Sperrfrist
Do, 26. Mai 2022, 14.00 Uhr

Do
14.00–15.30
Zentrum Bibel und Spiritualität | Vortrag mit Gespräch
Heil für alle Völker
Ökumenische Perspektiven auf Paulus und den Römerbrief
Prof. Dr. Klaus Wengst, nicht anwesend, Beitrag wird vorgelesen, Braunschweig

Einleitung

 

Der Untertitel unserer Veranstaltung lautet: „Ökumenische Perspektiven auf Paulus und den Römerbrief“. Wie ist er zu verstehen? Die gewählte Formulierung erweckt bei mir den Ein-druck, als suchten gutwillige Christinnen und Christen, die ökumenisch voranschreiten möch-ten, für ihre weiterführenden Ansätze und Versuche Munition bei Paulus. Dann wäre Paulus lediglich eine Herausforderung für die ökumenisch Nachhinkenden. Er ist das aber umfassen-der. Wenn der Bezug auf Paulus und den Römerbrief als einen Teil der heiligen Schrift nicht nur bestätigen soll, was ich ohnehin schon weiß, müsste der Untertitel m. E. heißen: Ökumeni-sche Perspektiven von Paulus und dem Römerbrief.

Paulus war Jude. Und er ist das auch nach der Erfahrung bei Damaskus geblieben. Ein Jude, der sich durch diese Erfahrung davon überzeugen ließ: Gott hat den gekreuzigten Jesus von den Toten aufgeweckt. Und deshalb setzt Paulus fortan sein Vertrauen auf Jesus als den Messias. Er tut das als ein Jude, der sich weiterhin als Teil des Volkes Israel versteht, der an dessen Erwählung durch Gott festhält, auch derjenigen, die nicht an Jesus als Messias zu glauben vermögen. Das „Heil“ dieses Volkes sieht er in diesem erwählenden Handeln Gottes fest verankert. Das verändert in meinen Augen auch den Obertitel unserer Veranstaltung: „Heil für Israel – aber auch für die Völker“.

Besonders mit dem Römerbrief verweist Paulus uns als heutige christliche Kirchen in eine sozusagen biblische Ökumene mit Israel, in eine Partnerschaft mit dem Judentum, eine Part-nerschaft, die das Judentum als Judentum respektiert. Diese biblische Ökumene ist daher selbstverständlich sehr anders als die innerchristliche. Aber kann letztere betrieben werden, ohne die uns biblisch vorgegebene und aufgegebene Partnerschaft mit dem Judentum wahrzu-nehmen und zu praktizieren? Es könnte sein, dass unsere innerchristliche Ökumene dadurch aus festgefahrenen Gleisen je eigener Traditionen herauskommt.

Ich gehe nun weiter so vor, dass ich in einem ersten Teil an Stellen des Römerbriefes aus-führe, dass das für Paulus zentrale Thema lautet: Israel und die Völker. Und nicht, wie wir Protestanten meinten: Rechtfertigung aus Glauben und nicht aus Werken. In einem zweiten Teil versuche ich, Hinsichten für heute aus dem zu gewinnen, was Paulus über Israel und die Völker sagt.

 

1. Die doppelte Einebnung zwischen Israel und den Völkern und die dennoch bleibende Be-sonderheit Israels

 

In den Kapiteln 1–8 des Römerbriefes ebnet Paulus den Unterschied zwischen Israel und den Menschen aus der Völkerwelt in zweifacher Hinsicht ein. Zunächst stellt er mit vielen bibli-schen Zitaten heraus, dass alle Menschen Sünder sind. Darauf blickt er kurz danach zurück: „Es gibt ja keinen Unterschied. Denn alle haben gesündigt und es fehlt ihnen am Glanz Got-tes.“ (Röm 3,22b–23) Sodann betont er: Gottes Handeln durch den Messias Jesus eröffnet auch den Völkern Zugang zu Gottes reichem Erbarmen: „Jetzt nun ist außerhalb des Gel-tungsbereiches der Tora Gottes Gerechtigkeit sichtbar geworden, wie es bezeugt ist von der Tora und den Propheten, nämlich Gottes Gerechtigkeit durch die Treue des Messias Jesus für alle, die darauf vertrauen.“ (Röm 3,21–22a) Auch darauf blickt Paulus an späterer Stelle zu-sammenfassend zurück: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen; denn der-selbe (nämlich Gott) ist Herr über alle, der reich ist für alle, die ihn anrufen.“ (Röm 10,12)

