Titelbild Biblische Impulse

Biblische Impulse

Woher kommen die anregendsten Impulse für einen gelungenen Tag und für ein erfülltes Leben, wenn nicht aus der Bibel?

Sind Sie an einer biblischen Auslegung interessiert? Wollen Sie wissen, was Politikerinnen und Politiker mit der Bibel anfangen können? Möchten Sie mit bekannten Kirchenleuten die Bibel lesen? Suchen Sie das Bibelgespräch mit Künstlerinnen und Künstlern? Haben Sie vor, mit Jugendlichen oder mit Kindern die Bibel aufzuschlagen? Suchen Sie die Bibel in Leichter Sprache? Oder haben sie besonderes Interesse am interreligiösen Dialog mit der Bibel?

Der Katholikentag hat etwas für Sie alle. Suchen Sie sich den biblischen Impuls aus, der Sie am meisten in Bewegung versetzt. Am Freitag und am Samstag gibt es von 9.30 bis 10.30 Uhr eine Fülle verschiedener Angebote. Überall in Münster steht derselbe Bibeltext im Mittelpunkt, am Freitag ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, am Samstag ein Stück aus dem Ersten Petrusbrief mit dem Leitwort des Katholikentages: Suche Frieden.

Zu den Biblischen Impulsen in der Programmübersicht

Zwei Auslegungen der Bibelstellen

Auf ihre Weise haben sich Prof. Dr. Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum und Prof. Dr. Ulrich Berges, Professor für Altes Testament an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn mit den Biblischen Impulsen zum 101. Deutschen Katholikentag 2018 in Münster befasst.

von Thomas Söding

Im Ersten Petrusbrief wird Psalm 34 zitiert, mit dem Leitwort zum Katholikentag 2018: "Suche Frieden". Dieses Zitat steht im Zentrum des gesamten Briefes (1 Petr 3,11). Der Umgang mit dem Psalm ist ein typisches Beispiel, wie im Neuen Testament ein Wort aus der Bibel Israels, dem Alten Testament, aufgenommen und aktualisiert wird. Deshalb ist das Zitat eine Einladung, auch heute nach der gegenwärtige Bedeutung des Wortes zu suchen. Die Kirche hat eine Friedensmission zu erfüllen.

Kirche an der Peripherie

Der Erste Petrusbrief ist von Rom aus an christliche Gemeinden in der heutigen Türkei geschrieben worden, die am Rande der Gesellschaft lebten (1 Petr 1,1-2). Genau dort sollten sie ihre Chance erkennen: Die Diskriminierung, die sie um ihres Glaubens willen erleiden, ist beklagenswertes Unrecht (1 Petr 4,4). Aber sie darf weder Aggressivität noch Sektierertum auslösen (1 Petr 4,12-19). Die Kirche soll vielmehr in der Nachfolge Jesu bleiben (1 Petr 4,1). Sein Lebensmodell soll auch diejenigen prägen, die Jahrzehnte später in einer ganz anderen Situation den Namen Jesu Christi tragen. Jesus ist immer auf der Suche nach denen, die Krieg mit Gott, mit ihren Nächsten und mit sich selbst führen. Er will ihnen den Frieden Gottes bringen (1 Petr 1,14-22). Diese Friedensmission bleibt auch der Kirche aufgetragen. Sie bekennt sich zu Jesus. Sie sieht seine Gewaltlosigkeit als Herzstück seines Dienstes zum Heil der Welt (1 Petr 2,21-25). Der Glaube an die Auferstehung Jesu gibt dieser Sendung Kraft (1 Petr 1,21).

Petrus in der Kirche 

Der Brief hat die Absenderangabe: "Petrus, Apostel Jesu Christi" (1 Petr 1,1). Ob es sich bei Petrus um den historischen Autor im modernen Sinn des Wortes handelt, ist fraglich. Eher ist Petrus die Autorität, die dem Schreiben Kraft gibt. Petrus und Rom gehören zusammen, sein Martyrium und seine Verkündigung. Er ist als "Zeuge der Leiden Christi" (1 Petr 5,1) lebendig. Das heißt: Er kennt am eigenen Leibe, was es heißt, um des Glaubens willen verfolgt zu werden – wie heute mehr Christinnen und Christen als je zuvor, aber ebenso auch Angehörige anderer Religionen. Dass die Kirche ihrerseits im Namen Jesu andere Menschen ihres Glaubens wegen verfolgt und dass sie sich in Konfessionskriegen zerfleischt hat, steht in schreiendem Widerspruch zu dem, was gerade die katholische Kirche, die sich gerne auf Petrus beruft, in der Heiligen Schrift liest.

