"Bei Großer Gott fällt immer die Anspannung ab"

Interview

Sechs Katholikentage und einen Ökumenischen Kirchentag lang hat Martin Stauch die Geschäftsstelle als Geschäftsführer geleitet. Jetzt verlässt der 52-Jährige den Katholikentag in Münster Richtung Osten.

Ab 1. Januar wird er Verwaltungsleiter bei der Stiftung Bauhaus. Vorher aber blickt er im Interview zurück auf seine Zeit und sagt auch, welche Herausforderungen er für den Katholikentag der Zukunft sieht:

Herr Dr. Stauch, Sie haben 14 Jahre lang als Geschäftsführer die Geschäftsstelle des Katholikentags geleitet. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?

Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich auf die neue Aufgabe und Herausforderung als Verwaltungsleiter bei der Stiftung Bauhaus in Dessau. Ich freue mich auch, dass ich an einem festen Ort einen Arbeitsplatz habe und nicht alle zwei Jahre umziehen muss. Aber in den vergangenen Wochen habe ich gemerkt, dass ich an der ein oder anderen Stelle ein wenig wehmütig geworden bin. Die Vorfreude und die Aufregung bei der Durchführung habe ich schon sehr genossen – trotz allem Stress und aller Anstrengung. 

Sie waren als Geschäftsführer vor allem für die Organisation des Katholikentags zuständig. Wie hat sich diese in Ihrer Zeit verändert? 

Ich habe in den vergangenen 14 Jahren versucht, den Katholikentag organisatorisch weiterzubringen. Das war mir ein großes Anliegen und das habe ich gerne getan. Dabei gab es viele Entwicklungen: Das beginnt bei der Mitarbeiterzahl. Als ich anfing waren es 35, jetzt sind es mehr als 45. Im Zuge dessen wurde auch die Vorbereitung des Katholikentags professionalisiert. Herausragend war die Einführung des Projektmanagements, also der Arbeitsmethode, und die damit verbundene Zertifizierung. Wir haben viel für die Ehrenamtlichen getan, vor allem die Schulungen intensiviert und eine Katholikentagsakademie eingeführt, die mir sehr am Herzen liegt.

Sie haben auch den Umweltgedanken stärker in der Katholikentagsvorbereitung verankert, Stichwort klimaneutraler Katholikentag. Warum? 

Die Idee eines klimaneutralen Katholikentags fand ich bestechend. Mich ärgert, dass Umweltschutz bei vielen Organisationen meist nur als i-Tüpfelchen oben drauf kommt. Ich finde Umweltschutz und faire Produktionsbedingungen müssen ein Teil des Preises eines Gutes sein. Darum geht es, auch und gerade beim klimaneutralen Katholikentag. Zu einer Veranstaltung gehört, dass sie schädliche Treibhausgase emittiert. Diese müssen ausgeglichen werden. Wir sind eine der wenigen großen Organisationen, die dies tut, viele andere leisten sich das nicht. Wobei es natürlich immer noch besser ist, schädliche Treibhausgase zu vermeiden. 

Ist der Katholikentag in dieser Hinsicht ein Vorbild für andere Organisationen in der katholischen Kirche? 

Ich hatte es gehofft. Allerdings sehe ich nicht viele andere Großveranstaltungen im Raum der Kirche, die auch klimaneutral sind. Es gibt eine gewisse Entwicklung beim Umweltgedanken in den einzelnen Diözesen. Aber da ist immer noch viel zu tun. Ich würde mir deutlich mehr wünschen. 

In Ihre Zeit fiel der Ökumenische Kirchentag in München. Wie haben Sie die ökumenische Zusammenarbeit empfunden? 

Da prallten zwei Kulturen aufeinander, wobei ich nicht von einer katholischen und evangelischen Kultur spreche, sondern von zwei Geschäftsstellen-Mentalitäten. Im Grunde war es eine Fusion auf Zeit. Wer jemals Unternehmensfusionen beobachtet hat, weiß, dass das nie ganz einfach ist, weil die Interessen und Traditionen ganz unterschiedlich sind. Das kann sich in den banalsten Dingen äußern, wie den Bezeichnungen "Bereich" und "Abteilung". Aber an solchen Dingen macht sich das fest und sorgt dann für viel Emotionalität. Aber wir haben uns schließlich gut zusammengerauft. Es war ein schöner ÖKT – gerade für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das ist das Wichtigste. 

