Prof. Dr. Jan Loffeld, Pastoraltheologe, Tilburg/Niederlande
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitdiskutand:innen auf dem Podium,
vielen Dank für die freundliche Einladung zu diesem Podium und seine gute Vorbereitung. Ich darf einen einführenden Impuls zum Thema halten. Zugegeben: Es hat mich erst mal wenig angesprochen. Nach den kirchlichen Krisenerfahrungen der vergangenen 15 Jahre – ich denke, alle wissen, wovon ich rede –, soll die Kirche noch Hoffnungszeichen sein? 36% der Deutschen lehnen nicht zuletzt aufgrund dessen die Religion an sich als etwas lebens- und kulturfeindliches ab. Wer sich einmal durch Satireshows durchklickt, merkt das ziemlich schnell: Hier herrscht ein rauer Ton. Auch die zunehmende Zahl von Vandalismen religiösen bzw. kirchlichen Stätten gegenüber zeigt das ziemlich deutlich.
Aber es gab auch noch einen theologischen Grund, wieso mich der Titel nicht vom Sockel gehauen hat: Er riecht noch sehr nach dem 20. Jahrhundert. Romano Guardini bringt es zu seinem Beginn auf den Punkt: „Die Kirche erwacht in den Seelen“. Gemeint war damit, dass die Kirche als lebendige Wirklichkeit im Menschen wirksam wird – im Gegensatz etwa zu statischen, institutionalistischen Konzepten aus dem 19. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert ist damit – Höhepunkt war das II. Vatikanum – das Jahrhundert der Kirchenerneuerung. Aus einem „Jesus Ja, Kirche nein“ sollte ein doppeltes Ja werden. Heute allerdings stehen wir vor einem weder ... noch ...: Zunehmend weder Jesus noch die Kirche wird gewollt und gebraucht. Oder anders: Die Kirche als ein zivilgesellschaftlicher Player wird geschätzt, sie wird allerdings nicht als Religionsgemeinschaft im engeren Sinn benötigt. Ursachenfragen sind sehr komplex. Allerdings ist deutlich, dass erstens bereits unter uns strittig ist, was denn eine ideale Kirche wäre und zweitens, ob eine solche wirklich die einzige Voraussetzung für den Glauben ist.
Es kann also nicht nur um die Kirche gehen. Ich möchte noch einen zweiten interessanten Umfragewert anführen, der etwas zeigen kann: Für 81% der Deutschen ist Seelsorge ein wichtiger Anker in schwierigen Lebenssituationen. Dabei bleibt zusätzlich bemerkenswert, dass dieser Wert in älteren Generationen am höchsten liegt, aber auch die 18-29jährigen schätzen Seelsorge mit 67%.
Seelsorge ist natürlich eine klassische Tankervokabel, die sich nicht trennscharf abgrenzen lässt zu anderen Worten dieses Begriffsfeldes wie spiritual care oder well being. Und eine Minderheit derer, die Seelsorge schätzen, glauben an Gott bzw. bezeichnen sich selbst als religiös. Aber doch kann uns dieser Wert, der den Beliebtheits- und Vertauenswerten in die Kirchen entgegensteht, auf eine richtige Spur führen: Die Kirche ist zu etwas da. „Seelsorge sei die Muttersprache der Kirche“, sagt Bischöfin Fehrs. Und die Deutschen Bischöfe schrieben: „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“. Anders gesagt: Seelsorge ist der Daseinszweck der Kirche.
Diese Spur kann uns m. E. auch für das Thema unseres Podiums weiterführen. Bei aller Schwammigkeit und Offenheit des Seelsorgebegriffs steht er doch für eine Art Überschüssigkeit oder Unabgeschlossenheit des Lebens. Für Transzendierungen, die sicherlich nicht immer die Transzendenz anzielen. So wie die unzähligen Kerzen, die in unseren Kirchen entzündet sind – übrigens sind es 70% der Deutschen, die das tun, ähnlich viele, wie die die Seelsorge schätzen.
