Sperrfrist
Sa, 28. Mai 2022, 14.00 Uhr

Sa
14.00–15.30
Kirche und Theologie | Großes Podium
Von der Sprachlosigkeit zu neuer Sprachfähigkeit
Wie kann die Kirche ihre Botschaft (mit-)teilen?
Philipp Gessler, Journalist und Autor, Berlin

Liebe Schwestern und Brüder,

demütig darf ich diese Anrede wählen, da ich ebenfalls „knarzkatholisch“ bin, wie manche so schön sagen. Ich erwähne das deshalb, um, unter Geschwistern, Euch zu versichern: Was ich zur Kirchensprache sage, kommt nicht von außen, sondern soll ein wohlmeinender geschwisterlicher Rat von innen sein.

 

Aber nun gleich frisch hinein: Ein evangelisches Beispiel zur Kirchensprache: Der neue „Friedensbeauftragte“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und mitteldeutsche Landesbischof, Friedrich Kramer, sprach sich in der Süddeutschen Zeitung vom 16. April 2022 ganz klar gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Aber was tun angesichts der Kriegshandlungen und Verbrechen eines Diktators? Kramers Antwort: „Manchmal können wir alle nur hilflose Zuschauer sein. Und das ist vielleicht gut so."

 

Nur Zuschauen bei Verbrechen eines Diktators? „Und das ist vielleicht gut so.“ Was genau ist „gut“? Und warum?

 

Nun ein katholisches Beispiel: Es geht um sexualisierte Gewalt und ihre Vertuschung. Ihr wisst, dass sowohl der heutige Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, wie der heutige Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, unter Kardinal Joachim Meisner Mitglieder in der Personalkonferenz des Kölner Erzbistums waren. Die Personalkonferenz war ein Gremium, in dem, laut Heße, sämtliche Fälle von sexualisierter Gewalt zur Sprache gekommen seien. Alle hätten in diesem Gremium ihren Rat an Meisner gegeben, so Heße, also auch Woelki. Heße sagte nun im Sommer 2020 zum Thema „priesterliche Missbrauchstäter“ im Erzbistum öffentlich: Was die „schwierigen Entscheidungen“ in diesem Gremium betrifft, „lief es am Ende im Miteinander, und dafür bin ich dankbar“.

 

Ihr hört es heraus: Die schönen Worte „Miteinander“ und „dankbar“ von Erzbischof Stefan Heße in Hamburg waren 2020 eine Drohung. Sie meinten unverschlüsselt: „Du, Woelki, hast doch genauso wie ich damals gewusst, was da in Sachen sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln unter Meisner abging. Wenn Du jetzt alle Schuld der Vertuschung auf mich abladen willst, dann erzähle ich mal, was Du damals alles wusstest.“

 

Aber nun bin ich etwas hinein gestolpert ins Thema. Ich will jetzt etwas strukturierter über die Kirchensprache sprechen – und zwar in acht Thesen: 

 

These 1: Die Kirche hat Angst – deshalb stockt ihre Sprache.

In diesen Wochen ist laut Statistik die Zahl der Mitglieder der beiden großen Kirchen wegen anhaltend großer Austrittswellen seit Jahrzehnten unter 50 Prozent der Gesamtbevölkerung gesunken. Das war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Rund 1.250 Jahre nach Bonifatius stellt sich die Frage: Ist Deutschland noch ein christliches Land? Und: Freiburger Finanzwissenschaftler ermittelten 2019, dass sich der Anteil der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren könnte, ebenso die Summe der Kirchensteuereinnahmen.

 

Die beiden Großkirchen sind in einer tiefen Krise, das bezweifelt niemand ernsthaft. Auch deshalb ist ihre Sprache vor allem eine ängstliche geworden. Warum? Es herrscht, das ist ein wesentlicher Grund, ein Bewusstsein vor, einer bröckelnden Institution anzugehören. Da liegt die sehr menschliche Versuchung nahe, so zu reden, dass man ja niemanden verschreckt. Die Folge: Beruhigende, ausweichende Floskeln werden ganz groß: Alle müssen ja irgendwie „mitgenommen“, „angenommen“ und „abgeholt“ werden.

 

Niemand darf verstört oder gestört werden. Ein solch ängstliches Denken und Reden führen zu Krampf und Unsicherheit. Auch der Sprache. Denn klar: Wer Angst hat, wer unsicher ist, wer Zweifel hat, dem stockt die Sprache ganz leicht, auch die Kirchensprache.

 

These 2: Steht zu Euren Zweifeln – das könnte die Kirchensprache reinigen.

Trotz Angst und Zweifel: Man sollte den Glauben nie als eine mühelose, religiöse Wellness-Kur verkaufen. Denn Zweifel gehören zum Glauben. Wo kein Zweifel, da kein Glaube. Und keine Reform der Kirchen, die nötig ist.

