Pressemitteilungen

Datum:
26. Mai 2022

Kirche/Geschichte


Historiker: Kirche in "lebensbedrohlichem" Zustand


Gehen oder bleiben? Selten hat diese Frage die Katholiken in Deutschland so bewegt wie heute. Der Vertrauensverlust ist infolge des Missbrauchsskandals immens. Der Exodus ist ungebremst: 2020 kehrten 221.390 Personen der Kirche den Rücken, 2019 waren es sogar 272.771, der höchste bisher gemessene Wert.

Vom Ende der "Volkskirche" ist länger schon die Rede. Beim Deutschen Katholikentag in Stuttgart betonte der Bonner Kirchenhistoriker Christoph Kösters am Donnerstag allerdings, dass die Entkirchlichung zwar gegenwärtig rasend schnell voranschreite, allerdings nicht erst in diesem Jahrtausend oder 1968 begonnen hat. Es gebe langfristige gesellschaftliche Kräfte der Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung.

So sank der Gottesdienstbesuch bereits seit Ende des Ersten Weltkriegs, als noch mehr als 50 Prozent der Katholiken regelmäßig an der Sonntagsmesse teilnahmen; heute sind es unter sechs Prozent. Allerdings nahm die Säkularisierung dann in den 1960er Jahren stark an Fahrt auf: "Offenkundig suchte sich ein wachsender Teil der Gläubigen neue Formen gesellschaftlichen und individualisierten Katholischseins, die nicht mehr ausschließlich an den Gottesdienstbesuch geknüpft waren", so der Historiker von der Kommission für Zeitgeschichte. Das katholische Milieu löst sich auf.

Dass die Krise mittlerweile "lebensbedrohlich" sei, erläuterte der Luzerner Historiker Antonius Liedhegener. Er sprach von einer "winterlichen", tief erstarrten Kirche. "Alle Versuche, einem neuen religiösen Frühling in Deutschland eine Chance zu geben, scheinen durch die klerikale Reformstarre zur Fruchtlosigkeit verdammt", erklärte er. Auch die verbleibenden Kirchenmitglieder gingen zunehmend auf Distanz.

Liedhegener verwies auf eine Studie von 2019: Rund 15 Prozent der Katholiken in Deutschland seien "inaktiv"; 60 Prozent gehörten zu den "Gelegentlichen" mit vielleicht monatlicher Gottesdienstteilnahme, zehn Prozent seien "Teilhabende" und noch 14 Prozent "Gestaltende", die sich auch außerhalb von Gottesdiensten in der Kirche einbringen. 

Die Wiener Theologin Regina Polak verwies auf einen dramatischen Abbruch bei der Weitergabe des Glaubens an die jüngere Generation. "Die katholische Kirche droht eine ganze Generation zu verlieren oder hat eine große Mehrheit schon verloren", sagte sie. Und jene, die sich beteiligten, resignierten oder schämten sich für ihre Kirche. Insbesondere junge Frauen.

Als Ursachen nannte sie einerseits eine von den Kirchen kaum zu verändernde Tendenz zur Säkularisierung und Individualisierung in den westlichen Ländern. Religion habe kaum noch Einfluss auf die Wertebildung junger Leute, die vor allem im digitalen Raum stattfinde. Zugleich seien aber die dauerhaft ungelösten innerkirchlichen Konflikte ein Klotz am Bein. Auch sei es der Kirche nicht gelungen, die Glaubenstradition so neu zu "übersetzen", dass sie für junge Leute nachvollziehbar sei. Das gelte nicht nur für Sexualität und Genderfragen. Polak räumte ein, dass es auch die liberalen Katholiken nicht geschafft hätten, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben. "Viele sind bei der notwendigen Kritik stehen geblieben, aber auf die Frage 'Wie anders' gibt es zu wenige tragfähige Antworten."

Was ist aus Sicht der Historiker zu tun? Kösters kritisierte, dass die Kirche Reformen, deren Notwendigkeit bereits vor 50 Jahren erkannt worden seien, so lange verschleppt habe, dass sie heute kaum noch sinnvoll umsetzbar seien. Für ihn dränge sich besonders die Frage auf, "welche Auswirkungen es für die katholische Kirche in einer multiplen säkularen deutschen Gesellschaft künftig haben wird, dass Katholikinnen wohl noch auf lange Sicht nicht zum kirchlichen Amt zugelassen werden".

Für Liedhegener steht fest, dass die Kirche zu einer "Mitmachkirche" mit veränderten Leitungsstrukturen und weniger Hierarchie werden müsse. Entscheidend sei die aktive Einbindung der Katholiken in die Kirchen- und Gottesdienstgemeinden, sagte er. Die Kirche müsse zivilgesellschaftlicher werden, wieder stärker von unten nach oben organisiert werden. Auch die Gemeindemitglieder selbst müssten bereit sein, Vielfalt zu schätzen und Verschiedenheit zu bejahen.

Aus Sicht von Polak muss Kirche die Lebenserfahrungen und Denkweisen junger Menschen ernster nehmen und sich mit ihnen auch theologisch fundiert auseinandersetzen. "Junge Menschen sollten als 'Prophet/innen' wahrgenommen werden." Sie seien interessierter an der Zukunft und damit näher an den Fragen, "in deren Horizont das Evangelium und die Tradition heute in Theorie und Praxis reinterpretiert werden müssen".


Pressekontakt

Bei Fragen, Anmerkungen oder sonstigen Wünschen sind wir gerne für Sie da. Rufen Sie uns einfach an oder schreiben Sie uns eine E-Mail:

Telefon: +49 711 49 054 159
E-Mail: presse(at)katholikentag.de

keyboard_arrow_up