"Ich glaube" – Kirche in der DDR

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Katholikentag/Ausstellung

Eine Ausstellung mit historischen Fotografien als Beitrag zum 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig. Inmitten einer riesigen Baugrube steht der ebenso riesige Kubus des Museums für Bildende Künste in der Katharinenstraße. In drei Räumen im ersten Obergeschoss präsentiert der 1944 in Böhmen geborene Fotograf Harald Kirschner mehr als 70 Schwarzweiß-Bilder, die an einzelnen Beispielen kirchliches Leben in der DDR der 1980er Jahre illustrieren.

1979 begann Kirschner bei der ersten Reise des polnischen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) in dessen vom Sozialismus gebeugtes Heimatland, sich fotografisch mit dem Phänomen Kirche auseinanderzusetzen. Von da an begleitete er im religionsfeindlichen Umfeld der DDR traditionelle Feiern, Wallfahrten, Jubiläen und Katholikentreffen mit der Kleinbildkamera.

Die einfühlsamen Fotografien Kirschners erzählen vom Verhalten und Befinden des Einzelnen und zeigen die Kraft des Glaubens in der Gemeinschaft. Eindrücklich etwa die Menschenmassen beim 750. Geburtstag der heiligen Elisabeth von Thüringen 1981 in Erfurt – oder der Magdeburger Dom 1982 bei einer Andacht mit Taize-Gründer Frere Roger (1915-2005), voll mit jungen Menschen.

Die stärksten Bilder jedoch sind nicht die mit vielen – sondern jene mit wenigen Menschen. 1981 in Heiligenstadt etwa, als in der Palmsonntagsprozession einige würdige Zylinderträger den leidenden Christus an einem verlassenen Ladenlokal vorbeitragen. Die Aufschrift auf dem Fenster wird durch die Situation des Augenblicks zur überragenden Ironie und Gesellschaftskritik: „Vorwärts zum X. Parteitag der SED.“ Oder das Dresdner Katholikentreffen 1987, in dem die Besucher im ärgsten Wolkenbruch verharren – einschließlich des heute 89-jährigen polnischen Kardinals Franciszek Macharski.

Die Darstellung des Menschen und das Porträt stehen im Zentrum der Bilder Kirschners, der seit Mitte der 1960er Jahre in Leipzig lebt. Doch die Botschaft von Lebendigkeit, Beharrlichkeit und Hoffnung kann er auch ohne jede Person transportieren: mit einer Halbtotale etwa in einer der so tristen Plattenbausiedlungen. An der Wand eines der Balkone lebt etwas – die gemalte Darstellung einer historischen Kirche, deren Zeit wiederkommt, wenn ihre Menschen den langen Atem haben. Sehenswert.

„Credo – Kirche in der DDR“, geöffnet bis 28. August 2016. Eintritt mit Katholikentagsausweis frei; sonst 5 Euro.

brg/cas

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