Caritas Ukraine: „Krieg in Europa“ wird nicht wahrgenommen

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Caritas Ukraine: „Krieg in Europa“ wird nicht wahrgenommen

Katholikentag/Ukraine

Der Krieg im Osten der Ukraine dauert nach Worten des dortigen Caritas-Präsidenten weiter an. "Wir haben einen Krieg in Europa, und wir nehmen ihn nicht mehr wahr", sagte Andrij Waskowycz am Donnerstag beim 100. Katholikentag in Leipzig. Immer noch gebe es 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge im Land, 20.000 teils schwer Verletzte, mehr als 9.000 Tote.

Es sei schwer für die Medien, darüber zu berichten, räumte er ein. Viele Menschen wollten ihre Nöte nicht zeigen; zudem gebe es eine große Solidarität der Bevölkerung mit den besonders Betroffenen. "Aber ohne Fotos und Bilder von Menschen in Not haben wir nicht die Empfindungen einer Krise und echter Not, anders als in Syrien", so Waskowycz.

Im nicht mehr von der Ukraine kontrollierten Teil des Landes sind nach Angaben des Caritas-Präsidenten Infrastruktur und Versorgung weitgehend zusammengebrochen. Dort lebten rund drei Millionen vor allem alte Menschen. Die medizinische Versorgung sei kollabiert, Ärzte und Pflegepersonal seien abgewandert. Nur wenige UN-Helfer und Nichtregierungsorganisationen hätten Zugang. "Dort sterben Menschen still in ihren Wohnungen. Es fallen bis heute Schüsse; Menschen treten auf nicht geräumte Minen", sagte Waskowycz.

Johannes Regenbrecht, Stabsleiter Ukraine im Auswärtigen Amt, bestätigte die von Waskowycz geschilderte Beobachtung, dass Russland durch die Annexion der Krim im Februar/März 2014 letztlich seinen eigenen Interessen in der Ukraine geschadet habe. Vor zwei bis drei Jahren hätten die meisten Ukrainer Russland noch als ein Brudervolk angesehen; dies sei nun nicht mehr der Fall. So bestehe jetzt die Schwierigkeit, so Waskowycz, dass das ukrainische Parlament den Vorschlägen der Minsker Verhandlungen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, weil es darin eine Schwächung der ukrainischen Interessen überhaupt sehe.

Gemma Pörzgen, langjährige Russland-Korrespondentin und Vorstand von Reporter ohne Grenzen, erläuterte, die beiderseitige Rede vom Neubeginn eines Kalten Krieges und der in den russischen Medien geschürte Antiamerikanismus hätten Präsident Wladimir Putin in die Hände gespielt. Selbst putinkritische Bürger fühlten sich inzwischen vor allem als Patrioten, da der Feind vermeintlich außen stehe. So werde das russische Volk durch außenpolitische Konflikte geeint.

Der Diplomat Regenbrecht mahnte an, den Dialog mit Russland trotz der gewachsenen politischen Differenzen und Konflikte weiter zu pflegen. Es stehe ein dichtes Netz von zwischenmenschlichen, kulturellen und Wirtschaftsbeziehungen auf dem Spiel, die alle Anstrengungen wert seien.

brg/cas

 

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