Trotz dieser doppelten Einebnung stellt Paulus die Besonderheit Israels als eine bleibende fest. So erwähnt er schon im ersten Hauptteil des Briefes den großen „Vorzug von Juden“ und „Nutzen der Beschneidung“. Als Begründung führt er pauschal an, „dass sie mit den Worten Gottes betraut worden sind.“ (Röm 3,1–2) Diese hier nur eben angeschlagene Thematik nimmt er ausführlich auf in den Kapiteln 9–11. Natürlich schmerzt es ihn, dass die Mehrheit seiner Landsleute seinen Glauben an den Messias Jesus nicht teilt. Und diesem Schmerz gibt er am Anfang von Kapitel 9 beredten Ausdruck. Dennoch macht er unmittelbar anschließend ganz starke positive Aussagen über sie. Ich zitiere sie jetzt nur und erläutere sie nicht: „Sie sind ja doch Israeliten, ihnen gehören die Sohnschaft, der Glanz, die Bundesschlüsse, die Gabe der Tora, der Gottesdienst und die Verheißungen, ihnen gehören die Väter, und von ihnen kommt der Gesalbte seiner Herkunft nach. Der über allem ist, Gott: Er sei gesegnet für immer. Amen.“ (Röm 9,4–5) Was Paulus hier aufzählt, sind nach Römer 11,29 „Gnadengaben“, Israel von Gott „unwiderruflich“ gegeben.

Näher eingehen will ich auf zwei Sätze am Ende von Kapitel 11. In ihnen nimmt Paulus seine nicht an Jesus als Messias glaubenden Landsleute in zwei Hinsichten in den Blick. Er tut das mit einer Zwar-aber-Konstruktion. Das heißt: Was mit „zwar“ eingeführt wird, ist gewiss zu sagen. Gegenüber dem, was mit „aber“ folgt, ist es jedoch das weniger Gewichtige. Ich finde es bezeichnend und betrüblich, dass viele Übersetzungen dieses „Zwar-aber“ des grie-chischen Textes einfach weglassen, sodass die beiden Hinsichten als gleichgewichtig erschei-nen. In Römer 11,28 heißt es:

„In Hinsicht auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen,

in Hinsicht auf die Erwählung aber Geliebte um der Väter willen.“

Beim ersten Satz ist zu fragen, in welcher Weise nach Paulus seine nicht an Jesus glaubenden Landsleute „Feinde“ sind. Die Einheitsübersetzung fügt ein: „Feinde Gottes“. Das ist durch den griechischen Text nicht gedeckt. Ich halte es für das Nächstliegende, dass Paulus in dem ersten Satz sehr konkret aus eigener Erfahrung spricht. Er ist Verkündiger des Evangeliums, der guten Botschaft von dem Messias Jesus. Als solcher erfährt er bei seinen Auftritten in Sy-nagogen von der dortigen Mehrheit nicht nur verbale Ablehnung, sondern auch handfeste Feindschaft. Zum Zeitpunkt, da er den 2. Korintherbrief schreibt, hat er schon fünfmal die synagogale Prügelstrafe der „Vierzig weniger einen“ verabreicht bekommen. (2. Kor 11,24) Von solchen Erfahrungen her nennt er „in Hinsicht auf das Evangelium“ seine Landsleute „Feinde“. Das sind jedoch schon lange nicht mehr unsere Erfahrungen. Feindschaft hat sich vielmehr Jahrhunderte lang und in ganz anderen Dimensionen in umgekehrter Richtung ereig-net. Daher können und dürfen wir diese Aussage des Paulus von den Juden als Feinden schlechterdings nicht nachsprechen. Paulus fügt zu dieser „Feindschaft“ hinzu: „um euretwil-len“. Er lässt damit anklingen, worauf er in Kapitel 11 schon mehrfach hingewiesen hatte: Die Ignorierung des Evangeliums durch die jüdische Mehrheit führte faktisch zur Verkündigung unter den Völkern und zu deren Hinzukommen zur messianischen Gemeinde.

