Sperrfrist
Sa, 28. Mai 2022, 14.00 Uhr

Sa
14.00–15.30
Zentrum Bibel und Spiritualität | Vortrag mit Gespräch
Kein zweiter Fall Galilei
Warum die Bibel nichts über Homosexualität sagt
Prof. Dr. Thomas Hieke, Alttestamentler, Mainz

Einführung: Der Fall Galilei

Gibt es eine Offenbarung Gottes, die uns daran hindern könnte, Erkenntnisse der Humanwissenschaft über die Natur und Sexualität des Menschen in die kirchliche Lehre und Praxis zu integrieren?  

Eine solche „göttliche Offenbarung“ kann es nicht geben. Der Grund dafür ist folgender: Insbesondere der „humanwissenschaftliche Befund“ sucht – wie jede echte wissenschaftliche Forschung – nach der Erkenntnis der Wahrheit über die Welt und den Menschen. Theologisch gesprochen, sind Natur- und Humanwissenschaften die Suche nach Erkenntnis über die Schöpfung Gottes. Wenn also diese Wissenschaften etwas herausfinden, das sich dauerhaft bewährt, haben sie ein Stück der Wahrheit über Gottes Schöpfung und damit über Gott selbst, der sich auch in der Natur offenbart, herausgefunden. 

Bei den Naturwissenschaften hat man dies mit dem so genannten „Fall Galilei“ längst durchdiskutiert: Einst glaubte man, dass dem heliozentrischen Weltbild, das Galileo Galilei durch Experimente und Messungen bestätigt hatte, bestimmte Bibelverse entgegenstünden. So fand man im Buch Josua den Satz „Sonne, bleib stehen über Gibeon“ (Jos 10,12). Daraus schloss man, dass sich die Sonne um die Erde drehe (und eben auch mal stillstehen könnte). So glaubte man, einen biblischen Beweis für ein angeblich geozentrisches Weltbild gefunden zu haben, eine göttliche „Offenbarung“, dass Galilei unrecht habe und die Kirche recht mit ihrer Lehre, dass die Erde im Zentrum der Welt stehe und sich die Sonne um sie herumdrehe. Im Laufe der Zeit und im Zuge der Rechtfertigung Galileo Galileis hat die römisch-katholische Kirche erkannt, dass das Problem nicht bei Galilei, sondern in der Bibelauslegung bestand. Aber erst 1992 wurde Galileo Galilei durch diese katholische Kirche gerechtfertigt.1  Papst Johannes Paul II. sagte damals vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften u.a. Folgendes: 

„Der Irrtum der Theologen von damals bestand … am Festhalten an der Zentralstellung der Erde in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert.“ 

Der Irrtum beim „Fall Galilei“ lag also nicht auf der Seite Galileis und der Wissenschaft von der physikalischen Beschaffenheit der Erde, der Sonne und anderer Himmelskörper. Vielmehr handelte es sich um das Problem einer unangemessenen Weise, die Bibel zu verstehen, also eine falsche Hermeneutik der Bibel. Es ist absurd, aus der Bibel natur- oder humanwissenschaftliche Tatsachen abzuleiten, ebenso absurd ist es, natur- oder humanwissenschaftliche Erkenntnisse zu leugnen oder zurückzuweisen, weil sie angeblich bestimmten Bibelversen widersprechen. Die Bibel ist nicht „einfach so gegeben“, sie bedarf immer des Lesens und damit der Auslegung – und diese Lektüre und Interpretation erfolgt immer durch Menschen, und die sind fehlbar. Bibelauslegungen sind also stets zu überprüfen, vor allem dann, wenn sich scheinbar ein Widerspruch zwischen biblischen Texten und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auftut. 

