Ökonomen fordern Abkehr vom Wachstumsdenken

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Ökonomen fordern Abkehr vom Wachstumsdenken

Umwelt/Wirtschaft

Einen globalen Systemwandel weg vom Wachstum und hin zu einer "Postwachstumsökonomie" haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler auf dem 100. Katholikentag in Leipzig gefordert. Notwendig sei ein Rückbau industrieller und global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgung, erläuterte der Oldenburger Ökonom Niko Paech am Freitag in Leipzig. Über Ziel und Ausgestaltung gebe es noch keinen Konsens.

Ein erster Schritt könnne die Abkehr von der 40-Stunden-Woche sein, so Paech. Um eine Postwachstumsgesellschaft zu erreichen, könnte dann jeder Einzelne 20 Stunden in seinem Beruf arbeiten und die übrigen 20 Stunden für die Selbstversorgung nutzen. Das Ziel sei eine "duale Existenz". Ein solches Konzept der Selbstbegrenzung könne zwar nicht von der Politik eingefordert werde. Sie könne aber die Voraussetzungen schaffen.

Als "Postwachstumsökonomie" wird nach Paech eine Wirtschaft bezeichnet, "die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt". Die Grundidee wurde bereits 2007 entwickelt.

Der Berliner Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz verwies auf die Probleme, die das jetzige System des ungehemmten Wachstums an seine Grenzen führe. So habe sich der Energieverbrauch in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht, ebenso der Co2-Ausstoß. Die Weltbevölkerung habe sich verdoppelt. Die Welt reagiere aber immer erst auf Krisen, wenn sie da seien, warnte Klingholz. Am Beispiel der Erderwärmung durch Klimawandel zeige sich jedoch, dass es dann zu spät sei.

Von einer "zerstörerischen Lebensweise" sprach der in Wien lehrende deutsche Politikwissenschaftler Ulrich Brand. Die Entwicklung zu einer Postwachstumsgesellschaft könne aber nur von unten angestoßen werden. Die große Frage sei, wie die Veränderung für die Bevölkerung attraktiv gemacht werden könne.

jsw/cas

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