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Datum:
28. Mai 2022

Bibel/Sexualität


Alttestamentler: In Bibel keine Gründe für Verbot der Homosexualität


Die Bibel ist kein Steinbruch, aus dem man sich so einfach bedienen kann, um schwierige ethische Fragen zu beantworten. Sagt der Mainzer Experte für Altes Testament, Thomas Hielke. Er sieht keine Rechtfertigung für ein biblisches Verbot der Homosexualität.

Der Mainzer Professor für Altes Testament, Thomas Hielke, findet in der Bibel keine Gründe für ein Verbot von Homosexualität. „Es ist absurd, aus der Bibel natur- oder humanwissenschaftliche Tatsachen abzuleiten, ebenso absurd ist es, natur- oder humanwissenschaftliche Erkenntnisse zu leugnen oder zurückzuweisen, weil sie angeblich bestimmten Bibelversen widersprechen“, sagte er am Samstag beim Stuttgarter Katholikentag in einem Vortrag mit dem Titel „Kein zweiter Fall Gallilei“.

Die Bibel bedürfe immer der Auslegung und Interpretation. „Bibelauslegungen sind also stets zu überprüfen, vor allem dann, wenn sich scheinbar ein Widerspruch zwischen biblischen Texten und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auftut.“  Theologen müssten stets die Frage stellen, ob sie die Lehre wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse neu formulieren müssten.

Mit Blick auf die katholische Sexuallehre betont der Bibelexperte, es sei weit verbreitete humanwissenschaftliche Erkenntnis, dass „menschliche Sexualität komplexer sei als das Aufeinandertreffen zweier durch ihr biologisches Geschlecht festgelegter Wesen zur Zeugung von Nachkommenschaft“. Die Integration der eigenen Sexualität in eine authentische Persönlichkeit sei eine Lebensaufgabe, die weder ausschließlich auf die Eheschließung und die Zeugung von Kindern hinauslaufe, noch damit abgeschlossen sei. Dies unter Verweis auf die Bibel oder die Lehre der Kirche zurückzuweisen, wäre aus Sicht des Wissenschaftlers „unklug und unvernünftig“.

Auch die geltende kirchliche Ablehnung von Homosexualität weist Hielke zurück. Es sei wissenschaftlich gesichert, dass sich der Mensch seine sexuelle Orientierung nicht aussuchen könne und ein kleiner Prozentsatz eine heilsame sexuelle Erfüllung nur mit einem Partner des gleichen Geschlechts erreichen könne. „Es gilt, in Elternhaus, Schule und Freundeskreis eine Atmosphäre der Offenheit und Freiheit zu schaffen, damit jeder junge Mensch zu dem findet, was ihn im Innersten ausmacht und so zu einer authentischen Persönlichkeit heranreifen kann.“ Die Theologie müsse deshalb anerkennen, dass die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein Teil der Schöpfungsordnung Gottes seien.

Der Theologe forderte zugleich eine intensive Erforschung und ein striktes Vorgehen gegen „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Sie müsse ähnlich intensiv erforscht werden wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. „Entsprechend muss auch präventiv dagegen vorgegangen werden: In Schule, Religionsunterricht, Katechese, in Predigt und Gemeindearbeit muss gegen Diskriminierungen aufgrund der homosexuellen Orientierung vorgegangen werden.“

Hielke betonte, dass die Bibel kein Steinbruch sei, aus dem Stellenangaben zur vermeintlichen Absicherung eigener theologischer Argumentationen gewonnen werden könnten. „Biblische Verse brauchen ihren literarischen und soziokulturellen Kontext.“ Als antiker Text könne die Bibel nicht unmittelbar als „gesetzliche Vorschrift“ dienen – weder für einen modernen Staat, noch für eine heutige Religionsgemeinschaft, die sich an der Vernunft orientiere. „Wer dies nicht beachtet und die Bibel lieber wörtlich nehmen will, muss z.B. alle Tätowierten exkommunizieren.“ Denn im Buch Levitikus des Alten Testaments heiße es: „Ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen.“ 


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