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Mit der Weihe glaubt mancher Priester einen ganz besonderen Schutzschild zu haben und allen Dingen gewachsen sein. Doch auch ein Bischof kann an seine Grenzen geraten und Hilfe benötigen. Eine Erfahrung, die der Speyerer Bischof gemacht hat, und die ihn auch theologisch geprägt hat.
Der Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, hat am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung des 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg offen und eindrucksvoll von seiner Depressions-Erkrankung erzählt. Im Rahmen der Aufzeichnung des NDR-Podcasts “Raus aus der Depression schilderte der 65-Jährige dem Entertainer und Kabarettisten Harald Schmidt, wie ihn die Lasten seines Amtes und die allgemeine Entwicklung in der Kirche zunehmend überfordert hätten. Als Gründe nannte er die ständigen Finanzprobleme, vor allem aber die nach 2010 erhobenen Vorwürfe in Sachen sexueller Missbrauch, unter anderem im Zusammenhang mit einem Waisenheim in seiner Diözese. Letztere hätten zu einer tiefen Erschütterung im Bistum geführt und auch ihn selbst stark mitgenommen. Schlafstörungen und das Gefühl, permanent überfordert zu sein, machten ihm zu schaffen. Dazu sei ein verwundetes Vertrauen gekommen, das Ängste hervorgebracht habe; auch ein Gefühl von Boden- und Hoffnungslosigkeit habe sich eingestellt. Wiesemann ist seit 2008 Bischof von Speyer.
Schließlich habe er sich 2021 zu einer längeren Auszeit entschieden, die am Ende rund ein halbes Jahr samt einem zweimonatigen Klinikaufenthalt in einer Einrichtung am bayerischen Chiemsee gedauert habe, sagte Wiesemann. Dies habe er auch öffentlich bekanntgegeben. “Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu nehmen, so der Bischof. Er habe geschafft, dieses Tief zu überwinden. Als musischer Mensch, der schon früher gern am Klavier improvisiert habe, hätten ihm die kreativen Dinge und der Sport, aber natürlich auch Einzelgespräche mit dem Therapeuten und in der Gruppe geholfen. Es habe gut getan, “ein Mensch unter Menschen zu sein. Auch wenn natürlich in der Klinik unter den Mitpatienten bald herausgekommen sei, dass es sich bei seiner Person um einen Bischof handle. Der Ortswechsel und die gute Luft in der Natur hätten das Übrige zur Genesung beigetragen. Medikamente habe er nicht gebraucht.
Doch auch wenn es gelungen sei, die Krankheit zu überwinden, die Depressionsphase habe ihn verändert, bekannte der Bischof. Er müsse nun damit leben, nicht mehr dieselbe Leistungsfähigkeit zu haben wie früher. Dies habe er lernen müssen. Zudem sei die Zeit ein wichtiger Prozess für ihn gewesen, seine Vorstellungen und Ideale über den Priesterberuf zu überdenken. Wenn man mal die 60 Jahre überschritten habe, würden Brüche immer deutlicher, so Wiesemann. Das Ringen, zu einem inneren Standpunkt zu kommen, nehme zu. Diese Verletzlichkeit des eigenen Lebens und des Glaubens müsse man aber zuzulassen. Sein Glaube habe ihm geholfen, so der Geistliche. Doch auch anderes: “Ich glaube, dass der liebe Gott über viele Kanäle arbeitet.
In dem Gespräch ging Wiesemann auch auf sein Priesterbild ein. Bei der Weihe habe er mit dem “Ad sum (Ich bin da) versprochen, ganz für Gott immer einsatzbereit zu sein sowie für alle sich ihm in der Kirche stellenden Aufgaben. Nichts könne einen erschüttern, sei man anfangs überzeugt. Man fühle sich als Allrounder in der Seelsorge und im Management. Nun aber sei ihm für sein Gottesbild klargeworden, dass man viel mehr auf Bruchstellen und Verletzbarkeiten schauen sollte als auf Perfektion. “Die menschlich berührenden Punkte sind die Bruchstellen. Das eigene Glaubens- und Gottesverständnis nochmal neu aufzubauen, sei ein Umbau gewesen. Der Klinikaufenthalt habe ihm aber geholfen, seine eigenen Quellen zu entdecken und mit der eigenen Relativität umzugehen, “dass man eben nicht alles kann und nicht alles beherrscht.
Ein Problem dieser Welt sei, sich ständig übersteigern zu müssen, erklärte der Bischof. “Wir kommen mit den Begrenztheiten nicht klar. Gerade die Kirche sollte aber stärker ihre Aufgabe darin sehen, die Menschen dabei zu begleiten und ihnen klarzumachen, dass sie eine weitere Chance hätten. Sein Fazit: “Unser christlicher Glaube könnte uns dazu ermutigen. Wenn Gott Mensch wird, will er unserer Endlichkeit auch ein Stück Raum geben.
Schmidt ist Schirmherr der “Stiftung Deutsche Depressionshilfe und macht mit dessen Vorsitzenden Professor Ulrich Hegerl regelmäßig den NDR-Podcast “Raus aus der Depression, um über die Krankheit aufzuklären. Zu finden ist die Reihe unter www.ardsounds.de. Bisher gibt es mehr als 40 Folgen. Die am Katholikentag produzierte Folge wird in Kürze abrufbar sein.
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