Sperrfrist
Do, 14. Mai 2026, 20.00 Uhr

Do
20.00–21.45
Literatur und Film | Film und Musik
Die Stadt ohne Juden: Filmkunst im Widerstand der 20er Jahre
AT 1924, Regie: Hans Karl Breslauer, 80 min, FSK ab 0
Yona-Dvir Shalem, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Hugo Bettauer nannte seinen Roman von 1922 „Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von Übermorgen". Heute Abend kann man bereits sagen: Willkommen in Übermorgen. Dieser Film und dieser Roman sollten eigentlich eine große Kritik am aufkommenden Antisemitismus in Europa sein – und besonders im deutschsprachigen Raum - beziehungsweise Österreich und Deutschland. 

Hier stehen wir: 104 Jahre nach der Veröffentlichung des Buches, 102 Jahre nach der Uraufführung des Films. Wir befinden uns heute im Übermorgen. Nicht im metaphorischen Sinne – sondern buchstäblich. Wir sind das Übermorgen, von dem er schrieb. Wir leben in der Zeit, die er sich vorstellte – und die er fürchtete.

Meine Rede heute hat drei Teile. Der erste Teil ist biographisch und informativ – zur Person und zum Film, den wir heute sehen werden, damit der Kontext und der historische Hintergrund klar sind. Der zweite Teil ist eine Kritik am Film selbst. Und der dritte Teil enthält einige Überlegungen dazu, diesen Film in unserer Zeit zu schauen – wobei ich versuche, so wenig wie möglich vorwegzunehmen.

Erster Teil: Das Biographische und Faktische

Hugo Bettauer wurde 1872 in eine jüdische Familie geboren. Er konvertierte zur evangelischen Kirche – ein Schritt, der in der damaligen Zeit vielleicht Schutz versprach, aber letztlich nichts nützte. Am 10. März 1925, nur ein Jahr nach der Premiere des Films, betrat ein junger Nationalsozialist namens Otto Rothstock sein Büro in Wien und erschoss ihn. Rothstock war Mitglied der NSDAP. Er wurde verurteilt – aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen.

Bettauer hatte mit seinem Roman und dem daraus entstandenen Film etwas getan, was damals gefährlich war: Er hatte das Undenkbare denkbar gemacht. Er hatte gefragt: Was wäre, wenn die Juden vertrieben würden? Und er hatte – auf seine Art – gewarnt. Doch die Warnung kam in einer Form, die, wie wir noch sehen werden, selbst nicht frei von den Vorurteilen war, die sie bekämpfen wollte. Wir schauen diesen Film heute, und wir werden dabei auch einiges kritisch beleuchten, was er zeigt und darstellt – dazu mehr im zweiten Teil.

Die Regie des Films lag bei Hans Karl Breslauer, einem Wiener Schauspieler, der zum Filmemacher geworden war. Das Drehbuch schrieben Breslauer und Ida Jenbach nach Bettauers Vorlage. In einer frühen Rolle ist Hans Moser zu sehen, der später zu einem der bekanntesten Schauspieler des deutschsprachigen Films werden sollte.

Aber schauen wir genauer hin: Hans Karl Breslauer, der Regisseur dieses Films, der den Antisemitismus anklagen wollte, trat 1940 der NSDAP bei. Hans Moser hingegen nutzte seine Popularität – er war einer von Hitlers Lieblingsschauspielern – um seine jüdische Frau zu schützen.

Und Ida Jenbach, die Drehbuchautorin? Sie starb wahrscheinlich im Ghetto von Minsk – aber wie bei so vielen anderen Opfern des Nationalsozialismus weiß man das nicht so genau.

Zweiter Teil: Die Kritik am Film

Der Film will den Antisemitismus kritisieren. Das ist seine erklärte Absicht. Aber wie wir sehen werden, ist er ein Kind seiner Zeit: In manchen Themen bestätigt er genau das antisemitische Klischee, das er bekämpfen will.

Die zentrale Botschaft des Films lautet: Die Juden sind notwendig – und es wäre ein Albtraum, sie loszuwerden. Es wäre schlecht für die Wirtschaft, für den Wohlstand, für das kulturelle Leben der Stadt. Ohne sie bricht alles zusammen. Das klingt zunächst wie eine Verteidigung. Aber denken wir einen Moment nach: Was wird hier eigentlich gesagt?