Der „Fall Galilei“ scheint sich derzeit mit den humanwissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschliche Geschlechtlichkeit zu wiederholen. Der heilige Papst Johannes Paul II. hatte jedoch in seiner Ansprache dazu gemahnt, aus diesem Fall zu lernen. Er ermahnte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, „beim derzeitigen Stand der Wissenschaft und auf ihrem eigenen Gebiet das herauszustellen und zur Kenntnis zu bringen, was als gesicherte Wahrheit oder wenigstens als derart wahrscheinlich gelten kann, daß es unklug und unvernünftig wäre, es zurückzuweisen. So lassen sich unnütze Konflikte vermeiden.“ 

Diese Mahnung von Johannes Paul II. sollten wir uns zu Herzen nehmen. Er sagte 1992: 

„Es ist eine Pflicht der Theologen, sich regelmäßig über die wissenschaftlichen Ergebnisse zu informieren, um eventuell zu prüfen, ob sie diese in ihrer Reflexion berücksichtigen oder ihre Lehre anders formulieren müssen.“ 

Der entscheidende Punkt ist somit die Sicherung und die Akzeptanz der humanwissenschaftlichen Erkenntnisse. Aus meiner Außensicht als Theologe gehe ich davon aus, dass die vielfach vorgetragenen, inzwischen zum Allgemeingut gewordenen Auffassungen von der menschlichen Geschlechtlichkeit mit hinreichender Wahrscheinlichkeit gesichert sind. Sie zurückzuweisen, sei es mit Verweis auf die Bibel oder die Lehre der Kirche, wäre unklug und unvernünftig. Menschliche Sexualität ist komplexer als das Aufeinandertreffen zweier durch ihr biologisches Geschlecht festgelegter Wesen zur Zeugung von Nachkommenschaft. Sexualität ist ein Bereich, der den ganzen Menschen umfasst und der bei Unterdrückung und Verdrängung zu psychischen Schäden führen kann. Die Integration der eigenen Sexualität in eine authentische Persönlichkeit ist eine Lebensaufgabe, die weder ausschließlich auf die Eheschließung und die Zeugung von Kindern hinausläuft, noch damit abgeschlossen ist. Nun hat die Humanwissenschaft seit vielen Jahren mit verlässlichen Studien festgestellt, dass ein kleiner Prozentsatz von Menschen ihre ehrliche und heilsame sexuelle Erfüllung nur mit einem Partner des gleichen Geschlechts erreichen kann. Dahinter steckt weder böser Wille, noch eine falsche Entscheidung. Vielmehr ist es wissenschaftlich gesichert, dass sich der Mensch seine sexuelle Orientierung nicht aussuchen kann, sondern diese im Laufe seiner Entwicklung erspüren und sich erarbeiten muss – dabei kann, wie die Erfahrung zeigt, viel schiefgehen, wenn Zwänge und falsche Vorstellungen von außen aufgedrängt werden. Es gilt, in Elternhaus, Schule und Freundeskreis eine Atmosphäre der Offenheit und Freiheit zu schaffen, damit jeder junge Mensch zu dem findet, was ihn im Innersten ausmacht und so zu einer authentischen Persönlichkeit heranreifen kann.2

  Wenn dem aber so ist, dann ist es von theologischer Seite her anzuerkennen, dass die – noch einmal: im Gesamtvergleich zahlenmäßig wenigen – gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein Teil der Schöpfungsordnung Gottes sind. Damit fallen sie unter das Gesamturteil von Genesis 1,31: „Und siehe, es war sehr gut.“ Warum es gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierungen gibt, wäre für mich nicht der einzige Punkt, den wir an der Schöpfung (noch) nicht verstehen – meine Kolleginnen und Kollegen aus der Biologie kennen noch viel mehr davon. Auch wenn wir das Rätsel (noch) nicht verstehen, darf uns das nicht davon abhalten, gleichgeschlechtliche Sexualität als Teil der guten Schöpfungsordnung Gottes zu akzeptieren. 

  Was wir auch noch nicht so gut verstehen, ist die Beobachtung, dass viele Menschen eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Scheu vor anderen Menschen haben, die ihre gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung offen bekennen. Diese Scheu kann sich bis zur Homophobie steigern, bis zur teilweise gewaltsamen Feindlichkeit gegenüber Menschen mit homosexueller Orientierung. Das Phänomen der Homophobie als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ muss ähnlich intensiv erforscht werden wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. Entsprechend muss auch präventiv dagegen vorgegangen werden: In Schule, Religionsunterricht, Katechese, in Predigt und Gemeindearbeit muss gegen Diskriminierungen aufgrund der homosexuellen Orientierung vorgegangen werden. – Was ich hier über die homosexuelle geschlechtliche Orientierung sage, gilt im Übrigen und im Wesentlichen auch für Menschen mit anderen Orientierungen und sexuellen Identitäten, also für das gesamte LGBTQ+-Spektrum. 

