"Reproduktionsmedizin hat mittlerweile eine globale Dimension"

Programmheft S.82

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"Reproduktionsmedizin hat mittlerweile eine globale Dimension"

Medizin/Ethik

Die Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth (CDU) hat die Christen dazu aufgerufen, sich aktiv in die Diskussion um Chancen und Risiken der Kinderwunschbehandlung einzubringen. „Wir brauchen starke Stimmen in der öffentlichen Diskussion dazu – mit Blick auf die medizinische Forschung, auf die Praxis in den Kinderwunschzentren, auf die politischen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt angesichts auch der globalen Dimension, welche die heutige Reproduktionsmedizin bereits hat“, sagte sie am Donnerstag in Münster.

Erforderlich seien ethische und frauenpolitische Leitlinien, so Flachsbarth, die auch Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) ist. „Und wir sind überzeugt, wir brauchen auch Grenzen!“, sagte sie beim 101. Deutschen Katholikentag in Münster. In den letzten Jahren seien immer mehr Frauen und Männer mit der Frage konfrontiert, ob sie eine Methode reproduktionsmedizinischer Assistenz in Anspruch nehmen möchten, so Flachsbarth weiter „Manchmal ist es begründungsfähig oder –würdig, warum man das möchte oder nicht.“ Hier seien Frauenverbände wie der KDFB in besonderer Weise gefordert.

Nach Worten der Bundesvorsitzenden von Donum Vitae, Rita Waschbüsch, spielt die Kinderwunschberatung eine zunehmende Rolle bei der Arbeit des von katholischen Laien getragenen Schwangerenberatungsvereins. „Unerfüllter Kinderwunsch, das ist kein Luxusproblem, das ist tief empfundene Not, dass das eigene Leben nicht gelingen könnte“, sagte Waschbüsch.

Im Zeitalter von Samenspende, Kryokonservierung oder künstlicher Befruchtung seien die Möglichkeiten für den einzelnen oft unüberschaubar. Auch spielten die psychosozialen Bedingungen eine immer größere Rolle, so Waschbüsch. „Betonter Individualismus innerhalb unserer Gesellschaft, versuchte Planbarkeit aller Lebensabläufe, Bindungsängste, Zukunftssorgen, aber auch der medizinische Fortschritt mit seinen vielen neuen Möglichkeiten prägen die Diskussionen“, so die frühere Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Donum Vitae nehme als Beratungsverein eine Mittlerrolle ein. Die politischen Rahmenbedingungen für Familien spielten bei der Fragestellung eine große Rolle, unterstrich Waschbüsch. „Wir fordern besonders auch Weichenstellungen, dass junge Frauen sich nicht genötigt sehen, die Geburten ihrer Kinder wegen langer Ausbildungszeiten, Berufseinstieg und wirtschaftlicher Unsicherheit immer mehr in die Lebensjahre abnehmender Fertilität zu schieben.“ Ebenso dürften Kinder, „wie leider noch so oft“, den sozialen Abstieg bedeuten, sagte sie.
 
Der Mediziner Jürgen Krieg vom Kinderwunschzentrum Amberg erklärte, es gebe „kein Recht auf ein Kind, aber jeder hat das Recht, alles dafür zu tun, ein Kind zu bekommen“. Reproduktionsmediziner stünden vor moraltheologisch und ethisch „wirklich schwierigen“ Fragestellungen und Dilemmata; das gelte etwa beim Umgang mit „übriggebliebenen“ eingefrorenen Eizellen. Auch könne man den Eltern, die hohe finanzielle Ressourcen aufbringen müssten, keine Erfolgsgarantie geben.

Auch die Kirche müsse bei dem Thema einen Lernprozess mitmachen, da in ihren Augen Reproduktionsmediziner „etwas Böses“ täten, so der Katholik. „Wir machen kein Leben, und ich mache auch kein Kind. Das ist einfach Unsinn“, hob Krieg hervor. „Ich bringe Samen- und Eizelle zusammen, das war‘s. Ich hauche kein Leben ein. Das liegt nicht in meiner Macht, und ich bin froh, dass es nicht in meiner Macht liegt“, sagte der Mediziner.

Die Bielefelder Rechtswissenschaftlerin Anne Sanders verwies auf große gesetzliche Unschärfen beim „Recht auf ein Kind“ sowie den Umgang mit der in Deutschland verbotenen Leihmutterschaft und Eizellspende. „In den letzten 30 Jahren hat sich der Gesetzgeber sehr zurückgehalten, also haben wir ein sehr veraltetes Recht, weil die Thematik so schwierig ist.“ Demgegenüber sei Leihmutterschaft etwa in Großbritannien und einigen US-Staaten erlaubt. Dies führe zu rechtlichen Differenzen, mit denen man umgehen müsse. Zudem herrsche mit ärmeren Ländern etwa in Südostasien ein regelrechter „Leihmutterschaftstourismus“, der „gewaltige Probleme“ schaffe.  Dort werde die unglaubliche Armut der Menschen ausgenutzt.

Die Hannoveraner Politikwissenschaftlerin Katharina Braun lenkte den Blick auf die sozialen Folgen der wachsenden reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten. In den letzten zehn Jahren erwarteten betroffene Paare von der Gesellschaft, dabei jede Unterstützung zu erhalten. „Das geht bis dahin, dass ich auch den Körper Dritter nutzen darf – etwa durch Leihmutterschaft oder Eizellspende“, sagte Braun. Sonst seien die Paare gezwungen, ins Ausland zu gehen. Weltweit gebe es hier einen großen Markt vor allem in ärmeren Ländern. „Wir müssen als Gesellschaft hier Grenzen ziehen. Der Wunsch der einzelnen kann nicht absolut gelten, so hart das ist, aber er kann nicht die Gesetzgebung diktieren“, so die Wissenschaftlerin.

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