirts ist der Satz „Manchmal weine ich heute noch.“ zu lesen, auf den Büchern auf ihren Rücken stehen die Worte „Sexuelle Gewalt“ beziehungsweise „Missbrauch“. In ihrer stillen Präsenz würdigen sie die Betroffenen, die nicht für sich selbst sprechen können. Zu jeder vollen Stunde wechseln die Performer*innen. Einmal täglich, zu einem festgelegten Zeitpunkt, wird das getragene Buch an eine Person übergeben, die auf der ersten Plattform des Altarraums steht und etwa zehn Minuten daraus vorliest. Die Sätze erinnern an die leidvollen Erfahrungen der Betroffenen, die hier selbst zu Wort kommen. So erhalten viele unsichtbare Menschen eine Stimme und ihre Lebensgeschichten werden unmittelbar erfahrbar. Eine musikalische Komposition verstärkt das emotionale Erleben.
Birthe Blauth
THEATRUM SACRUM, 2025
Die Installation „Theatrum Sacrum“ setzt sich mit den Machtstrukturen innerhalb der katholischen Kirche auseinander. Durch die Weihe wird der Priester zum Stellvertreter Christi erhoben und nimmt eine hierarchisch übergeordnete Position gegenüber dem Laien ein. Dieses strukturelle Ungleichgewicht begünstigt Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch.
Der über 3 Meter hohe Schattenriss eines sitzenden Priesters tritt im Altarraum in Beziehung zu einem ihm gegenüberstehenden Jungen. Beide Figuren sind aus schwarz beschichteten, massiven Stahlplatten geschnitten. Die Figuren stehen exemplarisch für Täter und Opfer. Die schwarzen Figuren stehen vor dem strahlend hellen, weiß-goldenen Chorraum. Über beiden thront Christus als Weltenrichter im goldenen Kreis in der Apsis.
Die möglichen Geschehnisse zwischen dem Priester und dem kleinen Jungen entwickeln sich im Kopf des Betrachters. Es muss nicht zum Übergriff kommen, dennoch denken wir ihn auf Grund der Positionierung der Figuren. Die Besucher*innen der Kirche werden zu Mitwisser*innen. Sie sehen nicht direkt den Missbrauch, aber die Zeichen dafür, dass er wahrscheinlich stattfindet.
Bruno Wank
ALLY 10, 2025
„Ich werde gehört“ bildet das Zentrum des Werks. Der Satz steht für die Stimmen der Betroffenen, für das lange Schweigen und das oft vergebliche Ringen darum, ernst genommen zu werden. Das Leid, das ihnen angetan wurde, ist unaussprechlich – es sucht Ausdruck, Raum und Resonanz.
Eine überlebensgroße, abstrakte Figur steht im Kirchenraum als Zeichen gegen sexualisierte Gewalt. Die Form von ‚Ally 10‘ basiert auf einer kleinen, handtellergroßen Wachsfigur, die in der Hand modelliert wurde. Sie wirkt zugleich abstrakt und nahbar. Aus dieser körpernahen Geste entsteht mithilfe moderner 3D-Technik eine 290 cm hohe Skulptur, die im Sanddruckverfahren hergestellt und mit Epoxidharz gehärtet wird. Ihre Oberfläche schimmert in einem perlmutartigen Farbton.
Im oberen Bereich sind Lautsprecher integriert, über die eine Klangkomposition erfahrbar wird. Der Klang schafft eine zweite Ebene: Er macht das Unsichtbare hörbar und lässt Resonanzen im Raum entstehen.