 

Als Mann und Frau…? (Gen 1,27) 

Vielfach3 wird an dieser Stelle Genesis 1,27 mit den Worten „Als Mann und Frau erschuf er sie“ zitiert. Dann wird in diesen Vers hineingedichtet, dass es „etwas anderes“, also etwa ein anderes Geschlecht, nicht gebe, dass Sexualität nur zum „Vermehren“ da sei oder dass es sie nur in der Ehe von Mann und Frau geben dürfe. All das steht nicht im Text. Die neue Einheitsübersetzung gibt Gen 1,27 sehr richtig mit „männlich und weiblich“ wieder, denn es wird im hebräischen Text nur festgestellt, dass es beim Menschen Männliches und Weibliches gibt. Wenn sich ein Männliches und ein Weibliches paaren, gibt es Nachkommen. Diese einfache Alltagsbeobachtung wird bei Gott als Schöpfer verankert. Hier werden weder die Ehe von Mann und Frau als ausschließliche Form noch die Zeugung von Nachkommenschaft als ausschließlicher Zweck von Sexualität normativ festgelegt. Der Text liefert keine Definitionen, sondern staunt darüber, wie wunderbar Gott die Welt gemacht hat. Diese Welt kennt noch viel mehr als das, was Genesis 1 aufzählt – z.B. mehr Tier- und Pflanzenarten oder Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe. All das hat Gott gemacht, „und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31) – auch das, was nicht ausdrücklich erwähnt wird, aber dennoch unleugbar vorhanden ist. Wie die Hautfarben liegen auch die verschiedenen sexuellen Orientierungen nicht in der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Sie sind nach heutiger medizinisch-psychologischer Erkenntnis auch keine zu heilenden Krankheiten. Damit aber sind sie ein Teil von Gottes guter Schöpfung. 

 

Zum Verstehen biblischer Texte (Hermeneutik) 

Im Übrigen ist die Bibel kein Steinbruch, aus dem Stellenangaben zur vermeintlichen Absicherung eigener theologischer Argumentationen gewonnen werden können. Biblische Verse brauchen ihren literarischen und soziokulturellen Kontext. Wenn jemand meint, „Aber in der Bibel steht doch …“, gilt es zwei Dinge zu beachten: Erstens, steht dort wirklich genau das, was als „biblisch“ ausgegeben wird? Oftmals sagen die angeführten Stellen gar nicht das, was angeblich eine „biblische Vorschrift“ sein soll. Und zweitens kann die Bibel als antiker Text nicht unmittelbar als „gesetzliche Vorschrift“ dienen – weder für einen modernen Staat, noch für eine heutige Religionsgemeinschaft, die sich an der Vernunft orientiert. Es bedarf immer der sorgfältigen Auslegung, einer vermittelnden Hermeneutik. Wer dies nicht beachtet und die Bibel lieber wörtlich nehmen will, muss z.B. alle Tätowierten exkommunizieren, denn in Lev 19,28 heißt es: „ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen“. 

 

Das Problem im Katechismus 

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) weist hinsichtlich seiner Auslegung und Hermeneutik der Bibel erhebliche Defizite auf. Man kann das am Beispiel der Homosexualität, die kategorisch verurteilt wird, zeigen. Im KKK heißt es unter Nr. 2357:  

„Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie [die Homosexualität] als schlimme Abirrung bezeichnet [vgl. Gen 19,1–29; Röm 1,24–27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10], hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“.  

