Sperrfrist
Do, 26. Mai 2022, 16.30 Uhr

Do
16.30–18.00
Zentrum Bibel und Spiritualität | Vortrag mit Gespräch
"Ihr alle seid einer in Christus" (Gal 3,28)
Ökumenische und aktuelle Perspektiven
Prof. Dr. Ansgar Wucherpfennig, Neutestamentler, Frankfurt/Main

Ihr alle seid einer: Paulus erste Einsicht

 

„Ihr alle seid einer in Christus“, das schreibt Paulus an die Gemeinden in Galatien. 

 

„Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, 

nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; 

denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ 

 

So lautet der ganze Vers in Galater 3,28. Das ist ein Programm Gottes für gleichberechtigte Vielfalt, das Paulus selbst erst ausloten musste. Es ist Gottes Programm, Gottes Ja zu einer Kirche, die Raum gibt für Farben und Orientierungen. Wenn sich Kirchen selbstkritisch dieser Botschaft stellen, dann können sie sich damit auch glaubwürdig in die Politik einbringen. Der Vers spricht auch heute noch sensible Bereiche in Kirche und Politik an. Darauf möchte ich am Ende zu sprechen kommen. Die christlichen Kirchen haben mit diesem Programm einen prophetischen Auftrag in der Welt heute. Aber dieser Auftrag erfordert zuallererst, dass sie sich diesem Programm mit Selbstkritik stellen. Erst eine aufrichtige Selbstkritik der Kirchen macht auch ein prophetisches Auftreten in Politik und Wirtschaft glaubwürdig. 

Jüdische, griechische, versklavte, freie, männliche und weibliche Menschen sind eins, … was immer auch sie unterscheidet. Davon schreibt Paulus nicht nur im Galaterbrief, sondern auch im Ersten Korintherbrief (12,13), im Römerbrief (10,12), und auch der Kolosserbrief (3,11) spricht von der gleichen Einheit unter den Menschen. Die neue Einheit in Christus bedeutet gleiche Rechte für alle Menschen mit ihren verschiedenen Unterschieden in Religion, gesellschaftlichem Stand und Geschlecht. Das war Gottes Botschaft durch Paulus vor 2000 Jahren und sie ist es für eine Ökumene der Kirchen heute.

 

Paulus selber ist dieser Botschaft nicht konsequent gefolgt und nicht selten hinter ihr zurückgeblieben. Die unterschiedlichen Aussagen in Paulus‘ Briefen bewegen mich schon lange. Mal klingt er homophob und frauenfeindlich, dann wieder wie ein Befreiungstheologe oder ein großer Ökumeniker avant la lettre. In den letzten Wochen war ich zu einem Studienaufenthalt von Erasmus in Thessaloniki, im Nordosten Griechenlands, in Mazedonien. Dabei habe ich versucht, Gottes Programm in Galater 3,28 als Mitte von Paulus‘ Mission zu verstehen. Das ist an sich eine alte Ansicht, aber sie ist auch bis heute in der Exegese umstritten. „Ihr seid alle einer in Christus“ fasst m. E. zusammen, was Paulus bei seiner Bekehrung erfahren hat, als ihm vor Damaskus der auferstandene Christus begegnet ist. Vorher erzählt Paulus im Brief an die Gemeinden Galatiens von seiner Bekehrung und zeigt damit, wo die Wurzeln dieser Einsicht liegen: Gott hat ihm seinen Sohn Jesus als Messias Israels und Retter aller Menschen geoffenbart. In meinem Beitrag möchte ich mich deshalb darauf konzentrieren, was das für Paulus‘ Mission bedeutet hat. Pfarrerin Crüwell und ich haben uns die Aufgaben so aufgeteilt: Die Konsequenzen für Ökumene und Kirchen heute liegen mehr bei ihr, die Geschichte mehr bei mir. Lassen Sie mich mit einer einfachen Frage beginnen, die heute fast naiv klingt:

 

Wie jüdisch ist Gott?

