Kirchenhistoriker Wolf: Katholikentage schreiben Erfolgsgeschichte

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Kirchenhistoriker Wolf: Katholikentage schreiben Erfolgsgeschichte

Katholikentag/Jubiläumsveranstaltung

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat die Katholikentage als Erfolgsgeschichte bezeichnet. Die 99 bisherigen Großereignisse hätten gezeigt, dass die katholischen Laien "selbstbewusst und eigenständig Verantwortung übernommen haben für die Kirche und für die Welt", sagte Wolf am Mittwoch anlässlich eines Festaktes zum 100. Katholikentag in Leipzig, der am Abend eröffnet wird.

Zugleich rief er die Teilnehmer dazu auf, wieder mehr Mut zu zeigen. Zwar seien Katholikentage "lebendiger, vielfältiger offener, jugendlicher und religiöser geworden". Es bestehe aber die Gefahr, dass sie dadurch auch "beliebiger, unpolitischer und letztlich wirkungsloser werden". Wolf fordert mehr Stellungnahmen zu zentralen politischen oder innerkirchlichen Themen. "Inhaltlich mehr klare Kante entspricht der Tradition der Katholikentage", so der Historiker. 

"Was spricht eigentlich gegen ein klares Votum des Leipziger Katholikentags für die Weihe von Frauen zu Diakoninnen?", so Wolf. Nachdem Papst Franziskus diese Frage überraschend für offen erklärt habe, wäre dies ein deutliches Signal. "Dann wäre das heutige Jubiläum nicht nur ein harmloses Fest", meinte der Historiker. Er wünsche sich mehr klare Stellungnahmen, damit der "Laienkatholizismus neue Durchschlagskraft" erhalte.

Katholikentage seien immer mehr gewesen "als Treffen frommer Christen, die sich und ihren Glauben feierten". Die Veranstaltungen seien vielmehr als "öffentliche Inszenierung des sozialen und politischen Katholizismus, der die deutsche Gesellschaft nachdrücklich geprägt habe. "Ohne sie gäbe es den Sozialstaat, wie wir ihn kennen, nicht. Ohne sie hätte wohl auch das Grundgesetz keinen Gottesbezug in seiner Präambel", erklärte Wolf. Zahlreiche Beschlüsse hätten sich in Gesetzesvorlagen wiedergefunden oder hätten zumindest den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland bestimmt. 

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff erklärte: "Christen tun einer Gesellschaft besonders gut". Sie setzten sich mehr als viele andere etwa für die Umwelt und für die Menschenwürde ein. Zugleich kritisierte er die islamfeindliche Pegida-Bewegung. Die Teilnehmer verteidigten angeblich das christliche Abendland. Er habe aber oft den Eindruck, sie kennten die Bibel nicht. Sie träten angeblich für die freiheitliche Grundordnung ein, offensichtlich ohne sich das Grundgesetz angeschaut zu haben.

Da "unser Land derzeit in Gefahr ist, gespalten zu werden", gelte es besonders, sich zu vergegenwärtigen, wie stark Kirche einen Zusammenhalt gewährleistet. "Die Kirche fragt nicht zuerst, was uns trennt, sondern, was uns verbindet." Derzeit erfahre die katholische Kirche in Deutschland aus Rom auch viel Rückenwind, viele seien von dem Satz von Papst Franziskus elektrisiert: "Wer bin ich, andere zu verurteilen." Menschlichkeit und Nächstenliebe könnten nicht per Gesetz beschlossen werden. Diese Werte zu leben, sei auch Aufgabe der aktiven Christen. Dies habe er selbst nach dem Rücktritt von seinem Amt als Bundespräsident erfahren. Von Leipzig müsse ein Signal gegen Fremdenfeindlichkeit und Egoismus ausgehen, so Wulff.

Dresdens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte, er wünsche sich, dass der Katholikentag zu Engagement und Zuversicht ermutige, dass "wir die Aufgaben unserer Tage gemeinsam meistern werden". Weiter betonte er: "Wir haben die Chance als glaubensfrohe Gesellschaftsmacher, die mitten im Leben stehen, zu überzeugen: Mit der Kraft und der Gelassenheit einer 2.000-jährigen Geschichte. Und mit Respekt und Toleranz füreinander, die dem christlichen Menschenbild zu eigen sind. " Er rief dazu auf zu zeigen, dass "Religionsfreiheit keine Einbahnstraße ist". Es gehe darum, seinen Glauben zu leben und der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können. 

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, würdigte den Ort für den 100. Katholikentag. Leipzig sei nicht auf den ersten Blick eine katholische Stadt. Es gebe aber einen wachsenden Anteil von Katholiken. Das Christentreffen solle dafür sorgen, dass der Eindruck, Leipzig sei nicht weltoffen, revidiert werde.

An dem Festakt nahmen auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks  (SPD), der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, sowie zahlreiche Bischöfe und Weihbischöfe teil.

wil/cas

 

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