Beim Katholikentag: "Kultur, die wach macht"

Interview

Über Musik, Theater, Kino, Kabarett und Kunst beim Katholikentag spricht Prof. Ulrich Rademacher, Vorsitzender des Arbeitskreises Kultur für die Großveranstaltung im kommenden Jahr.

Religion und Glaube werden beim Katholikentag in Münster nicht nur in Gottesdiensten und Diskussionen beleuchtet. Es gibt ein breites Kulturprogramm aus Musik, Kabarett, Kino, Theater und vielem mehr. Als Vorsitzender des zuständigen Arbeitskreises ist Prof. Ulrich Rademacher mit dafür verantwortlich. Der Direktor der Westfälischen Schule für Musik in Münster verspricht ein übervolles Angebot, dass in die Tiefe geht.

Wofür braucht ein Katholikentag ein Kulturprogramm?

Es gab immer schon das religiöse Bedürfnis des Menschen, mit Musik, Tanz, bildender Kunst, Malerei über sich selbst hinauszuwachsen. Der Glaube lässt sich nicht in eine Hirn- und eine Bauchseite aufspalten. Kultur ist die Ausdrucksform, die beide Seiten zusammenbringt. Vieles, was uns bewegt, ist allein unter Nützlichkeitsaspekten nicht zu erklären – nehmen Sie die Diskussion um das postfaktische Zeitalter.

Ist Kultur dann ein Weg zum Glauben?

Das muss nicht sein. Kultur kann auch vom Glauben weg führen. Der Kultur werden oft Eigenschaften angedichtet, die Wunschdenken sind. Wie bei der Musik: Sie überbrückt Gräben, reißt Mauern ein. Stimmt. Sie kann aber auch Mauern aufbauen und Grenzen definieren.

Wer an Kultur und Kirche denkt, dem fallen Mozartmessen ein oder Kantaten von Bach. Wie breit ist das Kulturangebot beim Katholikentag? 

Wir müssen Kultur total denken. Beim Katholikentag zeigen wir, dass kulturelle Vielfalt gleich kultureller Reichtum ist. Wenn wir eine Kultur zelebrieren, die Menschen ausschließt, beschädigen wir unseren Glauben. Diese Kultur muss Ausdrucksform von allen Menschen sein, die am Katholikentag teilnehmen.

Aber wird das nicht beliebig?

Beliebig wird es insofern nicht, als dass wir sehr danach schauen, was echt und ehrlich ist. Was den Kern trifft und nicht oberflächlich oder kommerziell ist. Ich möchte Kultur präsentieren, die Menschen nicht einlullt, sondern wach macht.

Kann man ein Neues Geistliches Lied (NGL) mit einem Bachchoral vergleichen?

Bach war einer unserer Größten, der so schnell nicht erreichbar ist. Aber es ist für Gottesdienste immer schöne Musik für den alltäglichen Gebrauch komponiert worden. Das gilt auch für das Neue Geistliche Lied, da gibt es geniale Kompositionen. Es ist unfair, ein NGL mit Bachs h-moll-Messe zu vergleichen. Beide haben unterschiedliche Zwecke.

Im Verhältnis Kirche und Kunst gab und gibt es Spannungen. Leistet der Katholikentag da Entspannungsarbeit?

Der Katholikentag kann Ängste abbauen. Wesen des Glaubens ist es, angstfrei zu sein: Fürchte dich nicht. Wenn man das ernst nimmt, löst ein provozierendes Kunstwerk keine Angst oder Widerwillen aus, sondern die Lust, mit der Welt in Dialog zu kommen. Dabei kann der Katholikentag helfen und das finde ich einen Riesenschritt.

Das Leitwort des Katholikentags ist „Suche Frieden“ – ein gutes Wort für die Kulturarbeit?

Nehmen wir die Flüchtlinge, die zu uns kamen: In Deutschland hat die Kunst bei ihrer Integration eine Riesenrolle gespielt. Man kann sogar über Singen die Sprache lernen. So trägt Kultur zum Frieden in der Gesellschaft bei. Eine Gruppe, die das praktiziert, kommt aus Wuppertal zum Katholikentag. Die Marokkanerin Hayat Chaoui hat mit geflüchteten Frauen einen Chor gegründet: WOW – Women of Wuppertal. Die Sängerinnen finden über die Stimmen zusammen und kommen in der Gesellschaft an. Sie haben beispielsweise Wiegenlieder in der jeweiligen Muttersprache gesammelt und tragen sie vor.

Wie viele Kulturveranstaltungen wird es beim Katholikentag geben?

Auch für Leute, die nur wegen der Kultur kommen, wird es jeden Tag eine Überfülle an Angebot geben. Ob das ein Raum der Stille mit Soundaktion ist, ob das Konzerte sind, ob das Museumsbesuche sind: Man wird, wenn man keine Diskussion oder keinen  Gottesdienst besuchen will, alleine mit Kultur satt werden.

Und was haben die Münsteraner davon?

Für die Münsteraner gehört seit dem Westfälischen Frieden Toleranz und der Dialog der Religionen zur Stadtidentität. Wenn ein Katholikentag das Leitwort „Suche Frieden“ hat, wird die Identität der Stadt sehr präsent sein. Münster wird beim Katholikentag auf sein Lebensthema stoßen. Die fünf Tage werden wohltuend und attraktiv werden – und gleichzeitig kitzeln und piksen.                                                           

Das Interview führte Thomas Arzner, Bereichsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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