"Politische Anstrengungen nutzen ohne Konsumbewusstsein wenig"

S. 212

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"Politische Anstrengungen nutzen ohne Konsumbewusstsein wenig"

Konsum/Entwicklungshilfe

Zu einem bewussteren Konsum bei Mobiltelefonen und Kleidung ruft das kirchliche Hilfswerk missio Aachen auf. Die Produktionskette für die zur Herstellung von Handys nötigen Mineralien beginne mit Bandenkämpfen, Vergewaltigungen und Unterdrückung, sagte der Präsident des kirchlichen Hilfswerks missio Aachen, Prälat Klaus Krämer, am Donnerstag beim 100. Katholikentag in Leipzig. Sexuelle Gewalt und Versklavung füge Frauen im Osten der Demokratischen Republik Kongo schwerste seelische Verletzungen zu und habe verheerende Folgen für Personen und Familienstrukturen. Mehrere Dutzend Rebellengruppen und kriminelle Banden kämpfen dort mit allen Mitteln um die Kontrolle über Minen und Lagerstätten von Bodenschätzen.

Therese Mema Mapenzi, Leiterin von Traumazentren in Bukavu, sagte an die Adresse des Publikums: "Ich weiß, dass ihr in Deutschland keine Flüchtlinge haben wollt. Aber gleichzeitig unterstützt ihr den Krieg, indem ihr schweigt; indem ihr Handys mit Blut-Coltan konsumiert; indem ihr Waffen und Munition liefert." Über die Ursachen dieser Kette zu sprechen, könne bereits dazu beitragen, den Krieg zu beenden. Missio fördert einen Zertifizierungsprozess für Konfliktmaterialien zur Handy-Herstellung. Die Kampagne habe bisher rund 40.000 Unterstützer in Deutschland.

Bernhard Felmberg, Ministerialdirigent im Bundesentwicklungsministerium, wies darauf hin, dass 60 Millionen Menschen weltweit in der Textilproduktion arbeiteten, die zumeist aus der Landwirtschaft kämen. Der Bereich von Mindestlöhnen, Produktionsstandards und Konkurrenzdruck sei also hoch sensibel; es gebe immer Ängste um Produktionsverlagerungen und Arbeitsplatzverluste. Felmberg wörtlich: "Alle politischen Anstrengungen in dieser Richtung nutzen aber wenig, wenn sich nicht auch die Verbraucher in Deutschland immer wieder vor der Kasse neu die Frage stellen: Wie will ich konsumieren?"

Laut einer Faustformel erhält eine Näherin etwa ein Prozent vom Ladenpreis; das wären bei 10 Euro für ein T-Shirt etwa 10 Cent. Der vereinbarte Mindestlohn in Kambodscha liegt bei 140 US-Dollar monatlich. Für die Mindestversorgung einer Durchschnittsfamilie sind derzeit etwa drei Mindestlöhne notwendig. Bei Demonstrationen von Textilarbeitern zur Erhöhung des Mindestlohns waren zuletzt mehrere Menschen erschossen worden. Die kambodschanischen Behörden befürchten eine Abwanderung von Unternehmen in noch günstigere Länder.

brg/baj

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