Sie stehen damit für den eigentlichen Zweck der Kirche: etwas offen zu halten, das über das Hier und Jetzt hinausgeht, wenn man so will: sie steht bestenfalls für eine Hoffnung. Nochmals: Das meint nicht, dass dies auch ein religiöses Bedürfnis ist oder, dass wir dies von außen mit dem Label „Religion“ versehen dürften. Auch diese Gleichsetzung eines jeden Sehnsucht mit einem religiösen Bedürfnis stammt aus dem 20. Jahrhundert.
Wenn das stimmt, dann könnte man vielleicht sagen, die Kirche macht einen guten Job, wenn sie es schafft, für das Unverrechenbare und Überschüssige des menschlichen Lebens zu stehen. Ja, für das, was man Hoffnung und Perspektive nennen kann. Sie macht einen guten Job, wenn sie dem einen Rahmen gibt: In Ritualen, Gebäuden, Gesprächen, Angeboten zur Lebensbegleitung, aber auch in der Sakramentenkatechese oder der Kleiderkammer. All dies ist und wird künftig wahrscheinlich noch stärker immer deutlicher passager abgefragt: Menschen gehen als Flaneure oder Zaungäste ein Stück mit. Ebenso ist die Hoffnungserwartung diffus: Man weiß nicht so recht, was und worauf man hoffen soll. Offenbar steht die Kirche hier gerade aufgrund ihrer institutionellen Festigkeit für eine Art Verlässlichkeit.
Beispiel Lederhandschuhe
Ein weiterer Gedanke ist wichtig: Der Seelsorgebegriff ist in Deutschland nicht geschützt. Jede und jeder kann sich Seelsorgerin oder Seelsorger nennen. Das stellt gerade sich als christlich verstehende Seelsorge vor eine neue Situation. Wir haben kein Copyright auf die Seelsorge. Die Grundfrage ist daher: Was macht christliche Seelsorge aus? Mal provokativ gefragt: Könnte es jene erwähnte spezifische christliche Hoffnungs- und Trostperspektive sein? Dass sie davon ausgehen darf, jenes Überschüssige mit konkreten Geschichten verbinden zu können und der Hoffnung eine konkrete Person – also Jesus Christus – zuordnen zu können, die der Grund unserer Hoffnung ist?
Mir persönlich ist das in eigenen Situationen von Trauer und Tod neu deutlich geworden. Ich habe dabei gelernt: Man kann als Seelsorger noch so professionell andere begleiten, wenn man selbst trauert, sieht das alles etwas anders aus. Man kann sich nicht eigener Seelsorger sein. Es braucht eben diese Dimension von außen: Die Hoffnung, dass ein anderer die Tränen abwischen wird. Dies nicht allein und vor allem selbst tun zu müssen.
Die Kirche hat die Hoffnung, die sie verkörpern darf, nicht aus sich selbst. Aber sie hat eine lange Weisheitsgeschichte und ein Gedächtnis der Hoffnung, der Menschen offenbar immer noch intuitiv trauen – etwa, wenn bei Amokfahrten vor Kirchen Kerzen angezündet werden oder Gedenkgottesdienste immer noch in Kirchen gefeiert werden. All das – nochmals – dürfen wir nicht vorschnell als existentielles religiöses Langzeitbedürfnis verstehen. Das würde die Phänomene überformen. Vielen reicht ein kurzer, unverbindlicher Kontakt mit der Außenseite oder dem Ausfluss der Religion. Allerdings werden die christlichen Kirchen eben von Zeit zu Zeit als Speicherorte für jene überschüssige Dimension des Lebens angefragt, die manche oder sogar viele empfinden. Eine Gefahr wäre es, dies narzisstisch zu deuten: Wir sind wieder wer, es geht nicht ohne uns. Die evangeliumsgemäße Linie wäre vermutlich jene, die auch Jesus mit den vielen an seinem Weg pflegte: Menschen willkommen zu heißen und, wenn Sie so wollen, den Saum seines Gewandes berühren zu lassen. Was dann auch immer daraus wird.
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