Kirchentagspräsident: Verschlafen wir nicht die Einheitschance

Programmheft S. 75

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Kirchentagspräsident: Verschlafen wir nicht die Einheitschance

Leute/Bibel

Der Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund, Hans Leyendecker, hat die Christen zu gesellschaftlicher und ökumenischer Wachsamkeit ermuntert. „Wachen wir auf! Und verschlafen wir nicht die Einheitschance unserer Kirchen“, sagte der Journalist am Freitagmorgen, dem Vortag seines 69. Geburtstags, beim Katholikentag in Münster. Christen dürften auch nicht den Zeitpunkt verschlafen, „wo wir uns einmischen müssen gegen den Antisemitismus, gegen Anti-Ausländer-Stimmung, gegen den Rechtspopulismus und Rechtsnationalismus“

Leyendecker, der zum Protestantismus konvertierte, gehört zu den profiliertesten investigativen Journalisten in Deutschland. Über 20 Jahre leitete er das Politik-Ressort der „Süddeutschen Zeitung“. Er äußerte sich in der Münsteraner Überwasserkirche in einem biblischen Impuls über den Propheten Jesaja . Leyendecker erinnerte an die Predigt des Kardinals von Galen gegen den Nationalsozialismus in genau dieser Kirche am 20. Juli 1941. Der Münsteraner Bischof beklagte unter anderem "abgrundtiefen Hass gegen das Christentum".

In wenigen Tagen komme US-Präsident Donald Trump nach Jerusalem, um die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, sagte der Kirchentagspräsident. Trump tue das „gegen den Willen der Vereinten Nationen und ohne erkennbaren Friedensplan“. Zu Trump tröste ihn ein Satz, den der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann beim Kirchentag 1950 in Essen gesagt habe: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt.“ Dieses Wort Heinemanns gelte bis heute. 

Leyendecker warnte zugleich vor einem Gestus vermeintlicher moralischer Überlegenheit. „Unsere eigene Geschichte“, die des Nationalsozialismus, führe „uns auch heute noch direkt zum Konflikt im Nahen Osten“. Der Journalist zeigte sich besorgt über ein „größer werdendes Schweigen“  in Bezug auf Israel. Viele hätten heute „Angst, sich zu Israel zu bekennen“. Leyendecker weiter: „Ja, man kann ein scharfer Gegner der Politik Benjamin Netanyahus sein.“  Dennoch gehörten Israels Existenzrecht und Sicherheit „zur deutschen Staatsräson“. Und diese Position sei „nicht antipalastinensisch und nicht antimuslimisch“, so Leyendecker.  Nachdrücklich sprach er sich für eine Zwei-Staaten-Losung aus.

Der Kirchentagspräsident ermunterte zu Offenheit und Fortschritten in der Ökumene. „Bewegt euch weiter! Fordert auch mal das Unmögliche! Wartet nicht, bis sich eure Bischöfe und Präsdes bewegen! Bewegt euch selbst!“, sagte er; und: „Zeig dich, kirchliches Fußvolk! Trau dich.“ Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) sei viel erreicht worden. Doch verstecke man sich zu oft hinter den Erfolgen von einst. Leyendecker wörtlich: „Jagen wir der Einheit wirklich ernst genug nach? Naja.  (…) Wir richten uns gemütlich ein, auch weil wir uns mittlerweile so gut verstehen, und haben für alles Formeln entwickelt.“

Der langjährige Politik-Redakteur warnte vor einem populistischen Extremismus, der sich „ölfleckartig breit macht“, und vor „Anti-Stimmungen“ gegen Juden, Muslime und Flüchtlinge. Hass keime „nicht nur in den Sozialen Netzen, sondern überall. Dieser Hass macht unsere Republik hässlich.“  

Der Kirchentagspräsident ermunterte dazu, die Auseinandersetzung mit Antisemiten und Rechtsextremisten in Deutschland zu suchen und sie „offensiv zu führen“. Insbesondere um die jungen Leute wirklich zu erreichen, brauche es wirksamere Bildungsangebote gegen Stereotype und Vorurteile. 

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