Halik: Ich habe mich zum Christentum durchgezweifelt

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Halik: Ich habe mich zum Christentum durchgezweifelt

Kirche/Leute

Der Prager Religionssoziologe Tomas Halik hat die Kirchen aufgefordert, stärker auf die "Suchenden und Zweifelnden" zuzugehen. Dies dürften sie aber nicht "von oben herab" tun, sagte Halik am Samstag beim Katholikentag in Leipzig. Schließlich sei die "Wahrheit ein Buch, das niemand von uns schon zu Ende gelesen hat". Er stelle fest, dass die Zahl der nach Glauben Suchenden zunehme -"sowohl unter den Gläubigen als auch unter den Ungläubigen". Darauf müssten sich die Kirche einstellen. Christen müssten diese Suchenden solidarisch begleiten. "Ein Führerprinzip hat auf einem solchen Weg keinen Platz", so Halik. Er selbst habe sich in einem kommunistischen Land zum Glauben "durchgezweifelt".

Der traditionelle Volksglaube habe keine Zukunft ohne vertiefende Reflexion, so Halik weiter. Schließlich verschwinde das dafür notwendige sozio-kulturelle Milieu Schritt für Schritt. Die jüngere Generation lebe in einem ganz anderen Milieu und stehe vor anderen Herausforderungen, deswegen könne man ihr den traditionellen Glauben nicht einfach überstülpen. Nach Haliks Auffassung befinden sich viele west- und osteuropäische Länder derzeit deshalb in einem Übergang "vom kindlichen zum reflektierten Glauben".  Er verglich diese Entwicklung mit der Pubertät. Jugendliche befänden sich dann in einer Krise und suchten eine neue Beziehung zu den Eltern.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) betonte, die Christen in Ostdeutschland hätten bereits in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrungen gemacht, die vielen Katholiken und Protestanten in Westdeutschland noch bevorstünden. In den 60er Jahren sei er in der 8. Klasse zusammen mit einem evangelischen Mitschüler der einzige gewesen, der nicht zur Jugendweihe gegangen sei, sagte der Katholik. Derzeit erlebe er, dass der Großteil der Ostdeutschen "zumindest nichts gegen das Christentum hat". Nach zwei Jahren bestehe eher eine "gewachsene Gleichgültigkeit". Sein Beispiel zeige aber, dass hier auch christliche Politiker eine Chance bekämen.

Er beobachte, dass viele westdeutsche Politiker nicht offen mit ihrem Glauben umgingen. Dies bedauere er, sagte Haseloff. Er komme oft mit Menschen über seinen Glauben ins Gespräch, zumal er von der Ausbildung her Physiker sei und dies für viele nicht zusammenpasse.

wil/cas

 

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