Sperrfrist
Fr, 27. Mai 2022, 11.00 Uhr

Fr
11.00–12.30
Dolmetschung ins Englische
Kirche und Theologie | Podium
Leben und Glauben teilen in der Weltkirche
Der Synodale Weg und die Katholik:innen der Weltkirche
Prof. Dr. Margit Eckholt, kath. Dogmatikerin, Osnabrück

Weltkirche und Synodalität  

 

Ich bin Mitglied im Forum 3 des Synodalen Wegs und dem KAAD über die Mitarbeit im Akademischen Ausschuss und der Mitgliederversammlung seit über 20 Jahren verbunden: ich danke für die Einladung zu diesem Forum; es ist wichtig, den Synodalen Weg in Deutschland in den Kontext des weltweiten Synodalen Wegs einzubetten.  

In den letzten Wochen haben wir verschiedene Stimmen aus der „Weltkirche“ gehört, die Anfragen an den Synodalen Weg formulieren: die Themen, die wir verhandeln, gerade wenn es um die Auseinandersetzung mit Fragen von Macht und Partizipation in der Kirche, priesterliche Lebensformen und die Frage nach dem Zölibat, nach der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern und Fragen der Sexualität / Homosexualität geht, so wird in diesen Briefen an die DBK formuliert, seien allein Fragen der deutschen Ortskirche, Reformen im Blick auf die genannten Themen gefährden die Einheit, es komme dann – und das wieder aus dem Land der Reformation – zu einer möglichen Spaltung in der Kirche. Um Reformen „abzubremsen“, wird auf die „Weltkirche“ und die Einheit der Kirche verwiesen.   

In diesem Statement möchte ich einen Impuls zur Klärung dessen geben, was „Weltkirche“ ist: In dogmatisch-theologischer Hinsicht ist dies bezogen auf die sog. „notae ecclesiae“ der Einheit und Katholizität. Kurz zur Erläuterung: Im „Credo“ beten wir: Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Diese Adjektive sind zentrale Momente für die Bestimmung von Kirche, das sind die genannten „notae ecclesiae“. Was Kirche ist, muss immer wieder neu auf die Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität bezogen werden.   

 

1. Stichwort:  

Weltkirche: Südverlagerung  

Die katholische Kirche ist „Weltkirche“, das heißt, Kirche Jesu Christi in der Vielfalt der Kulturen, in unterschiedlichste Dialoge – mit den anderen christlichen Konfessionen, mit den anderen Religionen -, aber auch die Spannungsgefüge – gesellschaftspolitischer, wirtschaftlicher, kultureller Art – einer globalen Weltgesellschaft eingebettet. Nur noch 23,8% Katholiken leben in Europa, 7,5% in Nordamerika, 41,5% in Lateinamerika, 11,7% in Asien und Ozeanien und 15,5, % - eine stetig wachsende Zahl - in Afrika (Zahlen für das Jahr 2018). Die katholische Kirche trägt das Gesicht des „Südens“, das durch Migrationsbewegungen auch im „Norden“ ankommt, und mit Papst Franziskus wird dieses Weltkirche-Werden konkret:  Das bedeutet: aus einer Westkirche, einer eurozentrisch geprägten Kirche aufbrechen, auf die Stimmen des Südens hören, die „Zeichen der Zeit“ im Dialog von Nord und Süd, Ost und West, erschließen, im lebendigen Gespräch mit Christen und Christinnen anderer Konfessionen und Angehörigen anderer Religionen, im gemeinsamen Einsatz für eine von Gewalt und Erschöpfung der Ressourcen – und damit der Lebensgrundlagen – bedrohten Welt. Die Lehrschreiben von Papst Franziskus – gerade auch das jüngste Schreiben „Fratelli tutti“ – laden dazu ein.  

Auf die Stimmen der „Welt“, vor allem des Südens, zu hören, ist insofern auch von Bedeutung für den Synodalen Weg der deutschen Ortskirche. Zulange hatte ein eurozentrisches Verständnis von Kirche vorgeherrscht, und hier hat auch die deutsche Theologie eine große Rolle gespielt. Hier ist meine Frage: Wenn es wirklich so wäre, dass in den Kirchen des Südens die genannten Themen – die Frage nach der Beteiligung von Frauen auch im sakramentalen Amt, Fragen der Sexualität und Homosexualität und die Auseinandersetzung mit Fragen von Macht und Partizipation – keine Themen der Kirchen des Südens wären, entkräftet dies die Bedeutung und Auseinandersetzung mit diesen Fragen?  

