Sperrfrist
Sa, 16. Mai 2026, 09.30 Uhr

Sa
09.30–10.30
Biblische Dialoge | Biblischer Dialog
Asmaa El Maaroufi, Bertram Meier
Die Heilung eines Blinden bei Jericho (Markus 10,46-52)
Bischof Dr. Bertram Meier, Augsburg

Herzlich willkommen zu diesem gemeinsamen biblischen Impuls.

Wir hören heute eine Geschichte aus dem Markusevangelium: die Heilung des blinden Bartimäus.

„Hab Mut, steh auf!“ – Unter diesem Motto steht der Katholikentag hier in Würzburg. Was hat Mut mit einer Heilungsgeschichte zu tun? Dieser Frage wollen wir im gemeinsamen Gespräch über den Bibeltext nachgehen. 

„Hab Mut, steh auf!“ – Das ist kein dekorativer Satz. Mut braucht man nur, wenn die Situation schwierig ist. Und Aufstehen heißt: Sich nicht abfinden mit dem, was ist. 

Der blinde Bartimäus bleibt beharrlich, er kämpft um seine Heilung, er vertraut und glaubt. 

Hören wir selbst. 

Die Heilung eines Blinden bei Jericho

46Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. 47Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! 48Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! 49Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. 50Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. 51Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. 52Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

 

Erster Zugang – Wahrnehmung des Textes/Eindrücke

Der Text des Evangelisten Markus erzählt von einer Heilung – nach der Begegnung mit Jesus kann der blinde Bettler wieder sehen. Damit fügt sich die Geschichte des Bartimäus ein in eine Reihe biblischer Erzählungen über die Heilung von Kranken, ausgegrenzten Menschen. Eine von vielen Heilungsgeschichten also?

Was an diesem Text sofort auffällt:

Er erzählt nicht einfach von einem Wunder. Es ist nicht einfach nur eine Therapiegeschichte. 

Er erzählt von einem Menschen, von einer konkreten Glaubensgeschichte. 

Bartimäus wird nicht anonym dargestellt.

Sein Name, seine Herkunft, sein Status werden genannt.

 

Und noch etwas ist ungewöhnlich:

Im Zentrum scheint nicht die eigentliche Heilung zu stehen, sondern vielmehr Bartimäus‘ Entschlossenheit, sein Mut, sein Vertrauen, sein Rufen nach Jesus. 

Äußerlich ist es eine „klassische“ Erzählung über eine Heilung: Ein kranker, scheinbar gebrechlicher Mensch, ausgeschlossen von der Gesellschaft, am Existenzminimum, wird geheilt. 

Innerlich ist der Blinde Bartimäus aber stark. Er ruft nach Jesus. Er glaubt. Er vertraut auf den, der Heilung verheißt. 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Wie wirkt der Text auf Sie – und was fällt Ihnen besonders auf?

Was verbinden Sie mit (Wunder-)Heilungen?

Wie erscheinen Heilungsgeschichten im Koran?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Kontext (Zeitliche Einordnung des Textes)

In welchem Kontext steht die Erzählung über die Heilung des blinden Bartimäus?

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem – sein Tod und seine Auferstehung wurden in den vorhergehenden Texten bereits drei Mal angekündigt. Die Heilung des blinden Bartimäus bildet dabei die letzte Wundererzählung im Markusevangelium. Sie markiert eine entscheidende Schnittstelle: Sie steht am Übergang zwischen dem Abschnitt über Jesu Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,45) und dem folgenden Bericht über das Passionsgeschehen in Jerusalem (Mk 11,1–16,8). Damit gehört sie noch zum Mittelteil des Evangeliums, der das eigentliche Herzstück der Darstellung bildet.

Inmitten einer Menschenmenge – vermutlich viele Pilgernde – ist Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Wie auch sonst eilt ihm sein Ruf voraus: Menschen versammeln sich am Weg.

So auch in Jericho, nur wenige Kilometer vor Jerusalem.

Die Erzählung von Bartimäus ist gewissermaßen eine späte Heilungsgeschichte.

Bartimäus sitzt am Rand, am Wegesrand vor Jericho.

Er wird als „blinder Bettler“ bezeichnet – und damit ist seine Situation klar umrissen: Er steht ganz unten. Als Bettler vor den Stadtgrenzen gehört er zur untersten Schicht der Gesellschaft, in einer besonders prekären und vulnerablen Lage. Er besitzt nur das, was er am Leib trägt – seinen Mantel. Er ist nicht nur arm, sondern auch blind.

Blindheit bedeutete damals nicht nur Krankheit, sondern auch soziale Ausgrenzung. Häufig wurde sie sogar als Strafe Gottes gedeutet.

Jesus durchbricht genau dieses Denken: Er stellt keinen Zusammenhang zwischen Schuld und Krankheit her.

Auch der Ort ist sprechend:

Vor den Toren einer reichen Stadt sitzt einer, der nichts hat.

Der Wegesrand ist der Ort der Ausgeschlossenen.

 

Interpretation mit Bezug zur heutigen Zeit

Bartimäus' Rufen 

Die eigentliche Heilung Bartimäus‘ wird gar nicht genau beschrieben.

Im Zentrum steht zunächst etwas anderes: sein Rufen, sein Vertrauen, seine Entschlossenheit.