Diese Schriftargumentation ist falsch. Grundsätzlich ist zu bedenken, dass die Antike das Konzept einer personalen, auf Liebe und Verantwortung gegründeten Partnerschaft zwischen Menschen gleichen Geschlechts (also „Homosexualität“ im heutigen Sinne) so nicht kannte. In der Bibel ist nicht von sexuellen persönlichen Identitäten die Rede, sondern allenfalls von sexuellen Handlungen, die aus bestimmten Gründen als verwerflich angesehen werden. Sowohl aus historischen als auch aus hermeneutischen Gründen ist der zitierte Satz aus dem KKK problematisch, ja falsch. Das lässt sich an den zitierten Stellen im Einzelnen zeigen.4

 

Verletzung des Gastrechts (Gen 19,1–29) 

Seit Flavius Josephus und Philo von Alexandria stehen die Männer von Sodom in Genesis 19 unter dem Verdacht der sexuellen Abirrung. Sie verlangen von Lot, dass er die von ihm beherbergten Gäste herausgibt, denn sie wollen mit ihnen „verkehren“. Warum wollen die Männer mit Lots Gästen sexuellen 

Analverkehr ausüben? Nach Gen 19,4 sind alle Männer von Sodom, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit, zusammengekommen – sollten wirklich alle homosexuell sein? Wie hätten sich die Leute von Sodom dann fortgepflanzt? 

Und welchen Sinn hätte es dann gehabt, dass Lot, wenn er um ihre angebliche „Homosexualität“ weiß, zum Ersatz seine Töchter anbietet? In Genesis 19 geht es somit nicht um Sexualität. Vielmehr wollen die Männer von Sodom das Gastrecht brechen und durch analen Geschlechtsverkehr die Gäste Lots demütigen – und damit Lot selbst, der in Sodom auch ein Fremder ist. Das war eine verbreitete Kriegstaktik. Die Sünde der Männer von Sodom ist also nicht Homosexualität, sondern die gewaltsame Unterdrückung von Fremden und Schutzbedürftigen.5 Dafür werden sie bestraft. Leider kommt dieses Fehlverhalten auch heute viel zu häufig vor. Kurz: Genesis 19 eignet sich nicht als „biblischer Beleg“, um Homosexualität als „schlimme Abirrung“ zu bezeichnen. Man kann das alles auch auf folgende Formel bringen: In Gen 19 geht es um Vergewaltigung; Vergewaltigung ist aber nicht Sex, sondern Gewalt – also geht es nicht um Homosexualität, sondern um Gewalt. Es wird – so betrachtet – geradezu zynisch und menschenverachtend, Gen 19 weiterhin auf „Homosexualität“ hin zu deuten. 

 

Keine Zeugung von Nachkommen I (Lev 18,22) 

Es fällt auf, dass der KKK nicht den in der Tora vermeintlich einschlägigen Vers Lev 18,22 zitiert:  

„Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.“  

Dieser Vers klingt wie ein generelles Verbot männlicher Homosexualität. Aber wieder ist der Kontext zu beachten: Diese Vorschriften sprechen eine Gemeinschaft in einer ganz besonderen Situation an. Diese Gemeinschaft war in ihrer Existenz bedroht und von der Zeugung von Nachkommen abhängig. Daher verbot sie sexuelle Handlungen, die zu keiner oder zu einer ungeordneten Nachkommenschaft führten: Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau (Lev 18,19) oder mit einem Vieh (18,23) bringt keine Nachkommen. Mit einer anderen als der eigenen Frau zu schlafen (18,20), führt, wenn es zu einem Kind kommt, zu erheblichen sozialen Konflikten. Man soll auch keinen von seinen Nachkommen „für Moloch hinübergehen lassen“ (18,21) – das soll nach Kinderopfern klingen. Gemeint ist aber wahrscheinlich, dass man seine Nachkommen nicht als Arbeitskräfte an die fremde Besatzungsmacht abgeben soll. Dann wären sie nämlich für die eigene Gemeinschaft verloren. Hat ein Mann Samenerguss bei einem anderen Mann statt bei seiner Frau (18,22), gibt es keine Nachkommen. Alle diese sexuellen Handlungen stellen den Bestand der in ihrer Existenz bedrohten, sehr kleinen Gemeinschaft von Judäern im Jerusalem der frühen Perserzeit (5. Jh. v. Chr.) stark in Frage – und werden daher verboten.6 Heute leben wir unter ganz anderen Verhältnissen. Manches von dem, was das Buch Levitikus verbietet, lehnen wir immer noch ab – aber aus guten, vernünftigen Gründen, nicht einfach, weil es in Levitikus steht. Heute gefährden gleichgeschlechtliche Sexualakte zwischen Männern nicht mehr das Überleben einer Gemeinschaft. Das Ausbleiben von Nachkommenschaft in einer solchen Beziehung ist statistisch nicht relevant, deshalb habe ich vorhin betont, dass es nur um einen geringen Prozentsatz von Betroffenen geht. Da ferner Homosexualität bei allen Völkern und Gruppen vorkommt, kann eine Ablehnung von Menschen mit homosexueller Orientierung auch nicht damit begründet werden, dass man die eigene Gemeinschaft, die „rein“ sei, stärken müsse. Mit dem Neutestamentler Günter Röhser möchte ich festhalten: 

