Kretschmann: Gewalt beginnt im Denken

Programmheft S.93

Programmheft S.93

Kretschmann: Gewalt beginnt im Denken

Gesellschaft/Populismus

 

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat vor einem schleichenden Einzug des Populismus gewarnt. „Wo Zusammenhalt nur durch vermeintliche Homogenität definiert wird, entstehen Filterblasen, in denen andere außen vorbleiben“, sagte Kretschmann am Freitag beim Katholikentag in Münster. Wo Menschen sich in Gruppen zusammentäten und definierten, wer dazugehört und wer nicht, beginne Gewalt im Denken und erst dann auch in Worten und schließlich in Taten.

Kretschmann sprach in der Clemenskirche zu einem Gedanken der Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) „Gewalt beginnt, wo das Reden aufhört“. Gewalt brauche „keinen Dialog, sie ist stumm“, so der Grünen-Politiker. Er mahnte Dankbarkeit für 70 Jahre Frieden seit dem Zweiten Weltkrieg an.

„Frieden entsteht nicht dort, wo alle einer Meinung sind“, mahnte Kretschmann. Unzivilisierter Streit treibe die Gesellschaft auseinander; zivilisierter Streit halte sie zusammen. „Einen solchen Frieden lasst uns suchen“, so der Ministerpräsident.

Für Frieden brauche es auch Sicherheit als Grundvoraussetzung. Terrorismus, Gewalt oder Klimawandel schafften bei Bürgern ein Gefühl von Verunsicherung. Der Staat müsse einen stabilen Rahmen bieten, um gesellschaftliche Verwerfungen zu verhindern. Dafür, so Kretschmann, brauche es auch das Gewaltmonopol des Staates. Ein Gegenbeispiel könne man derzeit in den  USA beobachten.

Zum Frieden in der Kirche sagte Kretschmann: „Man sieht ja derzeit, dass all die ganz Papsttreuen, wenn er mal etwas sagt, das ihnen nicht passt, dann doch nicht mehr ganz so papsttreu sind.“ Er plädierte für mehr Pluralität, indem er den Jesuiten Karl Rahner (1904-1984) zitierte: „Dogmen sind wie Straßenlaternen: Sie sollen den Weg beleuchten, auf dem wir gehen. Aber nur Betrunkene halten sich daran fest.“

Der Grünen-Politiker wies darauf hin, dass 40 Prozent der christlichen Kinder in seinem Land in gemischtkonfessionellen Ehen lebten. Er habe dem Papst gebeten, diese Tatsache in der Seelsorge zu berücksichtigen. In dieser Frage könne es "nicht nur um die hohen Dogmen und die hohe Theologie" gehen.

In der „Erzählkirche“ Sankt Clemens sprechen Persönlichkeiten aus Politik, Kirche und Gesellschaft über ihre individuellen Erfahrungen auf der Suche nach Frieden.

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