 

„How Jewish is God?“ – „Wie jüdisch ist Gott“ hat Paula Fredriksen 2016 in einem Referat auf einer internationalen Tagung zur Exegese des Neuen Testaments gefragt (SNTS in Montreal). „Wie jüdisch ist Gott?“ Man würde vielleicht schnell sagen, überhaupt nicht. Wäre Gott jüdisch, würden wir ihn in menschlichen Kategorien denken. Das war aber in der Umwelt des Paulus anders, da gab es Götter, die für verschiedene Nationen zuständig waren, Syrer, Griechen, Römer, Nabatäer. „Wie jüdisch ist Gott?“ war auch eine existenzielle Frage für jüdische Kreise zur Zeit des Neuen Testaments. Die Art und Weise, wie Jüdinnen und Juden diese Frage für sich beantwortet haben, hat unmittelbar ihr Verhalten im Alltag bestimmt. Denn in vielen Alltagsgeschäften hatten Jüdinnen und Juden mit nichtjüdischen Menschen zu tun: beim Einkaufen und Essen, in der Politik oder beim Theaterbesuch. Vor allem hatten sie mit der römischen Besatzungsmacht zu tun, in Jerusalem, Palästina und im gesamten östlichen Mittelmeerraum. Die Soldaten der römischen Besatzer stammten aber oft nicht aus Rom selber, sondern waren aus anderen eroberten Ländern rekrutiert.  

Wie jüdisch ist Gott? Paulus hat in seiner Offenbarung vor Damaskus eine neue Antwort auf diese Frage bekommen: Gott ist der Gott Israels, aber Israels Gott ist keine Gottheit nur für eine Nation. Israels Gott sucht nach Menschen in allen Völkern. Deshalb hat Gott seinen Sohn Jesus aus dem Tod errettet und lebendig gemacht. Gott hat gezeigt: Ich bin der Gott aller Sterblichen, aller, die wie Christus sterben. Deshalb gilt: „Ihr alle seid einer“, oder besser sogar ohne Gender-Differenzierung: „Ihr alle seid eins in Christus.“ 

Mit dieser Botschaft im Gepäck macht sich Paulus zu den Völkern jenseits von Israels Grenzen auf. Er verkündet ihnen, dass mit Christus Gottes Herrschaft begonnen hat, die allen Menschen Gerechtigkeit und ein neues Leben verheißt. Die Menschen, denen er begegnet ist, standen aber unter der Macht der römischen Herrschaft, die ebenfalls allen Menschen Gerechtigkeit und Frieden bringen will. Paulus eigenes Volk, die Juden und die anderen Völker hatten Roms Macht nicht herbeigesehnt. Rom hatte ihnen seinen Frieden aufoktroyiert. Mit Roms Frieden gingen Ansprüche von Männern und Mächtigen einher. Der römische Friede hat die Menschen ihre Freiheit und ihr Selbstbewusstsein gekostet. Sie mussten Vieles aufgeben, das ihnen gewohnt war, und von Rom aus importierte Moden übernehmen. Die göttliche Verehrung des römischen Kaisers und die römischen politischen Strukturen wurden ihren eigenen religiösen und gesellschaftlichen Gewohnheiten übergestülpt. Gottes Herrschaft mit dem Programm „Ihr alle seid einer in Christus“, das konnte keine neue Herrschaft nach dem Muster Roms sein, sondern eine Gemeinschaft, in der Differenzen und Unterschiede bleiben, ohne dass sie einen Unterschied in Rechten und Freiheiten ausmachen.

Paulus muss daher schon bald die politischen Konsequenzen seiner neuen Einsicht aus der Bekehrung verstanden haben. Nicht nur Juden und Griechen, sondern auch Sklaven und Freie, Frauen und Männer sind gleichermaßen eins in Christus. Das wurde die Mitte seiner Verkündigung, schon bei seinen ersten Reisen im Süden der heutigen Türkei, aber dann auch in Europa, in den griechischen Städten: Philippi, Thessaloniki, Beröa, Athen, Korinth. Bis an das Ende der damals bekannten Welt, bis nach Spanien (Röm 15,24), wollte Paulus diese neue Einheit in Christus verbreiten.

 

Minima Moralia nach Thessaloniki

 

Thessaloniki erreicht Paulus nach dem Bericht der Apostelgeschichte auf seiner zweiten Reise. Thessaloniki ist heute die zweitgrößte Stadt mit einem großen Hafen zur Ägäis. Über lange Jahrhunderte war es die Metropole Makedoniens und zur Zeit des Paulus bedeutender als Athen. Die Mitte seiner Botschaft „Ihr alle seid einer in Christus Jesus“ hat Paulus auch in Mazedonien verkündet, auch wenn der Galaterbrief später geschrieben ist. 

Nach Thessaloniki hat Paulus seinen ältesten erhaltenen Brief geschrieben. Lange Regeln für das soziale Verhalten und das persönliche Handeln hat Paulus in diesem Brief nicht für notwendig gehalten. Die Beziehungen der neuen Christusglaubenden sollten untereinander von liebevoller Solidarität geprägt sein. Dafür verwendet er das griechische Wort φιλαδελφία (1 Thess 4,9) und nennt damit ein griechisches Ideal gesellschaftlichen Zusammenlebens seit Plato und Aristoteles. Griechen konnten dem vorbehaltlos zustimmen, aber auch Juden, denn sie kannten das Gebot der Nächstenliebe aus der Tora (Lev 18,19). Die gegenseitige Freundschaft, die φιλία, sollte die Verbundenheit aller bestimmen, zuerst unter den Christusglaubenden, dann auch in der übrigen Gesellschaft. 

