Wissenschaftler: Alle Religionen haben Gewalt gerechtfertigt

Programmheft S. 105

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Wissenschaftler: Alle Religionen haben Gewalt gerechtfertigt

Gewalt/Religion

Die Rechtfertigung von Gewalt ist kein Alleinstellungsmerkmal des Islam. In allen Religionen gibt es nach Darstellung Münsteraner Wissenschaftler vom Exzellenzcluster Religion und Politik der Unversitäti Münster Tendenzen, Gewalt zu legitimieren, wenn die eigene Identität oder eigene religiöse Güter gefährdet erscheinen.

Der Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel sagte am Samstag beim Katholikentag, auch im Buddhismus gebe es eine Dämonisierung des anderen. "Im Rückgriff auf die mythologische Erzählung vom Sieg des Buddha über die mächtige dämonische Gottheit Mara – eine Art buddhistischer Teufel – entwickelte sich in allen Richtungen des Buddhismus das Motiv, religiös andere und/oder politische Gegner zu dämonisieren", unterstrich er. "Zum Teil ging diese Entwicklung so weit, dass damit auch deren konkrete Vernichtung legitimiert wurde."

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide machte zwei Elemente aus, die Gewalt im Namen des Islams Vorschub leisten: der Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen, und Gewaltverse im Koran. Dagegen will er das Liebesethos als Friedenspotenziall stärken. Der exklusive Wahrheitsanspruch des Islam müsse mit der Rückfrage konfrontiert werden, ob Muslime an einen Gott glauben wollten, der Menschen nur deshalb zur Hölle schicke, weil sie den falschen Glauben haben. Das widerspreche der Aussage vom liebenden, gerechten und barmherzigen Gott. Koranaussagen zum Thema Gewalt müssten zudem in den historischen Zusammenhang eingeordnet werden. "Sie sind Produkt historischer Konstellationen."

Der Arabist Thomas Bauer erklärte, im Islam habe über Jahrhunderte eine hohe Toleranz gegenüber unterschiedlichen Auslegungen des Koran geherrscht. Die islamische Welt habe lange eine große Fähigkeit besessen, Mehrdeutigkeiten und widersprechende Wahrheitsansprüche auszuhalten. Erst als der Islam mit dem stärker auf Eindeutigkeit fixierten Westen in der Moderne in Kontakt getreten sei, sei die Kultur der Mehrdeutigkeit verschwunden. Seitdem würden auch Muslime als Ungläubige tituliert, die andere Auslegungen des Koran favorisierten.

Der Professor für Religionsgeschichte des Alten Testaments, Johannes Schnocks, verwies darauf, dass Judentum und Christentum ältere Texte der Bibel zur Legitimierung von Gewalt benutzt hätten. So sei im Konflikt der Makkabäer mit den Persern Gewalt mit der Angst begründet worden, die eigene Identität als Volk und als Religionsgemeinschaft zu verlieren. Zur Zeit der Kreuzzüge hätten Christen wiederum diese Berichte der Bibel genutzt, um den eigenen Krieg theologisch aufzuladen und zu rechtfertigen. Auch der Jerusalemer Tempel sei schon im Alten Testament zum Ort und Anlass sowohl des Krieges wie des Friedens geworden.

Die Professorin für außereuropäische Geschichte, Silke Hensel, erklärte mit Blick auf den Umgang der katholischen Kirche mit Militärdiktaturen in Chile und Argentinien, dass es keine einheitliche Haltung der Kirche gegenüber den Menschenrechtsverletzungen gab. Mal unterstützte sie die Militärjunta, mal die Opfer der Diktatur. 

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