 

Die Kirchensprache kann, ja muss sie ihre Zweifel durchaus thematisieren. Gleiches gilt für den Glauben an sich. Denn nichts ist sicher. Wir haben Gott nicht. Niemals. Deus semper major. ER ist immer größer.

 

Martin Luther, ein ohne Zweifel sehr frommer Mann, hat in seinen späten Jahren einmal gesagt: Er habe in seinem ganzen Leben vielleicht drei-, vier Mal wirklich mit ganzem Herzen gebetet. Etwas Katholisches gefällig? Ihrem Beichtvater schrieb die Heilige Mutter Theresa von Kalkutta 1961 (da war sie um die 50 Jahre alt, schon über 30 Jahre Nonne, aber noch lange nicht heilig): „In mir ist kein Gott. Er will mich nicht." Etwa zwölf Jahre vor ihrem Tod, bekannte sie 1985, mit rund 75 Jahren, einem neuen Beichtvater: „In mir ist alles dunkel und ein Gefühl, dass ich von Gott total abgeschnitten bin."

 

Also, Zweifel sind nichts Böses! Raus damit. Das reinigt die Kirchensprache, macht sie ehrlicher, überzeugender. „Die Wahrheit soll Euch frei machen.“

 

These 3: Die Kirchensprache ist oft zu einer fast reinen Binnensprache verkommen. Wer soll das verstehen?

Die kirchliche Sprache kann auf einen Wort- und Bilderschatz von rund 2.500 Jahren zurückgreifen. Ein Segen ist das, aber auch ein Fluch. Bei unseren so gut ausgebildeten Theologinnen und Theologen schleicht die theologische Fachsprache leicht in die Kirchen- und Predigtsprache hinein.

 

Papst Benedikt XVI. hat ja seine Rücktrittsankündigung 2013 auf Latein vorgelesen. Das kann man machen. Muss sich dann aber nicht wundern, wenn selbst viele Kardinäle (und noch mehr Journalisten!) nur Bahnhof verstehen. Eine schlanke, nicht-theologische, nüchterne und alltagsnahe Sprache ist überall nötig. Luther schaute dem Volk aufs Maul, ohne ihm nach dem Mund zu reden, wie es immer so schön heißt. Wenn die Kirchensprache selbst in der Predigt manchmal lächerlich wirkt, dann wird es schwer, das Evangelium zu verkünden. Die Kirche wird so ihrem wesentlichen Auftrag nicht gerecht.

 

These 4: Schwächt den sozialpädagogischen Duktus der Kirchensprache ab!

Die Kirchensprache neigt zu emotional aufgeladenen Wörtern, oft sozialpädagogisch angehaucht. Stichwort: „Abholen“, „akzeptieren“, „annehmen“ und „mitnehmen“. Das ist ein Problem. Woher kommt es? Spätestens seit den Siebziger Jahren hat sich die bundesdeutsche Gesellschaft modernisiert und liberalisiert. Der Glauben an die Pädagogik und auch die Gestaltbarkeit der Gesellschaft durch sie waren groß.

 

Man stand in den Kirchen damals der Reformpädagogik sehr aufgeschlossen gegenüber, leider auch ihren Abgründen (Stichwort: Odenwaldschule). Hinter dieser – man kann sagen – „Sozialpädagogisierung der kirchlichen Sprache“ stand ein stärkeres, eigentlich lobenswertes karitatives Interesse der Kirche: weniger Kult, mehr Einsatz für den Nächsten. In den Siebziger Jahren gab es in kurzer Zeit ein Viertel mehr Mitarbeiter der Kirche im pädagogischen Bereich.

 

Diese sozialpädagogische Sprachfärbung wurde in der kirchlichen Sprache so mächtig, dass sie fast zu einer Eigensprache wurde. Es ging natürlich auch um die Abgrenzung zur harten Sprache der Kriegszeit. Diese sozialpädagogische Sprache aber wirkt heute ziemlich abgenudelt, veraltet – sie holt kaum jemanden noch irgendwo mehr ab, um es in diesem Duktus zu sagen.

 

These 5: Vorsicht vor der „Achtsamkeit“ und anderem Sprachnebel!

Die Kirchensprache hat in den vergangenen rund siebzig Jahren viele Sprachmoden mitgemacht. Neben dem schon erwähnten Pädagogen-Duktus kam vor allem in den Siebziger/Achtziger Jahren eine Färbung durch einen (linken) Polit-Slang. dazu In den Neunzigern war die Managementsprache in Mode. Und derzeit ist eine Sprache der, Ihr ahnt es, „Achtsamkeit“ prägend.

 

Das Problem dabei ist: Die vorsichtige, ja ängstliche kirchliche „Achtsamkeits“-Sprache erschwert nicht zuletzt den internen Dialog. Warum? Um der Harmonie willen, ein großer Wert in der Kirche („… bei euch aber soll es nicht so sein …“), vermeidet die Kirchensprache gerade intern, das klare Wort. Wir sind eben alle Schwestern und Brüder – und wie in fast allen Familien wird über manche Dinge nicht geredet. Oder nur in Andeutungen. Das ist schlecht für eine notwendig klare, offene und unverstellte Sprache.