Ich finde den Umstand spannend, dass für Paulus, dessen Ein und Alles das Evangelium ist, dieses Evangelium nicht den wichtigsten Gesichtspunkt bildet, wenn es um die Juden geht. Da ist der Gesichtspunkt der Erwählung wichtiger. Das also bleibt für Paulus unverrück-bar bestehen, dass die Glieder seines Volkes von Gott geliebt sind – „um der Väter willen“. Aufgrund dessen, dass Gott die Väter erwählt hat – und mit ihnen die Mütter – bleiben auch deren Söhne und Töchter von ihm geliebt. „Denn“, fügt Paulus hinzu, „unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes.“ (Röm 11,29) Das Israelsein Israels hat seinen festen Anker in Gottes Erwählung.

Vor dem langen Briefschluss zieht Paulus ein Fazit. (Röm 15,7–13) Aus ihm nehme ich die zwei zentralen Sätze auf. Der erste lautet: „Ich sage ja: Der Gesalbte – der Messias – ist Diener des Volks der Beschneidung geworden zum Erweis der Treue Gottes, um die den Vä-tern gegebenen Verheißungen zu bestätigen.“ Paulus sagt hier also von Jesus als dem Gesalb-ten eine dienende Funktion gegenüber Israel aus „zum Erweis der Treue Gottes“. Was er in Röm 9–11 ausgeführt hat, wird hier auf eine knappstmögliche Formulierung gebracht: Gott hält Treue zu seinem Volk – unabhängig von dessen Verhalten. Und für diese Treue steht auch Jesus als Gesalbter ein. Er tut es so, dass er die den Vorfahren gegebenen Verheißungen bestä-tigt. Und das sind die Verheißungen von Nachkommenschaft und Land und vom sicheren und gerechten Leben im Land. Als Gesalbter ist Jesus so Diener Israels, dass er solche Verheißun-gen nicht etwa aufgelöst, außer Kraft gesetzt, sondern bestätigt hat. Wenn also der Messias Jesus diese Verheißungen bestätigt hat, was heißt das dann für seine Gemeinde, wenn anders sie sóma christoú, „Leib des Gesalbten“, messianische Verkörperung ist? Wenn sie ihn re-präsentiert? Müsste sie dann nicht seine dienende Funktion gegenüber Israel in dieser Hinsicht einnehmen und wahrnehmen und also für die Gültigkeit und Realisierung dieser Verheißun-gen einstehen?

Im Blick auf die Völker stellt Paulus anschließend fest, dass sie Gott für sein Erbarmen loben. Dieses Erbarmen ist ihnen durch Jesus als den Gesalbten zugekommen. Israel und die Völker stehen also nach Paulus zusammen im Lob Gottes. Dass die Völker Gott loben, be-gründet er im Folgenden mit einer Kette von Schriftzitaten. Dabei zitiert er aus der griechi-schen Übersetzung von Dtn 32,43 eine Aufforderung an die Menschen aus den Völkern. Ich empfinde sie als die schönste Verhältnisbestimmung für Christinnen und Christen zum Juden-tum: „Freut euch, ihr Völker, mit seinem – mit Gottes – Volk!“

 

2. Ökumenisches Lernen im Hören auf Israel

 