Was die Liebe unter Schwestern und Brüdern bedeutet, können die neuen Christusglaubenden also bereits kennen, Juden genauso wie Griechen. Deshalb nennt Paulus sie θεοδίδακτοι. Sie sind „Gottesgelehrte“. Paulus verheißt ihnen mit Gottes Geist eine neue Kraft so zu leben. Er gibt ihnen nur wenige, genau sieben kurze Imperative als Grundlinien für ihr Zusammenleben mit (1 Thess 5,1622):

 

Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus. Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!

 

Die Gemeinden brauchen keine langen Moralkatechesen. Diese klipp und klaren Minima Moralia reichen den Christusglaubenden aus. Zusammen mit der gegenseitigen solidarischen Liebe machen sie die Quintessenz dessen aus, was zu ihrer Einheit im Messias Jesus gehört: Die Freude des Messias, das gemeinsame Gebet, und vor allem die nicht erlöschende Geistkraft und die prophetische Aufgabe der gesamten Gemeinde. 

 

Sklavinnen-Mädchen und freie Frauen

 

Schon die neue Einheit von Juden und Griechen ist von Anfang an bedroht. Das zeigen die Erzählungen in der Apostelgeschichte. Aber die neue Einheit in Christus umfasst mehr: „Hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau“, im Galaterbrief gehört auch das zur Einheit in Christus. Was das bei Paulus Verkündigung in Mazedonien bedeutet hat, davon lässt sich heute noch eine Vorstellung machen. Im archäologischen Museum von Thessaloniki ist eine Rechnung für einen Handel über eine Sklavin ausgestellt. Dort heißt es: 

 

„Titus, Sohn des Lykos, kauft von Amphotera ein zwei Monate altes Sklavenmädchen. Der Name des Mädchens ist Nike. Der Preis beträgt 15 Silbermünzen.“ 

 

Die Rechnung ist auf einem Marmorstein eingemeißelt, sie stammt aus etwas späterer Zeit (3. Jh. aus Édessa, etwa eine Stunde westlich von Thessaloniki). Aber sie macht anschaulich, wie es auch zu Paulus‘ Zeit schon auf einem Sklavenmarkt zuging. Nike ist vermutlich von ihren Eltern nicht angenommen und ausgesetzt worden. Dies gab es oft bei neugeborenen Kindern in der Gesellschaft der römischen Kaiserzeit. Kinder und vor allem Mädchen wurden von ihren Eltern abgelehnt und auf der Straße ausgesetzt oder, noch schlimmer, im Wasser versenkt. Wenn solche Kinder von der Straße gerettet wurden, wurden sie als künftige Sklavin oder als künftiger Sklave zu Geld gemacht, so wohl auch bei der zwei Monate alten Nike.

Aber auch wohlhabende Freie gehörten zu den ersten Gemeinden, die Paulus gegründet hat. In Veria, dem damaligen Beröa, hat Paulus zusammen mit Silas vor allem Frauen aus vornehmen griechischen Kreisen gewonnen. Die Bevölkerung der Stadt und ihre Versammlung hatten zu Ehren verdienstvolller Bürgerinnen und Bürger Altäre aufgestellt, die heute im archäologischen Museum zu sehen sind. Darunter ist ein Altar für eine Flavia Isidora, die als Makedoniarchissa verehrt wird. Flavia Isidora war also Makedoniarchin, eine Makedonien-Herrscherin, ein Titel, den sie nicht nur als Frau ihres Mannes, Preiskos, bekommen hat. Wahrscheinlich ist Flavia Isidora von der Stadtversammlung in dieses hohe Amt gewählt worden. Vielleicht war Flavia Isidora eine der Frauen, die Paulus und Silas gehört und zugestimmt hat. Die eleganten Kleider, die Frauen wie Flavia Isidora übergeworfen hatten, ihren kostbaren Schmuck, ihre aufgesteckten Frisuren kann man in dem Museum heute noch bewundern. So erschienen diese Frauen auf der Agora, vielleicht auch auf dem Sklavenmarkt, um sich Nachwuchs für ihren Haushalt zu besorgen.

