Kirchenvertreter warnen vor neuem Nationalismus in Europa

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Kirchenvertreter warnen vor neuem Nationalismus in Europa

Kirche/Gesellschaft/Nationalismus

Vor populistischen und nationalistischen Parteien in Europa haben Kirchenvertreter und Wissenschaftler gewarnt. "Wir müssen der Angst und Verunsicherung großer Bevölkerungsgruppen eine Politik des Vertrauens entgegensetzen, um das Erstarken der Populisten zu stoppen", forderte der Wiener Theologe Paul Zulehner am Samstag beim Leipziger Katholikentag. Die Erfolge der FPÖ in Österreich seien vor allem Folge des "desaströsen Zusammenbruchs" der politischen Mitte, die in der Flüchtlingskrise ihre ursprünglich auf Integration und europäische Kooperation setzende Haltung aufgegeben habe.

Der Bonner Politikwissenschaftler Andreas Püttmann zog Parallelen zwischen dem aktuellen Erstarken neurechter Bewegungen in Deutschland und den Angriffen durch national-konservative Parteien auf die Demokratie der Weimarer Republik in den 1920er Jahren. "Die erschreckende Hetze im Internet gegen Angela Merkel erinnert mich an die Angriffe auf den 1921 ermordeten Weimarer Minister Matthias Erzberger."

Derzeit erlebten neue rechte Medien wie "Junge Freiheit" oder "Compact" sowie vor allem die rechten Internetforen einen dramatischen Aufschwung. Fast immer gehe es diesen Medien nicht mehr um den demokratischen Austausch der Meinungen, sondern nur darum, möglichst laut und aggresisv die eigene Meinung herauszubrüllen und den politischen Gegner anzugreifen. Dabei gebe es auch Berührungspunkte zu rechts-konservativen Christen, so Püttmann. Etwa wenn populistische Gruppen geschickt die Angst vor dem Verlust kultureller Identität aufgriffen.

Der französische Katholikenratsvertreter Jerome Vignon betonte, in Frankreich seien die Populisten im Vergleich zu Deutschland bereits viele Schritte weiter. Inzwischen sei der Front National (FN) nicht mehr nur Protestpartei, sondern werde von vielen Wählern explizit für sein nationalistisches Programm gewählt. "Rund ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Frankreich ist so von der politischen Mitte enttäuscht, dass sie nur noch dem FN Antworten auf ihre Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit zutrauen."

ZdK-Präsident Thomas Sternberg verteidigte erneut die Entscheidung, keine AfD-Politiker zum Katholikentag einzuladen. "Der Afd-Beschluss fällt mir nicht leicht, aber es war richtig." Es sei wichtig, ausländerfeindlichen Parolen kein Podium zu geben. Sternberg bezeichnete neue nationalistische Entwicklungen als massive Bedrohung für Europa. "Das gefährdet all das, was uns seit 50 Jahren Frieden und Wohlstand garantiert hat." Er rief die Christen auf, Populisten entgegenzutreten. "Wir dürfen nicht die Deutungshoheit darüber verlieren, was christlich ist. Das Christentum setzt nicht auf Abgrenzung, sondern auf Integration."

has/cas

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