Interview mit Dr. Martin Stauch zur Finanzierung des Katholikentags

Finanzierung

Interview mit Dr. Martin Stauch, Geschäftsführer des Katholikentags

Der 100. Deutsche Katholikentag kommt auf Einladung des Bischofs der Diözese Dresden-Meißen, Dr. Heiner Koch, nach Leipzig. Warum fiel die Wahl auf eine Stadt, in der Katholiken eine Minderheit sind?

Zunächst danke ich dem Stadtrat Leipzig für die Zusage, den Katholikentag mit einer Million Euro zu unterstützen. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe, auch diejenigen, die dem Katholikentag bisher skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, für die Großveranstaltung zu gewinnen.
Nun zur Frage. Leipzig ist eine weitgehend säkularisierte Stadt. Es gibt hier nur wenige Menschen, die sich zu einer Religion bekennen. Sie ist aber auch eine weltoffene Stadt mit Bürgerinnen und Bürgern, die neugierig und interessiert sind. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass die Zahl der Christen  auch dort kleiner wird, wo sie bisher noch die Mehrheit stellen. Insofern passt es genau hierher, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Was passiert, wenn die Mitgliederzahlen der Kirche abnehmen? Welche Entwicklungen bringt das mit sich – für die Gesellschaft,  für eine Stadt, ein Land, aber auch für die Gläubigen und ihre Religionsgemeinschaften? Wir sind davon überzeugt, dass Leipzig  wie geschaffen dafür ist,  über die Zukunft der modernen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nachzudenken. Sicher ist es auch ein mutiger Schritt, aus der Position einer kleinen Minderheit  in diese Stadt  zu gehen.  Aber oft sind es gerade die Minderheiten, die Denkanstöße für die Entwicklung von Neuem geben können.

Was ist eigentlich das Ziel eines Katholikentags?

Der Katholikentag ist eine Veranstaltung von katholischen Bürgerinnen und Bürgern für alle Bürger, die an der Gestaltung unserer Welt interessiert sind. Er wird nicht von der „Amtskirche“ oder den Bischöfen, sondern von  katholischen Bürgerinnen und Bürgern verantwortet, die sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) organisieren. Das ZdK vertritt  nicht „die Kirche“, sondern aktive  Gläubige, die sich in diese Welt einmischen wollen. Eingeladen sind Menschen aller Altersgruppen aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland, gleich welcher Religion, Konfession oder Weltanschauung – und selbstverständlich auch konfessionslose und kirchenferne Menschen. Der Katholikentag ist kein Fest für Insider, sondern ein offenes Forum für gesellschaftliche Fragen, an dem sich die verschiedensten Interessengruppen beteiligen.
Wer Katholikentag sagt, sagt auch immer Sozialpolitik. Wir schaffen eine Öffentlichkeit für Themen wie Armut, Migration, Familie, Globalisierung. Es wird in Leipzig eine große Bühne der Caritas geben, auf der es um soziale Fragen geht. Prominente Politiker und Wissenschaftler diskutieren auf unseren Podien. Nur etwa zehn Prozent der Veranstaltungen sind Gottesdienste. Die ganze Stadt wird fünf Tage lang voller Besucher sein, die gemeinsam arbeiten, diskutieren und feiern. Viele Angebote auf Bühnen und Plätzen in der Stadt sind ohne Eintrittskarte für jedermann zugänglich.

Wie finanziert sich ein Katholikentag? Wer bezahlt mit?

Wir haben für Leipzig ein Gesamtbudget von 9,9 Millionen Euro aufgestellt. Diese Zahl beruht auf unseren Erfahrungen aus den letzten Katholikentagen. Unser Budget speist sich aus drei Töpfen: aus Eigenmitteln, aus Mitteln der Kirche und der öffentlichen Hand. Wie es sich die letzten Male zusammengesetzt hat, kann man nachlesen auf den Websites der früheren Katholikentage und im Dokumentationsband, der nach jeder Veranstaltung im Buchhandel erscheint.
Unsere Eigenmittel sind mit 3,3 Millionen Euro angesetzt, dazu zählen z. B. Teilnehmerbeiträge, Standgebühren, Spenden und Projektzuschüsse. Die kirchlichen Zuschüsse kommen vom gastgebenden Bistum Dresden-Meißen und vom Verband der Diözesen Deutschlands und belaufen sich auf 2,1 Millionen. An öffentlichen Geldern sind drei Millionen Euro beantragt beim Freistaat Sachsen, 500.000 Euro beim Bund, und eine Million hat nun die Stadt Leipzig zugesagt. In Deutschland werden Veranstaltungen, die den gesellschaftlichen Diskurs fördern, unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips gefördert, das ist gängige Praxis. Der Rechtsträger des Katholikentags ist ein eingetragener Verein, der keinen Gewinn macht. Für mich als Geschäftsführer ist es die vordringlichste Aufgabe, diese Mittel so sparsam wie möglich zu verwenden.