Aus den skizzierten Texten des Römerbriefes folgt also, dass wir Christenmenschen aus der Völkerwelt auf Israel/Judentum verwiesen sind. Das ließe sich entsprechend bei den meisten neutestamentlichen Schriften zeigen. Für die alttestamentlichen gilt das ohnehin. Eine wesent-liche Folgerung, die sich daraus für die Auslegung biblischer Texte ergibt, hat Jürgen Ebach prägnant so formuliert: „Hören auf das, was Israel gesagt ist – hören auf das, was in Israel gesagt ist.“ Tun wir das, kann es sein, dass sich vermeintlich unverrückbar feststehende Aus-sagen der je eigenen Tradition als frag-würdig und revisionsbedürftig erweisen. Als Protestant will ich das an der lutherischen Rechtfertigungslehre aufzeigen, für die von Luther an Paulus als Kronzeuge gilt: Rechtfertigung „allein aus Glauben“ und nicht aus „Werken des Gesetzes“, Heil durch Gnade und nicht durch Leistung. Das gilt sozusagen als das Markenzeichen des Protestantismus. Luthers Paulusinterpretation ist bestimmt von seinen Erfahrungen in und mit seiner – und dann nicht mehr seiner – spätmittelalterlichen katholischen Kirche. Was er gegen diese Kirche einzuwenden hat, projiziert er in der Auslegung des Paulus auf „die Juden“. Das zeigt sich besonders markant, wenn er zu einer Bibelstelle bemerkt, sie richte sich „gegen die Papisten, unsere Juden“. Und so wird hier die Rechtfertigung aus Gnaden – gnadenlos antijü-disch: das Judentum als gesetzliche Leistungsreligion, in der man sich das Heil selbst verdient. Das hat im Protestantismus eine lange Tradition und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Und das tut dem Judentum bitter Unrecht. Hört man auf dessen Grundlagentexte außer-halb der Bibel in Mischna, Talmudim und Midraschim, zeigt sich: Die Rechtfertigung aus Gnade ist jüdisch. Ich zitiere nur kurz aus einem längeren Abschnitt, der das Hohelied des Glaubens, des Vertrauens auf Gott singt. Da wird Exodus 14,31 zitiert, wo es von den Israeli-ten nach der Rettung am Schilfmeer heißt: „Und sie glaubten dem Ewigen und Mose, seinem Knecht.“ Darauf folgen Aussagen über Mose, wie sie im Neuen Testament analog über Jesus gemacht werden: „Wenn sie Mose glaubten, gilt der Schluss vom Leichten auf das Schwere, dass sie auch dem Ewigen glaubten. Das ist gekommen, um dich zu lehren, dass jeder, der dem treuen Hirten (Mose) glaubt, so ist, als ob er dem Wort dessen glaubt, der sprach, und es ward die Welt.“ Etwas weiter im Text folgt: „Und so findest du, dass Abraham, unser Vater, diese Welt und die kommende Welt allein dank des Glaubens geerbt hat, mit dem er dem Ewigen glaubte. Denn es ist gesagt (Gen 15,6): „Und er glaubte dem Ewigen und der rechnete es ihm zur Gerechtigkeit an.“ Die Rabbinen sagen hier und an vielen weiteren Stellen nichts anderes als das, was Paulus sagt. Daher: Die Rechtfertigung aus Gnade ist nicht antijüdisch; sie ist jüdisch. Und diese jüdische Lehre beruht auf der jüdischen Bibel. Ich gebe nur zwei Zitate aus Psalm 103: „Barmherzig und gnädig ist der Ewige, langmütig und voller Freund-lichkeit. […] Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, erbarmt sich der Ewige derer, die Ehr-furcht vor ihm haben.

Nimmt man das wahr, kann die lutherische Interpretation der paulinischen Rechtferti-gungsaussagen als Gegensatz zum Judentum nicht stimmen. Sie scheint ihren stärksten Grund in der Gegenüberstellung von Römer 3,28 zu haben. Der Vers lautet in Luthers Übersetzung: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben.“ Aber was sind „des Gesetzes Werke“ (griechisch: érga nómou)? Diese Wendung ist bei Paulus immer negativ akzentuiert. Sie begegnet nur in Zusammenhängen, wo von Menschen aus der Völkerwelt die Beschneidung und die Einhaltung solcher Vorschriften verlangt werden, die die spezifisch jüdische Lebensweise betreffen. Diese Vorschriften bringt Paulus mit der Wendung érga nómou auf den Begriff. Ich gebe sie deshalb mit „Toraprakti-ken“ wieder und umschreibe sie mit: „was die Tora an religiöser Praxis fordert“. Bei der Ent-gegenstellung des Paulus von érga nómou einerseits und Glauben bzw. Vertrauen andererseits geht es also nicht um eine Abwertung des von der Tora geforderten guten Tuns. Daran sollen sich auch die aus der Völkerwelt Hinzukommenden orientieren. Es geht vielmehr um die Gleichstellung von Nichtjuden mit Juden in den auf Jesus als Messias bezogenen Gemeinden, ohne dass die Nichtjuden jüdisch werden müssen. Dafür ist die Rechtfertigung ein wichtiger Aspekt. Aber sie ist nicht der entscheidende Punkt in dem zentralen Abschnitt Römer 3,21–28. Der zielt vielmehr darauf, dass Israels Gott, der seinem Volk die Treue hält, auch Gott der Völker ist. „Heil für alle Völker“ hieße dann also: Einbeziehung von Menschen aus der Völ-kerwelt in das Erbarmen Gottes durch die auf Jesus bezogene messianische Verkündigung kraft des heiligen Geistes – unter Festhalten an der partikularen Besonderheit Israels. Israel geht nicht in einer allgemeinen Universalität auf.