Was war ihr schönstes Erlebnis bei einem Katholikentag? 

Das ist bei jedem Katholikentag das Lied "Großer Gott wir loben dich" beim Hauptgottesdienst am Sonntag. Das singe ich generell sehr gerne. Zudem ist es das Schlusslied und das zeigt mir, dass der Katholikentag jetzt vorbei ist und alles gut und ohne Unfälle geendet hat. Die Anspannung fällt dann ab und das ist immer ein unbezahlbares Erlebnis. 

Was war für Sie der größere Stress: Die Vorbereitung des Katholikentags an sich oder der Umzug alle zwei Jahre, verbunden mit der Einstellung auf ein neues Umfeld?

Der Umzug alle zwei Jahre war natürlich mit Stress verbunden. Aber ich habe es auch immer genossen, wieder in eine neue Stadt zu kommen. Zwei Jahre sind eine gute Zeit: Man lernt eine Stadt tiefer kennen, als wenn man sie nur als Tourist besucht. Allerdings merkt man, dass man seine Bindungen in die Heimat langsam verliert und an der neuen Wirkungsstätte wenige neue entwickelt. So sind die Belastungen doch stärker geworden. 

In den 14 Jahren haben Sie die katholische Kirche in Deutschland bei sechs Katholikentagen und einem ÖKT gut kennengelernt. Wie haben sich diese Unterschiede beim Katholikentag bemerkbar gemacht? 

In allen Städten war der Wille da von Seiten der Gastgeber, einen guten Katholikentag auf die Beine zu stellen. Aber natürlich ist der Katholizismus in Deutschland sehr unterschiedlich: der bayrische ist ganz anders, als der in Westfalen oder dem Rheinland. Und dann tickt jedes Bistum wieder anders. Es war auch immer ein Unterschied, ob der Katholikentag in der "Bistumshauptstadt" ist oder in einer anderen Stadt des Bistums. Und man merkt natürlich, ob man in der Diaspora ist, wie in Leipzig, oder in einer Hochburg wie in Münster.

Sie steigen in Münster sozusagen aus dem fahrenden Zug aus. Ist der Katholikentag gut aufs Gleis gesetzt?

Ja. Die Strukturen sind vorhanden, mein Nachfolger war vier Jahre beim Katholikentag und hat viel Erfahrung sammeln können. Ich bin sicher, er wird das gut bewältigen. Das Bistum zieht mit und engagiert sich stark in der Vorbereitung. Viele Weichen sind jetzt schon gestellt. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir in Münster einen schönen Katholikentag erleben werden. 

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Katholikentage in der Zukunft?

Der Legitimationsdruck wird größer. Erste Anzeichen hat man bei der leidigen Finanzdiskussion in Münster gesehen. Das wird uns in unterschiedlicher Stärke begleiten. Die Frage ist auch, welchen Charakter Katholikentag haben sollen. Macht man Podien weiter so stark? Wie sieht es mit den Workshops aus? Wie steht es um eine Eventisierung der Katholikentage? Wie kann man neue Zielgruppen gewinnen? Soll man nichtkirchliche Organisationen stärker beteiligen, beispielsweise bei der Kirchenmeile? Ich bin überzeugt davon, dass der Katholikentag ein attraktives Produkt ist, das auch Menschen interessieren kann, die außerhalb der Kirche stehen. Ich denke, die Fragen sollten direkt nach dem Katholikentag in Münster angegangen werden. 

Was wünschen Sie ihrem Nachfolger Roland Vilsmaier? 

Ich wünsche Ihm Freude bei der Arbeit, damit geht es einfacher. Ein dickes Fell, das man als Geschäftsführer haben muss. Und natürlich viel Erfolg!

Vielen Dank, Herr Dr. Stauch!

Das Interview führte Thomas Arzner, Bereichsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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