Es wird gesagt, dass Juden Geld bringen. Dass sie Wohlstand mitbringen. Dass die Wirtschaft ohne sie kollabiert. Das ist kein Gegenentwurf zum Antisemitismus – das ist seine Bestätigung. Das Klischee vom reichen, wirtschaftsmächtigen Juden ist eines der ältesten und giftigsten antisemitischen Stereotype. Es ist eine Projektion, eine Fantasie, ein Bild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Und genau deshalb ist es so gefährlich: Es klingt wie ein Kompliment – aber es ist eine Falle.

Aufschlussreich ist dabei auch der Vergleich zwischen Film und Buch. Das Buch, geschrieben von einem konvertierten Juden, hat kein Happy End. Der Film hingegen – gedreht von einem Regisseur, der später selbst Nazi werden sollte – trifft eine andere Entscheidung: Er fügt eine Wendung ein, die das Ganze als unwirklich erscheinen lässt. Ich formuliere das bewusst vage, um nicht zu viel vorwegzunehmen. Diese Entscheidung des Regisseurs verrät den Wunsch, nicht genau hinzuschauen, die Problematik nicht wirklich zu durchdringen.

Das ist eine tief problematische Entscheidung. Sie entlastet. Sie schützt den Zuschauer vor der Wirklichkeit. Das Buch ist in dieser Hinsicht ehrlicher – und brutaler. Es gibt keinen tröstlichen Ausweg. Die Stadt ohne Juden ist dort eine Tatsache, keine Vision. Und genau darin liegt seine prophetische Kraft.

Wenn ein Jude eine Satire schreibt, in der Juden für die Wirtschaft verantwortlich gemacht werden, hat das eine bestimmte Bedeutung, einen bestimmten Klang. Er weiß, wie schwierig es ist, vom Schreiben zu leben. Er weiß, dass Juden nicht wirklich die reichsten Menschen sind – nur weil sie Juden sind. Er arbeitet mit diesem antisemitischen Bild und weiß gleichzeitig, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

Im Film begegnet uns auch eine andere Seite desselben Phänomens: der Philosemitismus – die vermeintliche Bewunderung für Juden, die in Wirklichkeit nur die Kehrseite derselben Problematik ist. In den Worten des Kanzlers, wie wir es im Film hören werden:

„Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schätzer der Juden, ich habe, als ich noch nicht den heißen Boden der Politik betreten, jüdische Freunde gehabt, ich saß einst in den Hörsälen unserer Alma mater zu Füßen jüdischer Lehrer, die ich verehrte und noch immer verehre, ich bin jederzeit bereit, die autochthonen jüdischen Tugenden, ihre außerordentliche Intelligenz, ihr Streben nach aufwärts, ihren vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalität, ihre Fähigkeit, sich jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern!"

Der Film hält sich ansonsten weitgehend an die Romanvorlage – mit Ausnahme des Endes und des Namens der Stadt. Das Buch nennt Wien explizit: eine konkrete, erkennbare Stadt, eine reale Gemeinschaft. Im Film hingegen heißt die Stadt Utopia. Nicht Wien. Der Film wählt einen fiktiven, allgemeinen Ort – weniger konkret, weniger greifbar.

Interessant ist auch, dass der Film bei seiner geplanten Aufführung in New York von der Zensurbehörde verboten wurde. Das Censor Board des Staates New York, bestehend aus drei Frauen – Sally McRee Minsterer, Helen Kellogg und Mary Farrell – untersagte die Vorführung am 30. Juni 1928, wenige Stunden vor der geplanten Premiere. Ihre Begründung: Der gesamte Film sei abwertend gegenüber Juden, und 26 Zwischentitel würden durch Rassenhass zu Verbrechen aufstacheln. Für die New Yorker Aufführung wurde die Stadt daher erneut umbenannt – diesmal in Ventria. Ein anderer Name, ein anderer Ort, eine weitere Schicht der Abstraktion.