„Menschliche Sexualität dient nach heutiger Erkenntnis nicht primär oder ausschließlich der Fortpflanzung, sondern ist eine Dimension menschlicher Begegnung und menschlichen Zusammenlebens überhaupt – mit eigenem Recht und eigener Würde. Da gleichgeschlechtliche Orientierungen bei allen Menschen und Völkern vorkommen, können sie auch nicht mehr als Element der eigenen Identitätssicherung in Abgrenzung zu anderen Gemeinschaften fungieren. Eine Ablehnung homosexueller Praxis wegen Verstoßes gegen das Fortpflanzungs- oder das Abgrenzungsgebot hat deshalb jegliche Plausibilität verloren.“7  

Insofern ist eine wortwörtliche Umsetzung dieser Bestimmung genauso wenig möglich und sinnvoll wie die Befolgung von Opfervorschriften (Lev 1–16) oder das Verbot von Tätowierungen (Lev 19,28). Es geht darum, aus den biblischen Texten den Impuls zu gewinnen, der uns heute zu einem gelingenden Leben in Gemeinschaft führt. Der Vers Lev 18,5 verheißt: Der Mensch, der nach Gottes Geboten handelt, wird leben. Das bedeutet für mich auch, dass ich die Bibel so auslegen muss, dass sie zu einem gelingenden Leben führt und nicht ausgrenzt, Angst macht, Gemeinschaften spaltet, Lebensmöglichkeiten unterdrückt. Aus dem Buch Levitikus lerne ich Folgendes: Menschen müssen ihre Sexualität zu allen Zeiten so gestalten, dass sie ihrer Verantwortung für die Gemeinschaft, in der sie leben, gerecht werden. Sexualität hat immer eine soziale Komponente. Das wird heute bisweilen unterschätzt. – Auch wenn der KKK Lev 18,22 zitiert hätte, wäre dies also kein biblischer Beleg für Homosexualität als „schlimme Abirrung“. Aber schauen wir noch ins Neue Testament. 

 

Keine Zeugung von Nachkommen II (Röm 1,24–27) 

Im Kontext des ersten Kapitels des Römerbriefes geht es um die Schuldverfallenheit des Menschen bzw. aller Menschen. Die will Paulus herausstellen, um die Erlösungsbedürftigkeit deutlich zu machen. Die Hauptschuld der Menschen besteht darin, anstelle des Schöpfers die Geschöpfe anzubeten (menschen- und tierförmige Bilder). Die Strafe Gottes folgt daraus: Gott bewirkt, dass die Sexualität der Menschen verwirrt wird und sie einen Verkehr „gegen die Natur“ pflegen, so dass sie keine Kinder mehr zeugen. Die eigentliche Strafe Gottes ist damit die fehlende Nachkommenschaft – das war in der Antike eine beängstigende Vorstellung. Das verkehrte Tun der Menschen besteht also darin, dass sie Praktiken ausüben, die nicht zu Nachkommenschaft führen. Der „widernatürliche Verkehr“ der Frauen meint nicht lesbische (gleichgeschlechtliche) Handlungen, denn von solchen ist weder im Frühjudentum noch im Alten Testament die Rede. Vielmehr geht es um heterosexuelle Praktiken, die nicht zur Schwangerschaft führen (orale, anale Praktiken, coitus interruptus). „Genauso“ tun es die Männer – somit geht es in Röm 1,27 auch bei „den Männlichen“ (so wörtlich) um das Ziel, Nachkommenschaft zu vermeiden. Paulus zeichnet hier den stereotypen Vorwurf an die Heiden, dass sie gleichgeschlechtlichen Verkehr unter Männern praktizieren, um ihre Sexualität auszuleben und dabei keine Nachkommen zu zeugen. Paulus hat somit ein Handeln im Auge, das auf einer bewussten Entscheidung für das Böse beruht – an eine homoerotische Veranlagung denkt er nicht. Michael Theobald schließt daraus mit Recht:  