Bartimäus lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Obwohl viele ihn stoppen wollen, schreit er noch lauter:

„Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“

Im Ruf zeigt sich bereits der Glaube des Blinden: Er ruft nicht einfach nur „Jesus“. Er spricht ihn als Davidssohn – er hofft, er weiß, dieser Jesus kann ihm helfen. Dieser Hilferuf ist zugleich ein Bekenntnis. 

Glaube zeigt sich hier nicht in Stille, sondern im beharrlichen Rufen.

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Welche Rolle spielt dieses beharrliche Bitten im islamischen Glauben?

Hat dieses laute, ehrliche Rufen zu Gott dort einen vergleichbaren Platz?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Das verbindet unsere Traditionen: Der Mensch darf und soll sich direkt an Gott wenden, mit seiner ganzen Not.

 

Die Rolle der Menschen

Die Menschenmenge verändert sich: Laut sind zu Beginn die Rufe, die den Blinden übertönen wollen, die ihn zurückdrängen.

Zunächst: „Sei still!“

Wie reagiert Jesus in dieser Situation?

Er verurteilt die Menschen nicht. Er ist geduldig und fordert seine Anhänger einfach auf, den Blinden zu rufen. 

Dann: „Hab Mut, steh auf!“

Vielleicht lässt sich auch das als kleine Heilung, aber zumindest als Punkt des Wandels bezeichnen: Die gleiche Gemeinschaft kann ausgrenzen oder ermutigen. 

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Was bedeutet das für religiöse Gemeinschaften heute?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Das ist eine bleibende Aufgabe für uns alle.

 

 

Die entscheidende Frage

Dann geschieht etwas Entscheidendes. Die Perspektive ändert sich, Jesus scheint in den Vordergrund zu rücken und stellt sich gleichzeitig in den Hintergrund. 

Jesus bleibt stehen und stellt eine Frage:

„Was willst du, dass ich dir tue?“

In ihrer Einfachheit ist diese Frage radikal.

Jesus weiß es nicht einfach besser. Er zwingt nichts auf. Er fragt, was sein Gegenüber braucht.

Er nimmt den Menschen ernst.

Bartimäus antwortet klar:

„Ich möchte sehen können.“

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Was bedeutet es in Ihrer Tradition, Gott konkret um etwas zu bitten?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Vielleicht liegt genau darin Würde: Dass der Mensch vor Gott sprechen darf und ernst genommen wird.

 

Glaube und Heilung

Am Ende sagt Jesus nicht: „Ich habe dich geheilt.“

Er sagt:

„Dein Glaube hat dich gerettet.“

Das ist mehr als Heilung. Es geht um ein neues Leben. 

Und wichtig: Das Vertrauen des Blinden steht noch vor seiner Heilung. Er glaubt an die Heilskraft Jesu. 

 

Hier zeigt sich auch ein Unterschied:

Im christlichen Verständnis wirkt Gott durch Jesus.

Im Islam wirkt Gott selbst – und Jesus ist sein Gesandter.

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Wie würden Sie dieses Handeln Gottes beschreiben?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Vielleicht sind das unterschiedliche Perspektiven aber beide betonen:

Heilung geschieht nicht ohne Gott – und nicht ohne Vertrauen.

 

 

Blindheit heute

Blindheit ist hier mehr als eine Krankheit. Denn schon in der griechischen Antike ist das „Sehen“ symbolisch mit Erkenntnisfähigkeit verbunden. Somit kann Blindheit viele Aspekte habe, wie fehlende Einsicht und fehlende Empathie.

 

Auch im Koran heißt es:

Nicht die Augen sind blind, sondern die Herzen. [„…Doch siehe, nicht ihre Augen sind blind, blind sind die Herzen, die in ihrer Brust sind.“ (22:46, Übersetzung Hartmut Bobzin)]

Das trifft unsere Gegenwart:

Blindheit für Leid, für Ungerechtigkeit, für Wege zum Frieden.

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Wo sehen Sie heute diese „Blindheit des Herzens“?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Diese Frage richtet sich an uns alle.

 

Der Mantel - Vertrauen und Nachfolge

Ein oft übersehener Moment:

Bartimäus wirft seinen Mantel weg.

Das ist alles, was er hat.

Seine Sicherheit.

Er lässt ihn zurück.

Das ist Vertrauen.

Glaube beginnt dort, wo man sich nicht mehr vollständig absichert.

 

[Bischof Dr. Bertram Meier an Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi:] 

Gibt es im Islam eine vergleichbare Haltung des radikalen Vertrauens?

 

[Prof.in Dr.in Asmaa El Maaroufi gaht darauf ein]

 

Das verbindet: Glaube heißt, sich Gott anzuvertrauen, nicht nur theoretisch, sondern existentiell.

Nach der Heilung fordert Jesus Bartimäus auf: „Geh!“ – Er kettet ihn nicht an sich, die Heilung verpflichtet Bartimäus zu nichts. Jesus öffnet ihm seine Zukunft. 

Und dennoch: Bartimäus wird zum Nachfolger Jesu, ohne dass der ihn dazu berufen hat. 

 

Abschließendes Statement

Diese Geschichte ist eine Einladung:

• den Mut zu finden, aufzustehen

• die eigene Blindheit zu erkennen

• Gott zu vertrauen

• und einen neuen Weg zu gehen

Bartimäus wird nicht nur sehend.

Er wird ein Mensch auf dem Weg.

Vielleicht ist das die eigentliche Heilung:

nicht nur sehen zu können,

sondern den richtigen Weg zu gehen.


Text wie von Autor/in bereitgestellt. Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.

 

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