Frieden – Wirklichkeit und Utopie "zugleich, vor allem aber Arbeit"

Interview

Friedens- und Sicherheitsforscher Prof. Dr. Michael Brzoska vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg im "Friedensgespräch".

Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg arbeitet gleichsam im Bereich der Friedenswahrung sowie in der Sicherheitsvorsorge. Prof. Dr. Michael Brzoska war bis 2016 Wissenschaftlicher Direktor der eigenständigen Forschungseinrichtung und befasst sich unter anderem mit den Forschungsschwerpunkten Rüstungskontrolle und vertraglich vereinbarte Abrüstung, weltweite Rüstungsindustrie, Kriegsursachen, Klimawandel und Sicherheit. 

Im Interview stellt er sich einigen wissenschaftlichen aber auch persönlichen Fragen zum Leitwort des diesjährigen Katholikentags "Suche Frieden".

Herr Brzoska, Sie arbeiten am Institut für Friedensforschung – Finden Sie denn Frieden?

Wir bemühen uns darum – wissen aber, dass wir bestenfalls sinnvolle Vorschläge machen können, die anderen, insbesondere Betroffenen, aber auch Politikerinnen und Politikern und internationalen Organisationen, helfen können, Sicherheitsprobleme zu entschärfen und Friedensprozesse zu befördern. Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität ist insbesondere bestrebt, Ideen und Hinweise zu liefern, wie Sicherheitspolitik so gestaltet werden kann, dass sie zu Friedenspolitik wird.  

Wie ist Frieden denn wissenschaftlich definiert?

In der Wissenschaft gibt es zwei Definitionen von Frieden: einerseits den sogenannten "negativen Frieden" – dieser beschreibt die Abwesenheit von kriegerischen Handlungen – und andererseits "positiven Frieden" – das sind Situationen, in denen es sehr unwahrscheinlich ist, dass es zu Großgewalt kommt. Sinnvoller ist es allerdings, Frieden als Prozess zu definieren, als Bewegung hin auf positiven Frieden, beginnend mit negativem Frieden.

Das Thema Frieden ist sehr vielschichtig – das spiegelt sich auch im Portfolio des Katholikentagsprogramms zum Leitwort "Suche Frieden" wider. In welchen Bereichen forscht das Institut zum Thema Frieden?

Der Fokus der wissenschaftlichen Arbeit liegt bei der Forschung zu Fragen von Frieden und Sicherheit in Europa und seinen Nachbarregionen. Neben der Analyse von zwischenstaatlichen Konflikten und der Entwicklung von Vorschlägen zu deren Bearbeitung, sind Abrüstungen und Rüstungskontrollen sowie innerstaatliche Radikalisierung Schwerpunkte der Arbeit des IFSH. Ebenso ist das IFSH an der Forschung zu der Frage beteiligt, inwieweit der Klimawandel Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit hat. 

Ist Frieden Ihrer Meinung nach Wirklichkeit oder Utopie?

Frieden ist beides zugleich, vor allem aber Arbeit. In Europa haben wir z. B. seit fast zwei Jahrzehnten negativen Frieden und sind in den meisten Regionen auch in Hinsicht auf positiven Frieden weit gekommen. In anderen Regionen, etwa im Mittleren Osten, ist Frieden nur eine Hoffnung. Hier lohnt es sich, zunächst daran zu arbeiten, dass Kriege beendet werden, um dann über viele weitere Schritte des Interessenausgleichs und der Versöhnung Verhältnisse zu schaffen, in denen ein Rückfall in Großgewalt immer unwahrscheinlicher wird. Ich bin optimistisch, dass dies langfristig weltweit gelingen wird.

Im beruflichen Leben Friedensforscher – Was bedeutet Frieden für Sie im Privaten? Auch im Gegensatz zur Arbeit?

Friedensforschung ist für mich in erster Linie Beruf. Konflikte und Kriege beschäftigen mich zwar auch darüber hinaus, prägen aber glücklicherweise mein Privatleben nicht. Ich freue mich, in einem Land zu leben, in dem Frieden herrscht und setze mich dafür ein, dass es so bleibt. Dasselbe gilt für mein privates Umfeld.

Findet ein Friedensforscher Frieden? Wenn ja, wo und wie?

Nicht anders als andere Menschen auch. In vielfältiger Form empfinde ich Frieden, zum Beispiel beim Wandern in der Natur, bei der Gartenarbeit und besonders in der Familie. Vielleicht nehme ich das Konfliktgeschehen in der Welt stärker als andere Menschen wahr und freue mich, wenn es einen Fortschritt in Richtung Frieden gibt. Dafür setze ich mich auch in einigen gesellschaftlichen Organisationen ein. Leider in einem zeitlich beschränkten Maße.

Sie betreiben ja sozusagen professionelle Friedenssuche: Haben Sie Tipps und Tricks für die Teilnehmenden des Katholikentags in der persönlichen Friedenssuche?

Da ich mich in meiner wissenschaftlichen Arbeit vor allem mit Gewaltkonflikten und deren Verhinderung und Management beschäftige, bin ich kein Spezialist für weitere Formen der Friedenssuche. Für den Bereich, in dem ich tätig bin, scheint es mir vorrangig zu sein, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, wie wir – und damit meine ich jeden Einzelnen ebenso wie die deutsche und europäische Politik – zu Konflikten und Kriegen aber auch der Unterstützung von Friedensprozessen beitragen können. Jede und jeder kann sich einbringen und zwar in einer Vielzahl von unterschiedlichen Formen und Organisationen.

Ein Interview von: Lisa Schmitz und Lena Höckerschmidt

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