„Gibt es aber nach den heutigen Humanwissenschaften dauerhafte gleichgeschlechtliche Orientierungen oder Veranlagungen aufgrund welcher Faktoren auch immer, fallen die paulinischen Texte für eine ernsthafte theologische Anthropologie, die sich im Gespräch mit den Humanwissenschaften befindet, als Argumentationsinstanz aus.“  

 

Keine Zeugung von Nachkommen III – Lasterkataloge (1 Kor 6,9; 1 Tim 1,10) 

An dieser Stelle sei festgehalten, dass weder die synoptischen Evangelien noch die johanneische Literatur (Joh, 1–3 Joh, Offb) gleichgeschlechtliche Beziehungen auch nur ansatzweise thematisieren. Neben dem schon erwähnten ersten Kapitel des Römerbriefs gibt es nur noch zwei neutestamentliche Stellen, die herangezogen werden, und in beiden Belegen steht die vermeintliche 

Homosexualität relativ unscheinbar neben vielen anderen Punkten menschlichen Fehlverhaltens in einem umfassenden „Lasterkatalog“. Die erste Stelle ist wieder von Paulus im ersten Korintherbrief. Die Einheitsübersetzung von 2016 geht in 1 Kor 6,9  von Päderastie aus und schreibt daher:  

„Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder,10 noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.“  

Vermutlich ist aber diese Einschränkung der griechischen Begriffe auf Päderastie nicht gerechtfertigt. Mit dem griechischen Begriff ἀρσενοκοῖται (ein Neologismus, eine neue Wortschöpfung) bezieht sich Paulus auf Lev 18,22 (und Lev 20,13) zurück. Paulus meint also die dort verbotene Praxis, dass Männer ihren Samen durch gleichgeschlechtlichen Verkehr vergeuden und sich der Zeugung von Nachkommenschaft entziehen. Paulus geht aber in 1 Kor 6,11 davon aus, dass diejenigen, die diese Praktiken begangen haben, inzwischen „reingewaschen“ sind, das Verhalten also überwunden haben. Mithin ist Paulus weit davon entfernt, von einer homoerotischen Veranlagung zu sprechen.11

Sämtliche im Lasterkatalog angeführten falschen Verhaltensweisen unterliegen dem menschlichen Willen, d.h. man entscheidet sich bewusst für diese falsche Verhaltensweise (z.B. Ehebruch, Diebstahl, Habgier …). Paulus meint also grundsätzlich heterosexuelle Männer, die ihre Sexualität gleichgeschlechtlich ausleben, um keine Nachkommen zu zeugen. Für den ganz ähnlichen Lasterkatalog in 1 Tim 1,10 gilt das Gleiche. 

 

Fazit 

Die biblischen Texte beschreiben gleichgeschlechtliche Praktiken unter Männern, die entweder Demütigung von Fremden oder ein Weg zur Vermeidung von Nachkommenschaft sind. Das wird als „schlimme Abirrung“ abgelehnt. Die Bibel hat nicht die personale sexuelle Identität eines Einzelnen im Blick, insofern kann sie gar nicht „Homosexualität“ als Konzept verurteilen.12 Mit der Bibel kann und darf man auch nicht Menschen als „nicht in Ordnung“ verurteilen, die – oft mühsam – erkannt haben, dass sie ihre geschlechtliche Erfüllung in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft finden. 

