Münster ist auch die Stadt des Wiedertäuferreichs

Münster ist auch die Stadt des Wiedertäuferreichs

Geschichte/Kirche

Wer Münster besucht, wird mit Schaudern zu ihnen aufblicken: Hoch oben am Turm der Lamberti-Kirche am Prinzipalmarkt erinnern drei eiserne Käfige an ein missglücktes religiöses Experiment aus dem 16. Jahrhundert.

In den Käfigen hingen 1536 die grässlich geschundenen Leichen der Wiedertäufer Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechting ? zur "ewigen Abschreckung". Am 22. Januar 1536 waren die drei Anführer nacheinander mit glühenden Zangen öffentlich zu Tode gefoltert worden. Ihr Ende bedeutete auch das Ende der Herrschaft einer kleinen radikal-reformatorischen Minderheit, die Münster 16 Monate lang in Atem hielt.

Nach Luthers Reformation bildeten sich in Europa charismatische Glaubensgemeinschaften, die auch innerprotestantisch sehr umstritten waren. Eine von ihnen waren die Chiliasten, die unter anderem die Kindstaufe ablehnten. Deshalb wurden Anhänger zum zweiten Mal getauft - was ihnen den Namen "Wiedertäufer" einbrachte.

Dass gerade Münster zum Zentrum der auch als Schwärmer bezeichneten Täufer wurde, lag an der Nähe zu den Niederlanden, einer Hochburg der Bewegung, sowie an den Missgriffen des Fürstbischofs Franz von Waldeck, der die Stadt mit hohen Steuern belegte.

Reformatorisches Gedankengut ging zunächst vom Kaplan Bernhard Rothmann aus, der vor den Toren der Stadt in der Sankt Mauritzkirche wirkte. Zunächst ein Anhänger Luthers, radikalisierte er sich zusehends. Anfang 1533 ließ er sich mit seinen Anhängern heimlich erneut taufen.

Immer mehr Täufer aus der Region und den Niederlanden strömten in die Stadt, das "neue Jerusalem". Bei den Ratswahlen 1534 gewannen die Täufer die Mehrheit. Mit Hilfe des einflussreichen Tuchmachers Knipperdollinck setzte Rothmann im Januar 1534 durch, dass alle "andersgläubigen" Einwohner die Stadt verlassen mussten. Ihr Eigentum wurde konfisziert. Währenddessen organisierte der Fürstbischof die Einkesselung und Aushungerung der Stadt.

Einen Radikalisierungsschub brachte Jan Matthys, Bäcker aus Haarlem und selbsternannter Prophet, der Anfang 1534 nach Münster kam. Spätestens jetzt zeigte die Bewegung ihr hässliches Gesicht: Die Täufer verfolgten jeden Kritiker. Sie errichteten eine theokratische Gesellschaftsordnung mit Polygamie und dem Verbot von Privateigentum. Im Februar 1534 verwüsteten die Täufer Klöster und Kirchen. Bücher, Gemälde, aber auch Schuldbriefe und Urkunden gingen in Flammen auf.

Aus der reformatorischen Bewegung entwickelte sich ein apokalyptisch-chiliastisches Regime: Für Ostersonntag 1534 prophezeite Matthys das Ende der Welt. Mit einigen Begleitern ritt er unbewaffnet zum Heerlager des Bischofs, um ein göttliches Wunder zu provozieren. Die Söldner aber zerstückelten ihn, sein abgeschlagener Kopf wurde vor der Stadtmauer zur Schau gestellt.

Nun schlug die Stunde des Jan van Leiden. Der 25-Jährige hatte in den Niederlanden eine Wirtschaft nebst Bordell betrieben. Wesentlich skrupelloser als sein Lehrmeister Matthys, riss er die Führung an sich und ließ sich zum König von Münster krönen. Zum Statthalter ließ er Knipperdollinck wählen, der auch als sein Henker amtierte. 1535 schreckte van Leiden nicht davor zurück, eine seiner 17 Ehefrauen, die sich ihm widersetzt hatte, eigenhändig zu enthaupten.

Was als Utopie eines Gottesreichs auf Erden begonnen hatte, wurde - auch angesichts des militärischen Drucks von außen sowie von Hunger und Mangel - zu einer Schreckensherrschaft. Das Ende des Täuferreichs wurde durch Verrat besiegelt. Zwei Bürger liefen heimlich ins Lager des Bischofs über und verrieten eine Schwachstelle in der Stadtmauer. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1535 drangen die bischöflichen Söldner in die Stadt ein und veranstalteten ein Gemetzel. Die Anführer wurden zunächst in Ketten gelegt und in ganz Westfalen als Trophäe zur Schau gestellt.

Münster war dem übrigen Täufertum eine Warnung: Die pazifistische Strömung wurde maßgebend für die Bewegung. Heute gibt es nach Angaben der Mennonitischen Weltkonferenz weltweit etwa 2,1 Millionen Täufer, darunter auch Hutterer und Amish. In Deutschland leben 40.000 Mennoniten in 200 Gemeinden. Seit Ende des 20. Jahrhunderts finden mehrere Dialoge der Mennoniten mit den evangelischen und der katholischen Kirche statt. So gab es zwischen 1998 und 2003 unter dem Stichwort Unterwegs zu einer Heilung der Erinnerungen mehrere offizielle Treffen zwischen Vertretern der Mennonitischen Weltkonferenz und dem Vatikan. Sie waren seit dem 16. Jahrhundert die ersten offiziellen Begegnungen beider Kirchen.

Auf dem Münsteraner Katholikentag gibt es zwei Veranstaltungen, die sich mit der blutigen Geschichte und den Konfessionskonflikten mit den Täufern auseinandersetzen. So gibt es am Freitag ein "Gespräch unter den Wiedertäuferkäfigen", das die "Heilung der Erinnerung angesichts eines historischen Traumas" zum Thema hat. Anschließend findet ein Mittagsgebet für "Umkehr und Versöhnung unter den Wiedertäuferkäfigen" statt.

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