Spahn warnt vor Akademisierungswahn

Programmheft S. 100

Programmheft S. 100

Spahn warnt vor Akademisierungswahn

Gesundheit/Medizin

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnt vor einem Akademisierungswahn in Deutschland. Er halte nichts davon, „dass wir alles, was wir in unserem Land an Ausbildung machen, auf Bachelor umstellen müssen“, sagte Spahn am Freitag beim Katholikentag in Münster. Im Gegenteil gelte es, praktische Arbeit zu stärken. Akademische Ausbildung müsse Option und Fortbildung sein, aber nicht Grundvoraussetzung.

Der CDU-Politiker mahnte, die Qualität des deutschen Gesundheitssystems mehr wahrzunehmen und „wertzuschätzen, was geleistet wird“. Fünf Millionen Beschäftigte und 24-Stunden-Versorgung – „es gibt nicht viele Länder, die das bieten“, so Spahn.

Zum Pflegenotstand sagte der Minister, die finanziellen Voraussetzungen für nachhaltige Verbesserungen seien selten so gut gewesen wie im Moment. Man werde zügig neue Stellen schaffen, aber es sei schwer, diese qualifiziert zu besetzen. Pflegepersonal aus dem Ausland sei dafür nur ein Baustein; allein damit könne das Problem nicht gelöst werden.

„Wir werden uns auf Länder mit junger Bevölkerung konzentrieren, denen wir nicht die Menschen wegnehmen“, betonte Spahn. Dies sei eine wichtige ethische Frage.  In manchen Ländern gebe es aber auch schon Strukturen, die gezielt junge Leute fit machten für den deutschen Markt. Zudem treffe für qualifizierte Fachkräfte gar nicht immer zu, dass „alle nur nach Deutschland wollen“, so der Minister.

Der Vorsitzende des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands, Generalvikar Theo Paul, warnte vor einer „Defiziteinschätzung“ gegenüber ausländischen Mitarbeitern. „Wir müssen doch eingestehen: Ohne sie könnten wir unsere Einrichtungen inzwischen dichtmachen“ so Paul. „Wir spielen da eine Rolle, die uns gar nicht mehr zusteht.“

Der Geistliche warb für mehr Vertrauen in das Gesundheitssystem. „Wir brauchen derzeit nicht mehr Kontrolle, die einengt; wir brauchen kreative Kraft und gestalterische Spielräume“, so Paul, und: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“.

Für den Pflegebereich verwies er auch auf veränderte Familienverhältnisse. Aufgrund von Berufstätigkeit der Angehörigen könnten vor allem ältere Menschen nach einem Klinikaufenthalt heute nicht mehr selbstverständlich einfach nach Hause zurück. In diesem Bereich fehlten noch angemessene Angebote, damit Patienten verlässliche Bedingungen vorfänden.

Paul äußerte sich besorgt über drohende Klinikübernahmen. Kirchliche Krankenhäuser seien gemeinwohl- und nicht gewinnorientiert und schwer im Markt zu positionieren. Spahn sprach sich für Trägervielfalt, aber auch für Wettbewerb im Gesundheitssektor aus. Dadurch seien etwa durch massive Senkung der Arzneimittelpreise Milliarden Euro eingespart worden.

Als negatives Gegenbeispiel zum Wettbewerb von Krankenkassen nannte Spahn den britischen National Health Service, wo fehlende Konkurrenz den Dienst- und Servicegedanken weitgehend erstickt hätten und sich Trägheit breitgemacht habe.

Spahn und Paul äußerten sich beim Katholikentags-Podium „Wie gerecht ist das Gesundheitssystem? Patientenversorgung zwischen Ökonomie und Ethik“.

Diese Seite teilen