 

These 6: Die kirchliche Sprache ist oft eine uneigentliche, ja feige Sprache 

Die Kirchensprache will eine persönliche Sprache sein, stets ehrlich, denn: „Du sollst nicht lügen!“ Deshalb ist sie zwar voller Ich-Aussagen, somit emotional, sie darf, ja will Befindlichkeiten ausdrücken. Das aber wird dann nicht selten hinter einem Schwall an aufblähenden Attributen und Adjektiven vernebelt.

 

Eine Folge der Harmoniesucht der Kirche ist: Ausdrücke wie „spannend“, „kostbar“ und „wertvoll“ unterliegen einer fast inflationären Entwertung. Wenn alles „spannend, kostbar, wertvoll“ ist, ist es bald nichts mehr – oder es ist nicht mehr als solches erkennbar. Das schaukelt sich hoch. Das angeblich Gelungene, ja Gute wird scheinbar normal, dann aber sind immer neue Superlative nötig. Das tötet auch starke Worte ganz schnell. Die nicht nur von mir sehr geschätzte katholische Publizistin Christiane Florin, sagt: Die Kirche sei „ein einziger großer Bestätigungszirkus“. 

 

Es wird oft so gesprochen, dass alle zustimmen können. Dazu passt der häufige Gebrauch des Wortes „dürfen“, wie Christiane Florin es fein beobachtet hat, gipfelt das in Sätzen wie: „Danke, dass ich hier sein darf, dass ich putzen darf.“

 

These 7: Gibt es einen Ausweg aus dem Elend? Mehr Poesie? Vielleicht.

Was ist zu tun? Eine Lösung könnte, sehr vorsichtig gesagt, sein: Die Kirchen sollten mehr Vertrauen in die starken Worte der Bibel haben, etwa in die oft sperrigen Sätze der Psalmen oder in die kraftvolle Sprache der Propheten. Auch wenn diese Sprache etwas veraltet scheint, so hat sie doch noch so viel Energie, dass sie verständlich bleibt, auch wenn man nicht alles versteht.

 

Vielleicht können junge Leute der Generation „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und „Game of Thrones“. heute sogar noch mehr mit der alten Sprache anfangen als die Generation ihrer Eltern. Die Kirche muss jedenfalls keineswegs dem neuesten Sprachslang hinterherhetzen, schon gar nicht der Jugendsprache. Denn das geht in der Regel schief. 

 

Ein Beispiel aus der „Volxbibel“ (mit „x“ geschrieben), Zielgruppe: vor allem fromm-evangelikale Jugendliche. Das 28. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (Maria Magdalena und eine Gefährtin vor dem offenen Grab) hat da die Überschrift: „Jesus‘ fettes Comeback“. „Hallo, ihr zwei!“, grüßt Jesus sie, und sagt dann: „‚Entspannt euch! Jetzt geht erst mal zu meinen Jungs und richtet ihnen aus, dass wir uns in Galiläa treffen! Da bin ich dann für alle am Start.‘“

 

Und: Vielleicht könnte auch mehr Poesie helfen. Die poetische und die religiöse Sprache sind sich ähnlich, sie könnten sich gegenseitig befruchten. Denn beide nähern sich tastend dem Unsagbaren. Das ist ein Gedanke, den etwa der evangelische Theologe und große Dichter Christian Lehnert aus Sachsen stark macht. Aber das ist ein sehr schmaler Grat, zugegeben.

 

These 8: Weniger Worte! Vertraut der schönen Form. Und der Botschaft Jesu.

Man darf Menschen nie unterfordern. Die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes und selbst eine scheinbar alte Sprache wirken immer, wenn sie vom Herzen kommen. In krisenhaften, schnellen und lauten Zeiten voll verletzender Shitstorms und einer Flut megaschneller Tweets können auch einfache, langsame Zeichen oder das Schweigen stark sein - anstatt immer verzweifelter nach neuen Worten und Umschreibungen zu suchen. Als klarer Kontrast.

 

Und, ganz wichtig: Wer der schönen Form nicht vertraut, macht auch in der Kirche zu viele Worte, die er selber nicht mehr glaubt. Die Kirche kann womöglich gesunden auch an dem, was sie schon hat. Wenn sie darauf vertraut, was bereits ihr Schatz ist: Musik, Gesten, Rituale und Bilder. Das Handauflegen oder ein Segen erklären sich selbst. Gerade die jüngere Generation ist stark von Bildern geprägt. Bilder und Gesten sind wichtiger als früher. Das ist nicht schlecht für die Kirche. Es könnte eine Hoffnung sein. 

 

Vielen Dank!


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