Santos: Auch die ELN wird Vorteile des Friedens erkennen

Programmheft S. 83

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Santos: Auch die ELN wird Vorteile des Friedens erkennen

Kolumbien/Regierung/Frieden

Kolumbiens scheidender Präsident Juan Manuel Santos zeigt sich optimistisch für den schwierigen Friedensprozess in seinem Land. Auch die Rebellen der ELN würden die Vorteile des Friedens erkennen, sagte der Friedensnobelpreisträger am Donnerstag vor gut 2.000 Zuhörern beim Katholikentag in Münster. Am selben Tag hatten auf Kuba Friedensverhandlungen mit der zweitgrößten Rebellenorganisation des Landes begonnen.

Santos räumte ein, viele hätten seinen Weg vom Verteidigungsminister unter seinem Vorgänger Alvaro Uribe, also quasi „vom Kriegsminister zum Friedenspräsidenten“, nicht begriffen. Manchmal müssten aber „erst die Bedingungen geschaffen werden“, so Santos. Er sei in einem Land aufgewachsen, in dem Gewalt alltäglich gewesen sei. In seiner Zeit als Journalist habe er begriffen, dass „die Bevölkerung allmählich das Mitgefühl verlor“. Er habe begriffen, dass „das Land keine Zukunft hat, wenn wir diesen Konflikt nicht beenden“.

Einen Krieg zu führen, sei einfach, betonte der Nobelpreisträger. Frieden zu machen sei viel schwieriger; dort müsse man „überzeugen statt befehlen“. Santos wörtlich: „Frieden zu schaffen ist, wie eine Kathedrale zu bauen: Ein solides Fundament muss konstruiert werden, Ziegelstein muss auf Ziegelstein gesetzt werden.“ Das brauche lange.

In 14 Tagen finden in Kolumbien Präsidentschaftswahlen statt. Santos kann qua Verfassung nicht mehr antreten; ihm bleiben noch drei Monate im Amt. Bei den Parlamentswahlen im März wurden die Gegner des Friedensprozesses gestärkt.

Der kolumbianische Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga von Tunja erläuterte, während die internationale Gemeinschaft den Friedensprozess als ein halbvolles Glas sehe, sähen viele Kolumbianer eher ein halbleeres. Die verbleibenden Missstände stünden im Vordergrund. Tatsächlich gebe es noch viele Probleme, so Castro. Es fehle an Investitionen in den entlegenen Regionen, wo Perspektiven, Bildung, Schulen und Infrastruktur fehlten. Der Erzbischof zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Zufriedenheit mit dem Friedensprozess zunehmen werde. Die Menschen lernten das Fernbleiben von Gewalt mehr zu schätzen.

Auch der Hauptgeschäftsführer des kirchlichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Michael Heinz, sprach eher von einem halbvollen Glas. Es handele sich um einen komplexen Prozess; „das geht nicht von heute auf morgen“. Ein Skandal sei, dass immer noch so viele Menschenrechtler in Kolumbien ums Leben kämen.

Santos erläuterte, der kolumbianische Friedensprozess habe als erstes die Rechte der Opfer in den Mittelpunkt aller Lösungsansätze gerückt. Bereits 2012 gab es ein Opferentschädigungsgesetz. 800.000 Menschen hätten bereits Entschädigungszahlungen erhalten; allerdings seien insgesamt 8,5 Millionen Menschen als Opfer registriert worden.

Der Präsident räumte ein, die Abkehr von einer reinen Strafjustiz sei für viele Menschen nicht leicht zu begreifen. Doch eine Entschädigungsjustiz habe bessere Chancen, einen stabilen Frieden zu erreichen. Dabei stehe nicht Bestrafung im Mittelpunkt, sondern Wahrheit. Die meisten Opfer wollten wissen: „Warum? Wo sind meine Angehörigen? Wahrheit heilt Wunden“, zeigte sich Santos überzeugt.

In schwierigen Zeiten des Friedensprozesses seien es die Opfer gewesen, die am meisten auf eine Fortsetzung drängten, so Santos: „damit es anderen nicht genauso ergeht wie ihnen“. Das habe ihm selbst „viel Energie" gegeben.

Seine Regierung habe ein Lehrfach Frieden eingeführt, „damit Kolumbianer von klein auf lernen, dass man Konflikte durch Dialog lösen kann, statt mit Gewalt“. Als eine wichtige Aufgabe für seinen Amtsnachfolger nannte er, Regionen zu fördern, die über Jahrzehnte durch den Krieg marginalisiert wurden.

Juan Manuel Santos Calderon (66) ist seit August 2010 Präsident Kolumbiens. Für seinen Einsatz bekam er Ende 2016 den Friedensnobelpreis. Nach langen Verhandlungen unterzeichneten Santos und die FARC-Führung im September 2016 ein Friedensabkommen, das den seit 52 Jahre andauernden Bürgerkrieg im Land beendete. Rund 270.000 Menschen kamen in diesem Konflikt ums Leben; acht bis neun Millionen wurden zu Binnenflüchtlingen. 

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