Beten mit Petrus

"Petrus" ruft die Christinnen und Christen, die als bedrängte Minderheit in der "Diaspora" leben (1 Petr 1,1), zur Umkehr auf. Deren Antrieb ist ein Gebet Israels: Ps 34, dessen zentrale Weisung er zitiert (1 Petr 3,10-12). Er knüpft an die Liebe zum Leben an, die Gottes Schöpfung gemäß ist, und verbindet sie mit einer allgemeinen Maxime der Sittlichkeit, die nicht nur in der Bibel steht, sondern allen menschlichen Kulturen vertraut ist: Wer das Leben liebt, soll Gutes tun und Böses meiden (1 Petr 3,11). Wie das eine vom anderen unterschieden werden kann und wie das, was als richtig erkannt worden ist, auch wirklich getan wird, ist die große Kunst. Im Psalm und im Brief gibt der Glaube an Gott den Kompass an die Hand und die Energie in den Körper. Entscheidend ist die Bewegung: Der Friede ist nicht einfach da; es ist noch nicht einmal ohne Weiteres klar, worin er besteht. Deshalb muss der Friede gesucht werden (1 Petr 3,11). Er ist nur dort zu finden, wo Gerechtigkeit herrscht, weil das Flehen der Armen erhört wird (1 Petr 3,12). Wer fake news verbreitet und andere Menschen diffamiert, sät Unfrieden. Das sind die klaren Prinzipien; die Anwendungen zu finden, ist Sache eines weiten Herzens und eines klaren Verstandes zu jeder Zeit und an jedem Ort.

Handeln durch Beten

Den Psalm, den der Petrusbrief ins Gedächtnis ruft, entspricht einer Ethik der Feindesliebe, die ganz im Sinne Jesu ist (1 Petr 3,8-9). Vorausgesetzt ist Unrecht, das erlitten wird, wie es die Gemeindemitglieder tagtäglich erfahren. Entscheidend ist, durch die Reaktion nicht Öl ins Feuer zu gießen, sondern das Gesetz der Vergeltung zu durchbrechen und von Gottes Barmherzigkeit Zeugnis abzulegen (1 Petr 1,3) – wie, bleibt der kreativen Verantwortung der Leserinnen und Leser überlassen. Eine Linie lässt sich erkennen: je größer die innerkirchliche Einheit, desto größer die Fähigkeit, dem Druck von außen standzuhalten und aus der Deckung zu gehen, um für Gott Farbe zu bekennen.  Das wird oft sehr wehtun. Aber Jesus hat diejenigen seliggepriesen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden (Mt 5,10); so tut es "Petrus" – und fügt mit Worten des Propheten Jesaja an, dass Gott den Gläubigen nicht Angst einjagt, sondern Mut macht (1 Petr 3,14-15 – Jes 8,11-12).

Mut zum Handeln

Dass alle sofort von Gott überzeugt werden, wenn Menschen sich auf die Suche nach Frieden begeben, sagt der Brief nicht. Aber er bereitet darauf vor, dass es Fragen geben wird, auch viel Kritik. Dann schlägt die Stunde der Hoffnung (1 Petr 3,15-16). Damals in Kleinasien konnte es um Leben und Tod gehen. Heute in Münster ist es Gott sei Dank anders. Aber es bleibt dabei: Mut gehört zum Bekenntnis, aber auch Respekt vor den anderen. Gute Worte sind wichtig. Überzeugender sind Zeichen des Friedens, die durch Taten gesetzt werden. 

