Pink Floyd, die Bibel und die Lamberti-Kirche

Programmheft S. 325

Programmheft S. 325

Pink Floyd, die Bibel und die Lamberti-Kirche

Bibel/Kunst/Installation

Echte Flammen in einem gotischen Gotteshaus? Lightshow und Nebelmaschine? Dazu Pink Floyds "Dark Side of the Moon"? Geht! Geht sogar ganz großartig. Wer immer dies mit Interesse liest, sollte sich bemühen, eine der noch sechs Möglichkeiten zu ergreifen. Am Freitag und Samstag jeweils um 21.00, 22.00 und 23.00 Uhr erstrahlt für jeweils 300 Besucher die Sankt-Lamberti-Kirche am Prinzipalmarkt – die mit den Käfigen … - in strahlenden Farben. Und sie wird erfüllt von Gottes Wort.

 "Glaubensfeuer" – so nennt sich die 45-minütige multimediale Illumination mit Live-Bibeltexten, ein Projekt des Bistums Mainz. Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding (62), lange Zeit Mitglied der vatikanischen Theologenkommission, hat die Schöpfungsgeschichte, die Bergpredigt und eine Passage aus dem Hebräerbrief („Trachtet nach dem Frieden mit jedermann“) ausgewählt, um die Urgewalten von Wasser, Licht und Feuer zu inszenieren. Er selbst und seine Ehefrau Christine leiten mit dem Vortrag der jeweiligen Bibelstelle die drei rund 15-minütigen Installationen ein.

"Son et Lumiere", Ton und Licht, so heißt das Konzept, das die romanischen und gotischen Kathedralen des Nachbarlandes Frankreich über die vergangenen 20 Jahren erobert hat. Doch wo es dort eher darum geht, Touristen anzuziehen und in lauen Sommernächten durch thematische Bildstrecken wie Normannen, Drachen oder Impressionisten auf den Fassaden zu erfreuen – was ohne jeden Zweifel sehr reizvoll ist! –, hat man in Deutschland (typisch) eine Schippe Ernsthaftigkeit draufgepackt.

Ein beeindruckendes Beispiel war im August 2016 die Installation "Silent Mod", als das international gefeierte DJ-Duo "Blank & Jones" den Kölner Dom aus Anlass der GamesCom-Messe gemeinsam mit dem Domkapitel für eine spektakuläre Inszenierung aus Licht und Chilltronic-Musik öffneten. Hier in Münster bekommen nun Theologie und Bibel einen großen eigenen Raum – und wohl sehr bewusst lädt der Professor Söding die Besucher am Ende zu einem abschließenden Dankgebet ein.

Durch das exotisch-kraftvolle Licht und die moderne bis mystische Musik erscheint die Kirche in völlig neuen Dimensionen. Der Tabernakel, die mittelalterlichen Chorfiguren bekommen eine verblüffende Tiefenschärfe. Die Aufmerksamkeit der Sinne ist gespitzt, auch für die Worte der Heiligen Schrift. Die Seele gerät ins Schwingen.

Es ist das Gotteshaus selbst, das inszeniert wird, gleichsam neu aufgeschlossen, um so einen neuen Zugang zum sakralen Raum zu ermöglichen. Die Lamberti-Kirche als "Server", als Kraftquelle, die in sich ruht. Kirche in einem neuen Licht - eine starke Einladung, eine große Chance auf ein besonderes Kirchenerlebnis. Pink Floyd und Gitarrist David Gilmour hätte das gefallen.

Sankt Lamberti ist die zentrale Markt- und Bürgerkirche der Stadt und einer der bedeutendsten Sakralbauten der westfälischen Spätgotik. Sie wurde ab 1375 von Kaufleuten der Stadt finanziert. Eine Besonderheit sind drei am Turm befestigte Eisenkörbe. Darin wurden 1536 die drei hingerichteten Anführer des "Täuferreiches von Münster" zur Schau gestellt, nachdem sie auf dem Platz vor der Kirche öffentlich gefoltert und getötet wurden.

In Sankt Lamberti hielt 1941 Bischof Clemens August Graf von Galen seine berühmten Predigten gegen das Nazi-Regime. Und eine der wenigen Türmerinnen Europas versieht auf dem Turm ihren Dienst: von 21.00 Uhr bis Mitternacht bläst halbstündlich Martje Salje zur vollen und halben Stunde ihr Horn.

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