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1  vgl. die Ansprache von Papst Johannes Paul II. vom 31.10.1992, http://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/speeches/1992/october/documents/hf_jpii_spe_19921031_accademia-scienze.html (abgerufen am 28.04.2022). 

2  Wie zahlreiche Schreiben vorher bleibt auch das neueste Dokument der Katholischen Bildungskongregation „Als Mann und Frau schuf er sie. Für einen Weg des Dialogs zur Genderfrage in der Bildung“ (2019) (immer noch) hinter diesen Erkenntnissen zurück und propagiert dagegen ein starr normiertes, bipolares Bild von Geschlechtlichkeit, das diese ausschließlich unter dem Aspekt der Zeugung von Kindern betrachtet. 

3  Auch im erwähnten Dokument der Katholischen Bildungskongregation von 2019. 

4  zu den Details im Alten Testament vgl. Thomas Hieke, Kennt und verurteilt das Alte Testament Homosexualität?, in: Stephan Goertz (Hg.), „Wer bin ich, ihn zu verurteilen?“ Homosexualität und katholische Kirche (Katholizismus im Umbruch 3), Freiburg i.Br.: Herder, 2015, 19–52; zu den Stellen im Neuen Testament vgl. Michael Theobald, Paulus und die Gleichgeschlechtlichkeit. Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit der Schrift, in: ebd., 53–88. – S. ferner Cordula Trauner, Homosexualität im Alten Testament, in: Jochen Schmidt (Hg.), Religion und Sexualität, Würzburg: Ergon, 2016, 10–32; Günter Röhser, Neues Testament und Homosexualität, in: ebd., 47–67. 

5  s. dazu auch C. Trauner, Homosexualität, 28. Zur Wirkungsgeschichte von Genesis 19 s. ebd., 29–32, insbesondere zeigt Trauner, wie Kaiser Justinian durch seine Gesetzgebung zum Schöpfer der „Sodom-Mythe“ wurde und so durch sachlich falschen Rückbezug auf die Sodom-Geschichte Menschen für ihre homosexuelle Orientierung verurteilt und bestraft wurden. 

6  Dass es hier um das Verbot kultischer Prostitution und Homosexualität gehe, versucht C. Trauner, Homosexualität, 25, zu zeigen. Sicher spielt auch das Kultische eine Rolle, also die Ablehnung von Fremdgötterverehrung mit sexuellen Komponenten. Doch die Erkenntnisse dazu sind aufgrund der spärlichen Quellen sehr unsicher. Vom Kontext her geht es um Alltagsdinge und um die Notwendigkeit der Zeugung von Nachkommenschaft. S. zu Details Thomas Hieke, Levitikus 16-27 (HThKAT), Freiburg i.Br.: Herder, 2014, 679-691. 

7  G. Röhser, Neues Testament, 64. 

8  M. Theobald, Plädoyer, 79. 

9  Die Stellenangabe 1 Kor 6,10 im KKK ist falsch, es muss 1 Kor 6,9 heißen. 

10  So M. Theobald, Plädoyer, 65; anders G. Röhser, Neues Testament, 51–52, der ausführlich die Begrifflichkeiten für institutionalisierte männliche Gleichgeschlechtlichkeit im antiken griechischen und römischen Kulturraum beschreibt (ebd., 55–56, zu Philo von Alexandria und seiner Ablehnung der Päderastie s. 57–62).  

11  s. dazu auch G. Röhser, Neues Testament, 62–63. 

12  Konsequenterweise verzichtet das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia (2016, Nr. 250f.) von Papst Franziskus beim Thema Homosexualität auf jeglichen Schriftbeleg, vgl. Stephan Goertz, Legt die Bibel die Moral aus oder die Moral die Bibel?, in: Christof Breitsameter; Stephan Goertz (Hg.), Bibel und Moral – ethische und exegetische Zugänge, Freiburg i.Br.: Herder, 2018, 67–81, hier: 76.


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