von Ulrich Berges

Diese Perikope gehört zu einem der bekanntesten Bibeltexte, nicht zuletzt wegen des Kirchenlieds von Philipp Nicolai aus dem Jahre 1599: "'Wachet auf!', ruft uns die Stimme. Der Wächter sehr hoch auf der Zinne, ‘Wach auf du Stadt Jerusalem!'". In Aufnahme von Mt 25 und dem Gleichnis der zehn Jungfrauen rückt die Ankunft des göttlichen Bräutigams in den Fokus: "Mitternacht heißt diese Stunde. Sie rufen uns mit hellem Munde: 'Wo seid ihr klugen Jungfrauen?'". In der zweiten Strophe des Liedes wird Jerusalem in der Gestalt der weiblichen Figur Zion zu einer der Jungfrauen, die auf die Stimme der Wächter hört. "Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen. Sie wachet und steht eilends auf". Während die Jungfrauen im Gleichnis auf die Ankunft des Bräutigams der Freundin warten (nicht ihres eigenen!), ist es im Lied von Nicolai der Freund Zions selbst, der vom Himmel prächtig kommt, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig. Darin scheint die ganze Dramatik von Jes 49–54 auf, denn Jerusalem/Zion wartet auf die Rückkehr ihres Bräutigams, JHWH, der nach dem babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) ihre deportierten Kinder zu ihr zurückbringt. Wenn es danach im Lied heißt, "Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf", so wird damit zu einen auf Jes 60,1 angespielt: "Steh auf, werde Licht, denn dein Licht ist gekommen und die Herrlichkeit JHWHs ist über dir aufgegangen", zum anderen auf den Stern, der die Könige aus dem Osten zum göttlichen Kind in der Krippe leitet (Mt 2). Die Licht-Metapher des Jesajabuches ist bis in die jüngste Zeit prägend geblieben, da sie der dogmatischen Konstitution über die Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils "Lumen Gentium" mehr als nur den Namen gegeben hat. Ihr erster Satz lautet: "Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15)."

Was ist ein Katholikentag anderes, als die Besinnung auf und die Einübung in diese Zielbestimmung, Christus als Licht der Völker zumindest ansatzhaft erfahrbar zu machen. Seine Herrlichkeit scheint auf dem Antlitz der Kirche wider (oder auch nicht!), so wie das Licht JHWHs über Jerusalem/Zion aufstrahlt und sich die Völker zu ihr auf den Weg machen: 

"Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht auf JHWH und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und es werden Nationen zu deinem Licht gehen, und Könige zum Glanz deines Aufstrahlens" (Jes 60,1-2). 

Damit das Realität werden kann, muss Zion/Jerusalem zuerst "erwachen und aufstehen" (Jes 51,9.17; 52,1). Diese Sprachbilder zielen auf das Exilsschicksal der Gottesstadt ab, die durch die Neubabylonier am Ende des 6. Jahrhundert vor Christus zerstört worden war. Der Tempel war in Flammen aufgegangen, die Oberschicht und die Priester waren deportiert, kein Opferkult war dort mehr möglich. Wie sollte es weitergehen, hatte JHWH nicht sein Volk den Feinden überlassen und mit Israel abgeschlossen? In dieser Nullstunde des Exils verkündet plötzlich eine prophetische Stimme: "Tröstet, tröstet, mein Volk" (Jes 40,1). Mit dem Perserkönig Kyrus, so heißt es, habe sich das Blatt zugunsten Israels gewendet, ja, er wurde sogar als "Gesalbter" gefeiert (Jes 44,28; 45,1). Doch wer hat die Kraft, nach all’ den Enttäuschungen, nach all’ den zerbrochenen Hoffnungen weiter an JHWH festzuhalten? Auch Zion/Jerusalem ist verzweifelt: "JHWH hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen" (Jes 49,14). Seine direkte Antwort lautet. Selbst wenn eine Mutter ihr Kind vergessen könnte, "ich vergesse dich nicht" (49,15). Die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt (Jes 52,7), sind nicht etwa die eines Engels, sondern es sind die Schritte derer, die sich als Tröster in dieser Situation der tiefen Enttäuschungen, aber auch der aufkeimenden Hoffnung für Israel einsetzen. Was ist der letzte Grund, was ist das Fundament dieses Trostes? Es besteht darin, dass Gott die Geschichte in seinen Händen hält, biblisch gesagt, dass er allein König ist (52,7). 

Als ich vor 25 Jahren Bischof Reinhard Lettmann hier in Münster fragte, wann unsere Kirche ins Exil komme, sagte er mir: "Sie kommt nicht ins Exil, sie ist schon im Exil!"

Niemand kann sich dieser Wahrheit verschließen. Weil dem so ist, braucht die Kirche, so wie Zion damals Trösterinnen und Tröster, Botinnen und Boten. Es braucht – und es gibt sie! – engagierte Menschen, die die Zeichen der Zeit erkennen und die Kirche zu einem Ort gelebter Solidarität machen. Nur so kann sie als Sakrament des Heils in diese Welt hinein leuchten. Dazu muss sie innerlich getröstet sein und darf nicht in lähmender Erinnerung verharren. Dann gilt für sie, was für Zion galt: "Denn JHWH hat Zion getröstet, getröstet all ihre Ruinen. Er machte ihre Wüste wie Eden, und ihre Öde wie den Garten Gottes. Jubel und Freude findet man in ihr, Lobpreis und den Klang von Liedern" (Jes 51,3).

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