Die Tatsache, dass es drei Frauen waren, die diese Entscheidung trafen, verdient besondere Erwähnung – denn im Film selbst sind Frauen kaum vertreten, außer in Bezug auf ihre Beziehung zu Männern: als Objekte, als Anhängsel. Sie sind die Tochter von, die Ehefrau von, die Geliebte von – und so weiter. Fast nie sprechen sie miteinander, außer in einer einzigen Szene, in der eine Mutter mit ihrer Tochter redet.

Die Frauen im Film sind Projektionsflächen, keine Personen. Sie sind Objekte der Begierde, des Spotts, der Manipulation – aber keine handelnden Subjekte mit eigener Stimme. Heute nennen wir das: Misogynie. Und diese fehlende Repräsentation von Frauen stützt auch den Antisemitismus des Films: Hätte er Frauen als eigenständige Personen dargestellt, wäre vielleicht auch eine vielfältigere Darstellung von Juden möglich gewesen – und nicht nur die der jüdischen Geschäftsmänner.

Vielleicht könnte man fragen: Was kann man von einem Film aus dem Jahr 1924 erwarten? Das ist eine legitime Frage. Und die Antwort lautet: Vielleicht nicht mehr. Und trotzdem müssen wir weiterfragen. Genau deshalb schauen wir diesen Film heute, 102 Jahre nach seiner Entstehung. Es ist unsere Aufgabe, die Probleme zu benennen. Es ist unsere Aufgabe zu sagen: Das war nicht in Ordnung – damals nicht, und heute erst recht nicht.

Und dennoch: Der Film bleibt ein wichtiges Zeitdokument, gerade weil er eine Idee sichtbar macht, die bis heute nicht verschwunden ist. Damit komme ich zum dritten Teil meiner Rede.

Dritter Teil: Überlegungen zum Schauen dieses Films in unserer Zeit

Dieser Film aus dem Jahr 1924 zeigt uns: Das Denken, das den Holocaust ermöglichte, war längst da. Die Fantasien von einer Stadt ohne Juden, die Vorstellungen von Vertreibung, die gesellschaftliche Normalisierung des Antisemitismus – all das existierte bereits ein Jahrzehnt, bevor Hitler an die Macht kam. Der Film hat den Holocaust nicht verursacht. Er ist kein Auslöser. Aber er ist ein Beweis dafür, dass das Undenkbare längst gedacht wurde. Dass der Boden längst bereitet war.

Das bedeutet, dass wir keine Art von alternativer Realität beobachten. Rückblickend sind wir Teil dieser Realität – und es gibt keinen Traum, aus dem wir erwachen könnten. Juden wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus Europa vertrieben – und das ist keine neue Geschichte: 1492 durch die Inquisition in Spanien, 1290 aus England, und so weiter durch die Jahrhunderte. Der Holocaust, die Massenmorde, fanden tatsächlich über einen Zeitraum von wenigen Jahren statt. Und doch existieren die systemischen Ideen und die Welt, die dies ermöglichten, schon seit Jahrzehnten – und wir befinden uns erst wenige Jahrzehnte danach. Willkommen in Übermorgen, habe ich zu Beginn gesagt. Man könnte auch sagen: Willkommen in der Stadt ohne Juden. Willkommen in Würzburg.

Wir schauen diesen Film nicht auf eine Weise, die ihn „koschermacht" – sondern auf eine Weise, die von uns Zuschauenden etwas verlangt: die Frage, was unsere Wirklichkeit ist, und was sie möglich gemacht hat.

Im Film kehren die Juden zurück – und werden begrüßt: Mein lieber Jude!

Poetisch gesprochen, oder in der Sprache des Films: Ich stehe heute als dieser „liebe Jude" vor Ihnen. Nicht weil ich das so gewählt habe – sondern weil es die Rolle ist, in die jüdische Menschen immer wieder gedrängt werden. Mal gebraucht, mal vertrieben. Mal willkommen, mal nicht. Mal als Symbolfigur der Bedrohung, mal als Symbolfigur des Wohlstands. Immer eine Projektion. Selten einfach ein Mensch. Wie im Buch steht:

„Diesmal sind sie davongelaufen, das nächste Mal werden sie gegen mich stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna schrieen und morgen crucifige rufen werden!"