 

Herrscher und Beherrschte in der griechisch-römischen Welt

 

Das Sklavenwesen war ein fester Bestandteil der damaligen Gesellschaft. Seine argumentativen Fundamente lagen in der griechischen Philosophie. Nach Aristoteles war der Unterschied zwischen Herren und Sklaven natürlicher Art. Aristoteles ging davon aus, dass die Vernunft letztlich nur im göttlichen Wesen allein vollendet ausgebildet ist. Deshalb herrscht Gott mit seiner Vernunft in vollkommen gerechter Weise über alles. Menschliche Herrscher und Beherrschte hätten von Natur her einen unterschiedlichen Anteil an der göttlichen Vernunft. Unter Menschen gibt es nach Aristoteles daher immer einen Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten. Auch Gesetze und Konventionen könnten dies nicht verändern. Das natürliche Ziel der Herrschenden sei es daher, in gerechter Weise Macht und Autorität auszuüben, das Ziel der Beherrschten hingegen, sich in angemessener Weise unterzuordnen.

Freie Männer sollten deshalb über Frauen herrschen, denn sie hätten naturgemäß einen größeren Anteil an der göttlichen Vernunft. Jugendliche und Kinder hätten einen noch geringeren Anteil an der Vernunft als Frauen. Sie können aber an der Vernunft derer lernen, die sie beherrschen. Sklaven standen an der untersten Stufe dieser Skala. Sie sind deshalb in der antiken Kunst fast immer kleiner als ihre Herren dargestellt. Die Philosophien nach Aristoteles gingen davon aus, dass sie natürlicherweise keinen Anteil an Einsicht und Vernunft haben, sondern nur, insofern sie sich den Herrschenden unterordnen. Diese Begründungen von Herrschaft sind diskriminierend und würdelos, nicht nur heute, sie waren es auch damals schon. In der damaligen Gesellschaft ist das Sklavenwesen aber vielfach nicht als ungerecht empfunden worden. Manchmal konnten sich die Beherrschten, Frauen, Jugendliche und Kinder, Sklaven und Fremde in ihrer Rolle auch entsprechenden Einfluss und Wohlergehen sichern. Beispiele wie Flavia Isidora machen das deutlich, aber es gibt auch die umgekehrten Beispiele: zahllose Opfer gewalttätiger Willkür. 

In den Gemeinden fanden Frauen und Männer, Sklaven und Freie zusammen, Isidora wie die zwei Monate alte Nike. Ihre Namen finden sich noch in den biblischen Quellen: Lydia, Erastus, Onesimus, Phoebe und viele andere. Die ersten Gemeinden waren ein neuer Freiraum für diese Menschen, das brauchte Diversitätskompetenz. 

Ein Beispiel: Der Paidagogos 

 

In der Praxis hat sich Paulus oft mit den Konsequenzen des Sklavenwesens arrangiert. Seine Botschaft „Ihr alle seid einer in Christus“ widerspricht den Voraussetzungen des Sklavenwesens allerdings grundsätzlich. In seinem Brief an die Gemeinden in Galatien vergleicht er das Gesetz mit einem παιδάγωγος. Früher ist dies oft „Zuchtmeister“ übersetzt worden. 

Was Paulus mit diesem Vergleich meint, lässt sich am Beispiel der zwei Monate alten Sklavin Nike verdeutlichen. Nike hatte bei ihrem neuen Herren Titus ihre Rolle als Untergeordnete zu lernen. Die Unterordnung, die Nike in ihrer Erziehung beigebracht wurde, bezog sich auf alle Bereiche ihres Lebens: Gesellschaft und Kultur, Haushalt und Freundschaft, Liebe und Sex.  Verantwortlich für die Erziehung waren Sklaven, die im Griechischen παιδάγωγος genannt wurden. Das griechische Wort erinnert an das Fremdwort für Erziehung „Pädagogik“, dazu gehörte damals aber körperliche Züchtigung. Dass Kinder geschlagen werden, kommt leider auch heute vor, aber es gibt in Europa Gesetze, die es klar verurteilen. In der Umwelt der ersten Christusglaubenden war Schlagen pädagogische Alltagswirklichkeit. Dazu kamen härtere Strafmaßnahmen: Körperliche und seelische Verletzungen, die tief gingen und lebenslang verwundet haben. Die Christusglaubenden in den ersten Gemeinden, und nicht nur die Sklaven unter ihnen, kannten eine Vielfalt von Strafen aus ihrer eigenen Erziehung. 

