Eröffnung des 104. Deutschen Katholikentags
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Berlin
Liebe Schwestern und Brüder, ich freue mich, dass ich wieder dabei sein kann, wenn Katholikentag ist. Sie wissen alle: Ich bin evangelisch. Ich bin aber mehr denn je der Überzeugung, dass wir Christen nicht nur zusammengehören, sondern: Dass wir das auch öffentlich deutlich werden lassen müssen.
Ihre besondere Botschaft, die kein anderer sagen kann, können Christen wirklich überzeugend am besten gemeinsam zu Gehör bringen.
Katholikentage und Evangelische Kirchentage sind Orte der Vergewisserung, aber inzwischen immer auch Begegnungsorte, ja Zeugnisse dieser tiefen Gemeinsamkeit aller Christen. Das ist eine der erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Festigen wir auch hier in Würzburg weiter diese Zusammengehörigkeit. Wenn ich mir bei meiner letzten Rede auf dem Katholikentag als Bundespräsident etwas wünschen dürfte, dann bitte das: Mehr Ökumene wagen!
Vielleicht haben fast alle hier das Gefühl: Dieser Katholikentag kommt zur rechten Zeit. Er kommt vor allem zur rechten Zeit mit seinem Motto: „Hab Mut, steh auf!“.
Ich glaube, nicht nur ich, viele begegnen in diesen aufgewühlten Zeiten immer häufiger Menschen, die müde geworden sind, die sich am liebsten irgendwo fallen lassen oder sich unter irgendein schützendes Dach verkrümeln würden. Unsere Gegenwart und ihre immer schneller einander nachfolgenden schlimmen Nachrichten haben viele erschöpft und passiv werden lassen.
Das geht über das Private hinaus bis in die Wahrnehmung von Politik. Viele haben das Gefühl, es ginge nichts mehr, die Zukunft könne notwendigerweise nur düster sein. Wir müssen aufhören, uns selbst in die Ohnmacht und das Land in den Abgrund zu reden. Gerade Christen müssen aufstehen gegen die täglich neu befeuerte Weltuntergangsstimmung, gegen die Vorstellung einer Welt ohne Hoffnung und Zuversicht. Eine Welt ohne Hoffnung und ohne Zuversicht, das ist nicht unsere Welt.
Eure Aufforderung "Hab Mut, steh auf!" ermuntert und ermutigt dazu, sie verspricht aber keine einfachen Lösungen. Sie nimmt niemandem den Weg ab, den man gehen muss. Sie will nur den Anstoß geben, trotz aller Müdigkeit noch einmal einen Schritt zu probieren, einen neuen Schritt, auf dass sich noch einmal ein Weg eröffnet.
"Hab Mut, steh auf!", das wäre also ein Wort zur rechten Zeit. Für wohl jede und jeden von uns. Aber: Können wir es hören, können wir es annehmen, können wir darauf vertrauen, dass es sich lohnt, neuen Mut aufzubringen?
Das können wir zunächst einmal uns gegenseitig zusagen. Hier, ganz konkret, bei den Podien und Gesprächsrunden und Gottesdiensten auf dem Katholikentag. Wir merken wieder, was wir aneinander haben, wie viel Kraft wir selber wieder bekommen, wenn wir das Engagement anderer sehen. Wir wissen: Die Welt ist keine Kirchenmeile – aber wir werden wieder sehen: Die Welt braucht hier und da so etwas wie eine Kirchenmeile, braucht Orte und Menschen, die mutig sind, die aufstehen und einen guten Weg gehen.
Manchmal können auch Erinnerungen an Erreichtes Mut wecken: Ich weiß, wie vielen Würzburgerinnen und Würzburgern, auch in den nachfolgenden Generationen, die fast vollständige Zerstörung ihrer Stadt unauslöschliche Erinnerung ist. Wie viel Mut und Tatkraft es damals gebraucht hat, neu anzufangen, eine Stadt praktisch neu aufzubauen! Und wie hier der damals so junge und später so herausragende und unvergessene Würzburger Bischof Julius Döpfner mit dem Appell: "Wohnungsbau ist Dombau" das starke soziale Engagement von Christen und Kirche beim Wiederaufbau gleichzeitig forderte und auf den Punkt brachte.
Glaube und der Einsatz für das praktische Zusammenleben der Menschen gehören zusammen.
Das wird Tag für Tag in Caritas und Diakonie gelebt, auch in den vielen Jugendgruppen, von der Katholischen jungen Gemeinde bis zu den Pfadfindern. Unsere Gesellschaft lebt von diesem sozialen Dienst, der aus einer gelebten Überzeugung von der Würde eines jeden Menschen kommt. Der Dienst vom Menschen am Menschen ist keine Selbstverständlichkeit, er verdient Achtung und Wertschätzung. Vor allem verdient er unseren Dank, liebe Schwestern und Brüder!
Viele von ihnen werden sich auch am 23. Mai, am Ehrentag beteiligen. Zum Geburtstag unseres Grundgesetzes werden sich überall im Land Menschen auf die denkbar unterschiedlichste Weise für die Gemeinschaft einsetzen. Unsere Verfassung, unser Fundament für Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit feiern – feiern durch aktives Tun von ganz vielen: Das sollten wir zukünftig in jedem Jahr tun.
Mut macht auch der neue Papst, der jetzt ein gutes Jahr im Amt ist. Leo XIV. kennt die Welt, wie ich selber in einem langen Gespräch mit ihm erfahren konnte. Er kennt die Welt und hat in ihren reichen und in ihren ärmsten Gegenden gelebt. Er besteht in seinen Botschaften unüberhörbar auf dem unauflösbaren Zusammenhang zwischen Glauben und Nächstenliebe. Die Welt kann dankbar sein für diesen unerschrockenen Verkünder einer Botschaft von Gerechtigkeit und Frieden.
Und wenn Papst Leo – in einer Zeit von Krisen und Kriegen – öffentlich größere Anstrengung für den Frieden fordert, dann verdient ein solcher Aufruf doch Unterstützung und nicht Kritik – auch nicht die von den Mächtigsten der Welt.
Ich finde schließlich, dass es Mut macht, einer weltweiten Gemeinschaft der Gläubigen anzugehören. Einer Gemeinschaft, die – wie auch dieser Katholikentag wieder zeigen wird – vor allem aus Hoffnung und aus Freude lebt.
Hier in Würzburg wurde vor über fünfzig Jahren die "Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" beendet – die am Ende den wunderbaren Text "Unsere Hoffnung" beschlossen hatte. Darin heißt es, dass gerade die Freude "ein hervorragendes Zeugnis für die Hoffnung" ist. Wenn und weil sie echt ist. Diese Freude nämlich, so heißt es dort weiter, "kann man am wenigsten auf Dauer sich selbst und anderen vortäuschen."
Eine Einladung zu solcher echten Freude, die aus Mut und die aus Hoffnung kommt und sich dann in Taten zeigt, eine solche Einladung kann dieser Katholikentag sein.
Ich wünsche Ihnen und uns allen dazu gutes Gelingen.
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