Experten kritisieren neues Gesetz zur Suizidbeihilfe

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Experten kritisieren neues Gesetz zur Suizidbeihilfe

Medizin/Sterbehilfe

Die Medizinethikerin und frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Christian Woopen, und der Strafrechtler Eric Hilgendorf haben das im vergangenen Jahr beschlossene Gesetz zum Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe kritisiert. Viele Ärzte seien verunsichert und hätten Angst, von der Staatsanwaltschaft verfolgt zu werden, erklärte Hilgendorf am Samstag beim Katholikentag in Leipzig. Ohne Not sei damit ein Graubereich geschaffen worden.

Woopen betonte, der Ethikrat habe sich gegen eine Anwendung des Strafrechts in diesem Bereich ausgesprochen. Stattdessen hätten die Mitglieder für ein Gesetz zur umfassenden Suizidprävention geworben. Diesem Vorschlag habe sich die Politik aber nicht angeschlossen. Der Berliner Moraltheloge Andreas Lob-Hüdepohl betonte dagegen, er sei zuversichtlich, dass noch bestehende Lücken nachgebessert würden.

Das Gesetz sieht vor, dass Vereine oder Einzelpersonen keine Beihilfe zum Suizid mehr als Dienstleistung anbieten dürfen. Es drohen bis zu drei Jahre Haft, wenn einem Sterbewilligen geschäftsmäßig ein tödliches Medikament übergeben wird. Angebote wie jener des Vereins "Sterbehilfe Deutschland" von Roger Kusch sind damit in Deutschland seitdem untersagt. 

Hilgendorf erklärte weiter, es sei ein unbefriedigender Zustand, dass Ärzte, die einem Sterbenskranken in einem Hospiz Möglichkeiten für ein Sterbefasten offerierten, bei dem dieser die Nahrungsaufnahme verweigere, streng genommen einen Straftatbestand erfüllten. Zudem könne man dem Gesetz leicht ausweichen, weil es weiterhin die Möglichkeiten für Sterbewillige gebe, in die Niederlande oder in die Schweiz zu fahren. 

Woopen betonte, sie halte es für falsch, in diesem Bereich das Strafrecht anzuwenden. Dadurch sei auch das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten gefährdet. Wenn jemand ohne jeden äußeren Druck entscheide, früher sterben zu wollen, sei dies ethisch zu respektieren. Sie plädierte dafür, dass die Gesellschaft den Schutz des Lebens so gestalten müsse, dass es auch bei Krankheit erträglich sei. 

Lob-Hüdepohl erklärte, wer Suizidbeihilfe als normale Handlung zulasse, trage dazu bei, Druck auf Sterbenskranke auszuüben. Häufig sei es die Angst vor den Schmerzen oder vor einer Überforderung der pflegenden Verwandten, die jemanden dazu trieben, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Er wies darauf hin, dass die Parlamentarier zusammen mit dem Gesetz zum Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe auch ein Gesetz zum besseren Ausbau der Palliativversorgung beschlossen hätten. 

wil/cas

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