Schavan: Gegen Abschottung – „Barmherzigkeit schafft Kultur“

Seite 61

Seite 61

Schavan: Gegen Abschottung – „Barmherzigkeit schafft Kultur“

Katholikentag/Bibelarbeit

Die frühere Bundesministerin Annette Schavan hat sich gegen eine Abschottung Europas und für eine Kultur der Barmherzigkeit ausgesprochen. Toleranz habe ein Europa der Freiheit und der Vielfalt geschaffen, sagte die CDU-Politikerin am Freitag beim 100. Katholikentag in der Leipziger Nikolaikirche. Toleranz gehöre "zum kulturellen Gedächtnis der Europäer" und sei Teil der christlichen Lebensperspektive.

Europa werde letztlich keine überzeugende Antwort auf die Frage nach seiner Identität erhalten, "wenn wir glauben, sie durch Abschottung bekommen zu können", so die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer könnten neue Mauern und Grenzzäune niemanden schützen; sie gefährdeten vielmehr die bislang erreichte Stabilität.

"Wir lassen das Fundament brüchig werden, auf dem die Europäische Union aufgebaut wird", betonte Schavan. "Stellen Sie sich vor, dass sich alle Christen in dieser Frage einig wären - dann wären wir in der Lage zu einer neuen zivilisatorischen Leistung; dann wären die Christen der wichtigste Player in Europa", sagte sie unter dem Beifall der Teilnehmer.

Die Botschafterin plädierte für eine Kultur der Barmherzigkeit und berief sich dabei auf Papst Franziskus. Barmherzigkeit sei "kein Begriff für unsere öffentlichen Reden". Eher sei man geneigt, "die Barmherzigen als Gutmenschen zu verspotten" und ihnen Naivität zu unterstellen. Dabei werde durch Barmherzigkeit Gleichgültigkeit unter Menschen überwunden, betonte Schavan. "Das macht aus unserer Gesellschaft ein Gemeinwesen. Naivität ist das gewiss nicht; daraus entsteht Kultur."

Barmherzigkeit beschreibe "eine selbstbewusste Grundhaltung derer, die nicht alles von Institutionen erwarten, sondern sich ansprechen lassen vom Schicksal anderer". Im Rückgriff auf das Motto des Katholikentages sagte die deutsche Vatikan-Botschafterin: "Seht, da ist der Mensch, der vor Not und Terror, vor Gewalt und Verfolgung geflüchtet ist und eine neue Lebensperspektive sucht."

In der Leipziger Nikolaikirche erinnerte Schavan auch an Pfarrer Christian Führer (1943-2014), der seit 1982 bis zum Fall der Mauer ununterbrochen zum Montagsgebet in die Nikolaikirche eingeladen hatte; daraus entstanden die sogenannten Montagsdemonstrationen, die den Untergang des SED-Regimes in der DDR einleiteten. Die Zivilcourage von Christen habe damals ein neues Kapitel in der Geschichte Europas aufgeschlagen, so die katholische Theologin." Der Fall der Mauer, die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas gehören zu den großen zivilisatorischen Leistungen in der Geschichte Europas."

In ihrem Appell zitierte Schavan aus der Rede von Papst Franziskus vor dem US-Kongress in Washington 2015: "Wenn wir uns Sicherheit wünschen, dann sollten wir Sicherheit geben. Wenn wir uns Leben wünschen, dann sollten wir Leben geben. Der Maßstab, den wir an die anderen anlegen,
wird der Maßstab sein, an dem die Zeit uns messen wird."

brg/cas

Diese Seite teilen