 

Die Zeit unter der Disziplinarmacht ist vorbei

 

Von dem παιδάγωγος schreibt Paulus unmittelbar vor unserer Stelle im Galaterbrief: Das Gesetz ist ein παιδάγωγος, um Christus anzunehmen. Die Bibel in gerechter Sprache hat παιδάγωγος hier passend zur damaligen Welt mit „Disziplinarmacht“ übersetzt. Der παιδάγωγος steht bei Paulus für die Gesetze und Vorschriften, die die Macht von Herrschern und Beherrschten regeln: für die jüdische Tora aber auch für griechische und römische Gesetze. Gesetze können durch ihre Regelungen auch für die Beherrschten eine gewisse Sicherheit garantieren. Sie bestimmen Kompetenzen und Grenzen von Macht. Nicht nur Beherrschte auch Herrschende konnten durch die Macht des Gesetzes zur Gerechtigkeit diszipliniert werden. Macht war durch das Recht ein öffentlich ansprechbares Thema. Die Verschleierung und Tabuisierung von Macht dient dagegen gewöhnlich bis heute ihrer Stabilisierung. Das Gesetz war also ein Fortschritt.

Entscheidend für Paulus ist aber der neue Punkt: Die Zeit unter der Disziplinarmacht des Gesetzes ist vorbei. Die Christusglaubenden sind selber „Gott-Gelehrte“ geworden, schreibt er bereits nach Thessaloniki. Gottes Geistkraft, die Christus von den Toten auferweckt hat, hat auch in ihnen die Mächte der Gewalt und des Todes besiegt. Damit hat Gottes Geist die Wurzeln für ein neues Vertrauen in Gott und in den Nächsten gelegt. Das meint Paulus, wenn er im Galaterbrief schreibt (3,25): „Nachdem der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem παιδάγωγος.“ In der neuen Gemeinschaft der Christusglaubenden zählen die Unterschiede, die die Tora zwischen Juden und Griechen gemacht hat, nicht mehr. Ebenso wenig die Unterschiede, die griechische und römische Gesetze zwischen Sklaven und Freien, Frauen und Männern machen. Gott wischt diese Unterschiede nicht aus. Aber gleich, ob die Christusglaubenden zerschlissene Sklavenkleider tragen, oder elegante Roben überwerfen, sie alle haben „Christus als Gewand angezogen.“ Kleider machen Leute, aber Christus macht aus Menschen eine neue Schöpfung. Das verbindet sie zu einer Einheit. 

 

„Ihr alle seid einer in Christus“

 

Paulus hat nicht ausgemessen, was die neue Einheit in Christus bedeutet. Manche Stellen seiner Briefe irritieren deshalb bis heute. Paulus‘ Geschichte ist auch eine Geschichte des Scheiterns seiner Verkündigung, an den Grenzen der damaligen Gesellschaft und auch an seinen eigenen. Mit Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen hat Paulus allerdings Strukturen und Diskriminierungsmuster dingfest gemacht, die sich über 2000 Jahre gegen die neue Einheit in Christus wehren: 

Sind Juden und Griechen eins in Christus? In Deutschland haben judenfeindliche Äußerungen wieder ein schlimmes Ausmaß bekommen und haben inzwischen auch in kirchliche Kreise Einzug gehalten. Alle Ökumene beginnt aber damit, dass Christinnen und Christen anerkennen, dass Jüdinnen und Juden ihre älteren Geschwister sind. 

Sind Sklaven und Freie eins in Christus? Wie schwer es ist, mit lange eingewöhnten Unterordnungsmustern auch in den Kirchen umzugehen, zeigt die Diskussion über das Black facing bei den Sternsinger-Aktionen. Und: Was ist mit Pflegekräften, mit den billigen Arbeitskräften von Leihunternehmen auch in kirchlichen Einrichtungen?

Sind Frauen und Männer eins in Christus? Im Synodalen Weg ist die Entschlossenheit erkennbar, der Macht kirchlicher Gesetze ein Ende zu setzen, die Frauen von allen Weiheämtern fernhält. Damit diese Schritte auch weltweiten Raum bekommen, braucht es aber noch einen deutlichen Schub von Gottes Geistkraft.

Gottes Freiheit ist allen zugesprochen, die in ungerechten Unterordnungsmustern erzogen werden. Deshalb sind die Rollen, die Paulus nennt, heute auch durch neue Rollen zu ergänzen: Schwule, Lesben, queere Menschen, Arme, Reiche, Große, Kleine. „Ihr seid alle einer in Christus!“ Mit dieser Botschaft ist Paulus vor fast 2000 Jahren aufgebrochen. Sie bleibt Gottes Diversitätsprogramm für die Kirchen von heute.


Text wie von Autor/in bereitgestellt. Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.

 
 

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