Jelena Micovic, Sozialarbeiterin und Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für Rückkehrende, Belgrad/Serbien
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute sprechen wir über den Kampf um Arbeitskräfte – und über die Frage: Wo bleibt Fairness in Migration und Ausbildung?
Ich möchte in diesem Impulsreferat aus dem Blickwinkel von Menschen aus Serbien sprechen, die zur Arbeit nach Deutschland kommen. Und ich möchte dabei zugleich über etwas Grundlegendes nachdenken: über Würde, über Gerechtigkeit und über den Wert von Bildung.
Situation in Serbien
In den letzten 15 Jahren haben fast 600.000 gut ausgebildete Menschen aus der arbeits- und leistungsstärksten Altersgruppe Serbiens dieses Land verlassen. Serbien hat knapp 6,5 Millionen Einwohner. Das bedeutet: Es geht nicht um irgendeine Wanderung – es geht um einen Aderlass der Zukunft dieses Landes.
Serbien ist ein Land, in dem seit Jahren eine kurzsichtige Politik betrieben wird. Man freut sich, dass Geldüberweisungen aus dem Ausland – also das, was Familienangehörigen in der Heimat zum Leben geschickt wird – einen erheblichen Beitrag leisten, etwa in der Höhe von rund einer Milliarde Euro nur an Mehrwertsteuer-Einnahmen. Diese Geldüberweisungen können soziale Härten abfedern und der Regierung somit erlauben, sich nicht primär um soziale Fragen des Landes zu kümmern. Aber wenn kontinuierlich vor allem junge, gut ausgebildete Menschen auswandern, entsteht ein nationales Risiko – ein Risiko, vor dem die politischen Entscheidungsträger die Augen verschließen.
Wenn man den jährlichen Gesamtschaden – also den Verlust beim BIP und die Investitionen in die Ausbildung – zusammenrechnet, ergibt sich eine Größenordnung von 2,5 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr. Was bedeutet das?
Das heißt: Serbien verliert nicht nur das Geld, das in die Ausbildung investiert wurde. Serbien verliert zugleich künftige Steuereinnahmen, Produktionskraft und Entwicklungspotenzial. Und es verliert vor allem seine Jugend: Schon jetzt gibt es viele ländliche Gegenden, in denen Fachärzte oder Lehrkräfte fehlen. In manchen Dörfern leben überwiegend nur noch ältere Menschen, landwirtschaftliche Betriebe verwahrlosen. Das ist ein Verlust an Menschenleben, an Zukunft und an Hoffnung.
Was heißt es, Arbeitsmigrantin oder Arbeitsmigrant in Deutschland zu sein?
Für viele beginnt das Leben in Deutschland mit Erfahrungen, die schwer auszuhalten sind. Die Anerkennung von Qualifikationen dauert lange oder gelingt nur teilweise. Häufig bedeutet das zuerst einen beruflichen Abstieg.
Ein persönliches Beispiel: Mein Vater war Chefarzt an einer großen Klinik in Belgrad. Nach der Übersiedlung erreichte er nie wieder eine leitende Position. Und auch ich konnte nach meinem Studium als Diplom-Germanistin nicht in dem Maße arbeiten, wie es meiner Ausbildung entsprochen hätte – nicht einmal als Lehrkraft im Fach Deutsch als Fremdsprache.
Sprachkenntnisse werden zur Eintrittskarte – nicht nur in den Beruf, sondern auch in das öffentliche Leben. Wer die Sprache nicht einwandfrei beherrscht, wird oft am Arbeitsplatz und im Alltag als weniger kompetent wahrgenommen – und seltener wirklich als gleichwertige Person gehört.
Dazu kommt die Erfahrung eines strukturellen Ungleichgewichts: Verträge sind nicht immer so transparent oder so fair, wie man sie sich wünscht. Besonders dort, wo Machtgefälle besteht, wird Fairness schnell zur Ausnahme: Wer Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und somit des Aufenthaltstitels hat, fragt weniger nach Rechten. Als ich vor zwei Jahren zu einer Konferenz nach Düsseldorf flog, saßen um mich herum mehrere junge Pflegekräfte – überwiegend Krankenschwestern –, die gerade nach Deutschland übersiedelten. Im Gespräch stellte sich heraus, dass alle Arbeitsverträge auf 60 %-Pensum hatten, obwohl ihnen gesagt worden war, dass sie Vollzeit arbeiten müssen. So entstehen Unterschiede in den Gehältern für die gleiche Arbeit.
Viele berichten, sie würden gebraucht als Arbeitskraft, aber weniger gesehen als Person – mit Biografie, mit Verantwortung, mit Träumen. Und manchmal wird Dankbarkeit erwartet, als hätten sie in der Heimat ohnehin keine Arbeit gehabt. Das stimmt so nicht. Viele kündigen ihre Arbeit, um in Deutschland eine Perspektive zu suchen. Sie fehlen dann nicht nur als Beschäftigte, sondern auch als Söhne, Töchter, Mütter und Väter.
Fairness – im Umgang mit Ausbildung und Rückkehr
Deutschland braucht Arbeitskräfte – das ist richtig. Aber Migration darf nicht nur nach Nutzen bewertet werden.
Aus meiner Praxis kann ich Ihnen sagen: Mehr als 50 % aller Rückkehrenden nach Serbien sind minderjährig. Und gerade diese Kinder und Jugendlichen – insbesondere als Angehörige der Roma-Gemeinschaft, die zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in Serbien gehört – werden nicht als Zukunft gesehen, sondern eher als Problem verwaltet. In Deutschland, aber auch in Serbien.
So stellt sich die unbequeme Frage: Wo bleibt Fairness, wenn die einen gezielt herangeholt und die anderen zurückgeschickt werden?
In der öffentlichen Debatte wird häufig unterschieden zwischen "gewollter" und "nicht gewollter" Migration. Den weniger gebildeten Migrantinnen und Migranten wird oft nahegelegt, zurückzugehen – mit dem Argument, sie seien "Wirtschaftsmigranten" oder hätten "kein Bleiberecht".
Und darum frage ich: Ist das gerecht? Oder ist es am Ende nur effizient – effizient für den Arbeitsmarkt, effizient für die Erreichung politischer Ziele, aber weniger effizient für die Menschenwürde jener, die davon betroffen sind?
Schlussgedanke
Sehr geehrte Damen und Herren, am Ende geht es um ein christliches Maß. Menschen sind nicht Mittel zum Zweck. Bildung ist nicht nur Ware – sie ist Hoffnung, Verantwortung und Zukunft. Wir dürfen Bildung nicht wie eine Maschine behandeln, die nur nach ihrer "Nützlichkeit" bewertet wird. Bildung ist oft nicht allein Ausdruck von "Wille", sondern Ergebnis von Zugängen: Schule, Geld, Netzwerke, Gesundheitsversorgung, Sicherheitslage – Dinge, die Menschen nicht immer frei wählen konnten.
Wenn wir Migration fair gestalten wollen, müssen wir nicht nur fragen, was dem Arbeitsmarkt dient. Wir müssen auch fragen, was den Menschen gerecht wird: gleiche Anerkennung, faire Verfahren und echte Chancen – in Deutschland, aber auch in Serbien.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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