Die Frage nach einer „ökumenischen Perspektive“ ließe sich dann so skizzieren: Wo neh-men wir den Ausgangspunkt? Was sehen wir als unsere Basis an? Ist das im Blick auf die Rechtfertigung Luther einerseits und das Tridentinum andererseits? Oder gehen wir aus den je eigenen Bastionen heraus und zurück auf das uns gemeinsame biblische Zeugnis? Aber wie lesen wir die Bibel und mit welcher Intention? Mit der Brille der je eigenen Tradition, um die-se dann biblisch bestätigt zu sehen? Oder hören wir beim Lesen des Alten Testaments zugleich auf jüdische Auslegungen? Als Auslegungen des Anderen, auf den wir von der Bibel her verwiesen sind und der der Andere bleibt? Geschieht das, lässt uns das den einen Gott deut-lich als Israels Gott wahrnehmen. Es wird uns zugleich davor bewahren, die eigenen Ausle-gungen absolut zu setzen. Und beim Lesen des Neuen Testaments? Ist es uns dabei bewusst, dass die meisten seiner Schriften von Haus aus jüdische Schriften sind? Versuchen wir, sie in ihrem biblisch-jüdischen Kontext zu verstehen? Das würde uns aus konfessionell verhärteten Positionen herausführen und diese in einem anderen Licht würdigen lassen. Nicht verwerfen, sondern würdigen, auch die des je Anderen. Nicht als sozusagen absolute und ein für allemal formulierte Wahrheiten, sondern als ernsthafte Versuche unter ihren je eigenen zeitgeschichtli-chen Bedingungen. Und weil die zeitgeschichtlichen Bedingungen wechseln, können die ein-mal gemachten Aussagen nicht einfach nur wiederholt werden, sondern sind selbst wieder der Auslegung bedürftig.

Das ließe sich an weiteren Bereichen theologischer Reflexion und kirchlicher Praxis ver-deutlichen. Ich will nur eben noch auf das Problemfeld Eucharistie/Abendmahl hinweisen. Unsere diesbezügliche Praxis bezieht sich auf die Berichte über das letzte Mahl Jesu mit seiner Schülerschaft zurück. Diese Berichte deuten das Leben und Sterben Jesu als „für euch“, „für viele“ geschehen. Was hier mit und an Jesus heilvoll für uns und viele geschehen ist, soll im rituellen Vollzug je und je gegenwärtig werden. „Das tut in Erinnerung an mich“, heißt es. Es ist alles andere als ein Zufall, dass die Berichte der Evangelien darüber im Zusammenhang mit dem jüdischen Pessachfest stehen. Auch dort geht es bis heute um die Vergegenwärtigung eines heilvollen von Gott gewirkten Geschehens: die Rettung Israels am Schilfmeer. Diese in der Pessachfeier erinnerte wunderbare Rettung führt zum Lob Gottes. Und dieses Lob Gottes geht aus der Erinnerung an die Vergangenheit in die Gegenwart über, wo eben das von Gott her erhofft und doch immer auch schon erfahren wird, was erinnert wird: der Weg aus Sklave-rei zur Freiheit. Was man als damals von Gott her geschehene Rettung erzählt und glaubt, wird so erinnert, dass es sich beim Erzählen und im Vollzug des Feierns vergegenwärtigt. So kann auf Gottes jetzt erfolgendes rettendes Handeln vertraut werden. Und es wird auch schon – und sei es noch so fragmentarisch – erfahren und auf Gottes endgültiges Retten gehofft. Die neutestamentlichen Texte über die Einsetzung der Eucharistie, des Abendmahls haben m. E. genau diese biblisch-jüdische Erinnerungsstruktur. Könnte ihre Wahrnahme dazu helfen, aus unseren festgefahrenen Gegensätzen herauszukommen, die ihre Wurzeln in ganz anderen Kon-texten als den biblischen haben?

 Noch zwei letzte Sätze: Wovor das Hören auf das, was in Israel gesagt ist, vor allem be-wahren kann, ist die seit dem 2. Jahrhundert außerordentlich stark verbreitete Israelvergessen-heit und Judenfeindschaft. Wo dieses Hören nicht geschieht, wird beides bleiben.


Text wie von Autor/in bereitgestellt. Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.

 
 

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