Der leere Stuhl oder Warum sich Glaube und Unglaube schwertun

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Der leere Stuhl oder Warum sich Glaube und Unglaube schwertun

Religion/Gesellschaft

Bei einer großen Podiumsdiskussion des 100. Deutschen Katholikentags in Leipzig blieb am Donnerstag ein Stuhl leer. Das sollte nach den Worten von Moderator Hubertus Schönemann symbolisieren, dass das Gespräch zwischen Gläubigen und jenen, die keinen Glauben haben, schwierig bis unmöglich ist. "Ich lebe gut ohne Gott" stand auf dem Namensschild des leeren Stuhls. Umso lebendiger war die Debatte der anderen Podiumsteilnehmer.

So erzählte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der es als evangelischer Christ in seiner Partei nicht immer ganz leicht hat, selbst in Landstrichen mit 70 Prozent Nichtchristen sei die Sinnsuche noch lebendig. Als eindrückliches Beispiel schilderte er die tröstende Rolle der Kirchen nach dem Erfurter Schulmassaker von 2002. Diskussionen wie über das Tanzverbot am Karfreitag schreibt Ramelow einem "aggressiven Kampf gegen Kirche" zu.

Die evangelische sächsische Pfarrerin Ute Gerhardt und der ehemalige Leiter des Ökumenischen Forums HafenCity in Hamburg, Stephan Dreyer, bekundeten übereinstimmend, sie hätten noch nie direkten Kontakt mit Menschen gehabt, die überhaupt nichts glauben. Dass Kirchenferne nicht totale Indifferenz ist, bestätigte die Erfurter Politikwissenschaftlerin Stefanie Hammer: Sie sei religiös unmusikalisch, aber nicht gleichgültig, sagte sie. "Ich erlebe in mir selbst keinen Glauben, aber es ist mir nicht egal."

Nachdenkliches bot zu Beginn der Veranstaltung unter dem Titel "Ich glaub' nichts, mir fehlt nichts" der Erfurter Religionsphilosoph Eberhard Tiefensee. Jugendliche antworteten auf die Frage, ob sie christlich oder atheistisch seien, schlicht: "Weder noch - normal halt." Religionsferne Menschen unterschieden sich in ihren Moralvorstellungen nicht wesentlich von Gläubigen, so Tiefensee. In jedem Christen wohne auch ein kleiner Atheist: "Und in jedem Atheisten wohne auch ein kleiner Christ."

buc/baj

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