Die katholische Kirche gilt als reich, Leipzig ist die zweitärmste Stadt Deutschlands. Es gibt viele Stimmen, die sich gegen einen städtischen Zuschuss für eine kirchliche Veranstaltung aussprechen. Was spricht trotzdem dafür, einen Katholikentag mitzufinanzieren?

Uns ist bewusst, dass wir in eine hoch verschuldete Stadt gehen. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass sich die Investition für Leipzig lohnen wird. Sowohl die Stadt selbst als auch ihre Verkehrs- und Versorgungsbetriebe sowie die Wirtschaft der Region profitieren von Aufträgen des Katholikentags. Wir bezahlen Kombi-Tickets für unsere Besucher bei den Leipziger Verkehrsbetrieben, Miete für städtische Räume und Plätze, Strom etc. Wir schaffen Arbeitsplätze und zahlen Lohnsteuer für unsere Mitarbeiter. Wir brauchen Hotels, Gastronomie, Catering, technische Ausstattung, Werbung, Künstler. Wir haben die Ausgaben des Katholikentags Mannheim 2012 ausgewertet und konnten feststellen, dass rund 4,3 Mio. Euro aus dem Haushalt des Katholikentags in Mannheim und der Region geblieben sind.
Ein Dauerteilnehmer gibt durchschnittlich 35 Euro täglich aus. Bei geschätzten 33.000 Dauerteilnehmenden, wie zuletzt in Regensburg, und 20.000 Tagesteilnehmern mit 15 Euro Ausgaben pro Tag bleiben noch einmal fast fünf Millionen Euro in der Leipziger Wirtschaft. Unterm Strich kann man davon ausgehen, dass bei einem Einsatz von einer Million Euro rund neun Millionen Euro in Stadt und Region zurückfließen – selbst bei vorsichtigster Kalkulation also ein Vielfaches des eingesetzten Betrags.  Wir haben den Fraktionsvorsitzenden des Leipziger Stadtrats ein ausführliches Finanzierungskonzept vorgelegt, in dem all diese Punkte genau aufgeschlüsselt sind.

Was hat Leipzig sonst noch vom Katholikentag?

Leipzig wird nicht nur wirtschaftlich profitieren, sondern auch medial und als Veranstaltungsstadt. Vom Katholikentag Regensburg haben 950 Journalisten berichtet, das wird in Leipzig nicht anders sein, zumal wir ja ein Jubiläum feiern. Zentrale Veranstaltungen werden im Fernsehen live übertragen, fünf Tage lang wird Leipzig in aller Munde sein. Der Katholikentag ist eine Investition in die Stadt und in die gesamte Bürgerschaft. Geplant sind Freikarten für Hartz-IV-Empfänger, an vielen Plätzen in der Stadt gibt es frei zugängliches Programm, Konzerte, Kabarett, kulturelle Einrichtungen der Stadt werden einbezogen. Wer schon einmal dabei war, weiß die besondere Atmosphäre von Lebensfreude, Offenheit und Gemeinschaft zu schätzen, die sich hier entwickelt. Es wird auch eine große Werbeveranstaltung für Leipzig sein, die viele Menschen hierher führt und Kontakte knüpfen lässt.

Sie sind seit zehn Jahren Geschäftsführer des Deutschen Katholikentags. Diskussionen um kommunale Zuschüsse sind nichts Neues für Sie. Welches Fazit haben frühere Gastgeberstädte nach der Veranstaltung für sich gezogen?

Die Resonanz von Seiten der Städte war gerade im Rückblick  immer sehr positiv. In Regensburg sagte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs in diesem Jahr: "Es dauert hoffentlich nicht wieder 110 Jahre, bis der Katholikentag zu uns kommt." Und ich erinnere mich gut an die Reaktion von Oberbürgermeister Peter Kurz in Mannheim 2012. Er  stellte fest, auch medial sei der Katholikentag ein Geschenk gewesen. Eine bessere Werbung als so einen Katholikentag mit Livebildern von den schönsten Plätzen der Stadt und all den Veranstaltungen könne er sich gar nicht vorstellen.

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