Wir leben heute in einem Europa, in dem es wieder Juden gibt – aber das europäische Judentum, das über Jahrhunderte gewachsen war, ist weitgehend zerstört. Einige sind zurückgekehrt. Viele sind weggeblieben. Die Gemeinden, die Kulturen, die Sprachen, die Welten – sie sind verloren. Wir leben im Übermorgen von Bettauers Roman. Und es ist kein Traum, aus dem wir aufwachen werden.

Wir leben immer noch mit den Überresten und Erinnerungen einer zutiefst antisemitischen, einer zutiefst diskriminierenden Gesellschaft. Und wie dieser Film und dieses Buch zeigen: Es hat nicht erst mit Hitler begonnen – es war längst da. Und manches davon ist immer noch da, 104 Jahre danach. Vielleicht sollten wir aufhören, die Jahre zu zählen. Denn es war immer schon da.

Ich möchte zum Schluss etwas Persönliches sagen – besonders hier beim Katholikentag, als Doktorand der Theologie an der Universität Nijmegen in den Niederlanden.

Als ich nach Deutschland kam, um Theologie zu studieren, habe ich das am eigenen Leib erfahren. Ich werde die Universität nicht nennen, aber ich kam dorthin und erklärte, dass ich mich als Doktorand der Theologie einschreiben wolle. Die Sekretärin sagte mir, das gehe an diesem Lehrstuhl leider nicht. Als ich fragte, warum, antwortete sie – zunächst ganz bürokratisch: „Weil Sie Jude sind." Ich dachte, ich hätte sie falsch verstanden. Ich sagte: „Entschuldigung? Es sind doch fast 80 Jahre vergangen, seit Hitler an der Macht war." Und sie meinte: Nein, nein – auch evangelische Menschen dürften nicht an einer katholischen Fakultät studieren, und umgekehrt Katholiken nicht an einer evangelischen. Als ob diese bürokratische Erklärung ausreichen würde, um eine solche Antwort zu rechtfertigen.

Der Reflex war da, bevor die Erklärung folgte. Genau das meint Hannah Arendt, in ihren Worten:

"Die traurige Wahrheit ist, dass das meiste Böse von Menschen getan wird, die sich nie entscheiden, gut oder böse zu sein."

Sie hat sich nicht entschieden, antisemitisch zu sein. Aber der erste Satz kam trotzdem. Das ist das Übermorgen, in dem wir leben. Weniger direkte und offensichtliche Fälle – und doch: Überreste, die im Alltag, im System, in der Bürokratie weiterleben. „Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von Übermorgen." Heute Abend kann man bereits sagen: Willkommen in Übermorgen.

Genießen Sie den Film – und seien Sie bereit für die Gefühle und Gedanken, die er auslösen wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Barbican Centre. Die Stadt ohne Juden: A Dystopian Prophecy of Intolerance. London: Barbican Centre, 2018. PDF. https://www.barbican.org.uk/sites/default/files/documents/2018-11/Die%20Stadt%20ohne%20Juden%20for%20web.pdf

Carter, William H. “Spielerische Gedanken: Economic Crisis and Financial Speculation in Hugo Bettauer’s ‘Die Stadt Ohne Juden’ and Its Adaptation by Hans Karl Breslauer.” Journal of Austrian Studies 49, no. 3/4 (2016): 1–16. http://www.jstor.org/stable/44684647

Lea, Henry A. (1991) "Hugo Bettauer’s Die Stadt Ohne Juden: A Prophetic Novel of Austria’s Interwar Years," University of Dayton Review: Vol. 21: No. 2, Article 14. https://ecommons.udayton.edu/udr/vol21/iss2/14 

Literaturhaus Wien. “Die Stadt ohne Juden.” Literaturhaus Wien. Accessed May 9, 2026. https://www.literaturhaus-wien.at/review/stadt-ohne-juden/

Murray G. Hall. Der Fall Bettauer (Vienna: Locker Verlag. 1978). 

Silverman, Lisa. "Stadt mit Jüdinnen: Antisemitism and Misogyny in Hans Karl Breslauer's Recently Restored Film Die Stadt ohne Juden (1924)." Feminist German Studies 39, no. 1 (2023): 51-72. https://dx.doi.org/10.1353/fgs.2023.a899992


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