Middelhoff: Habe alles verloren und fühle mich heute frei

Programmheft Seite 140

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Middelhoff: Habe alles verloren und fühle mich heute frei

Gesellschaft/Konflikte/Schuld/Leute

Das Bild vom stets gebräunten Manager Thomas Middelhoff, der so hoch aufstieg, große Konzerne führte und dann tief stürzte, hat sich bei vielen eingebrannt. "Ich habe eigentlich alles verloren: meine Reputation, mein Vermögen und schließlich auch meine Ehe – durch meine Schuld“, bekannte ein sehr demütiger Middelhoff am Freitagnachmittag auf dem Katholikentag in Münster. In der "kleinen, kargen Zelle" habe er zurückgefunden zum Glauben, sagte der Katholik. "Ich glaube, ich war in den Jahren als Manager gar nicht mehr ich selbst. Ich bin vor mir selbst davon gelaufen." Heute sei er sich sicher, "Gott habe ihn zurückgeführt auf den Weg, den ich lange vorher verlassen habe". Er fühle sich heute freier denn je.

Auch den früheren Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch haben wohl die wenigsten schon so erlebt: Als er von seinem Bruder erzählte, der im Zweiten Weltkrieg in seinem Dorf im früheren Donauschwaben durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee erschossen wurde ("Die Schüsse höre ich heute immer noch."), versagte ihm die Stimme.  Der ermordete Bruder – das sei ein Teil seines Lebens und die Fragen des Glaubens hätten ihn stets begleitet. Er habe sich aber immer bemüht, nach vorne zu schauen. Geholfen hätten ihm neben seiner Familie zunächst Lehrer und Mitschüler, später sein Doktorvater. Inzwischen habe er nach 60 Jahren seine alte Heimat besucht, er spreche dort aber nicht über Schule, sondern über die Zukunft. "Ich werde dort jedes Mal herzlich aufgenommen", erzählte Zollitsch.

Gisela Meyer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden hat bei dem Amoklauf vor neun Jahren ihre Tochter verloren. Sie habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ihre Tochter "durch Menschenwerk" gestorben sei. Inzwischen habe sie damit ihren Frieden geschlossen. Sie habe sich intensiv mit dem Täter beschäftigt. "Und aus dem Täter wurde irgendwann ein Mensch", so Meyer. Dieser Mensch habe in seiner unglaublichen Verzweiflung keinen anderen Ausweg gesehen als diese Tat zu begehen. Er sei voll Hass und Wut gewesen. Heute sei es ihr gelungen, bekannte Meyer, Mitleid mit ihm zu empfinden. Sehr oft werde sie dafür von anderen allerdings auch angegriffen.

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