Zur weiteren Klärung muss der Begriff der Weltkirche geklärt werden:  

 

2. Stichwort: 

Weltkirche bedeutet nicht „Universalkirche“: Weltkirche ist die „Ortskirche“ in der Gemeinschaft der vielen „Ortskirchen“.  

Kirche ist immer konkret, „vor Ort“, das hat das 2. Vatikanische Konzil bekräftigt über die Bedeutung, die den Ortskirchen, den Lokalkirchen, zugemessen wird (vgl. LG 23), und das hat die Impulse zur „Inkulturation“ christlichen Glaubens in der Nachkonzilszeit geprägt. Aber im Grunde ist dies von Beginn der christlichen Mission immer im Blick gewesen, schon die ersten Auseinandersetzungen in den juden- bzw. heidenchristlichen Gemeinden stehen dafür.  

Kirche ist immer Kirche „vor Ort“, und genau hier ist die „Welt“ präsent. Das bedeutet: Wir nehmen unseren jeweiligen Kontext mit allen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Herausforderungen ernst, aber wir schließen uns nicht in unseren „Kontexten“ ab. Gerade „Fratelli tutti“ macht das deutlich; in einer globalen Welt geht es darum, Grenzen zu öffnen, zu überschreiten; Abschluss führt zu Gewalt, zu Ausgrenzung; wir nehmen so immer mehr wahr, was sich an anderen Orten ereignet, wir sind gefordert, die Realitäten anderer Kontexte ernst zu nehmen, auf die Stimmen der anderen Ortskirchen zu hören und entsprechend Verantwortung über unsere Ortskirche hinaus wahrzunehmen.  

Das ist begründet in der Tiefe des Verständnisses von Evangelisierung; das Evangelium Jesu Christi kann nicht anders als „konkret“, in und aus einem ganz spezifischen Kontext verkündet werden, es hat Adressaten und Adressatinnen und vielfältige, eigenständige „Subjekte“, die das Evangelium bezeugen, ihm ein konkretes „Gesicht“ geben. Die befreiungstheologischen Ansätze der Nachkonzilszeit haben dies deutlich gemacht und damit den Volk Gottes-Gedanken des 2. Vatikanischen Konzils konkret werden lassen.  

Und das bedeutet im Blick auf den deutschen Reformweg: In ihm wird auf dem Hintergrund unserer Situation einer gerade durch das Aufdecken des von Klerikern ausgeübten Missbrauchs an Kindern, jungen Menschen und Frauen zuhöchst angefragten Kirche auch die Weltkirche „konkret“ und mit ihr die Verkündigung des Evangeliums: Das ist eine angefragte Kirche, aber auch eine Kirche, in der so viele Laien, Männer und Frauen, in den letzten Jahrzehnten Verantwortung übernommen haben, in der die Vielfalt der Charismen zum Ausdruck kommt und die ein wichtiges Zeichen für die Lebendigkeit der Kirche Jesu Christi ist.  

Als Kirche „vor Ort“ sind wir aber nicht nur auf unseren Kontext fokussiert, die Weltkirche „vor Ort“ steht in Beziehung zu den anderen Ortskirchen, genau darin drücken sich Einheit und Katholizität der Kirche:  

Die Kirche realisiert sich in den Ortskirchen, und im Austausch zwischen den Ortskirchen versteht sich Kirche als „interkulturelle und interekklesiale Lerngemeinschaft“, wie die deutschen Bischöfe in ihrem Dokument „Allen Völkern sein Heil“ (2004) formulieren. Weltkirche ist eine solche Lerngemeinschaft, in der das Evangelium Jesu Christi in unterschiedlichen Sprachen und Kulturen und pluralen Verhaltens- und Handlungsweisen übersetzt wird, in der es – im Grunde stetig neu – konkrete „Gestalt“ annimmt. Der Austausch mit den vielen Ortskirchen – und gerade der Dialog mit den Kirchen des Südens – kann uns dabei helfen, die Kriterien für unser „Kirche-Sein“ zu schärfen. Die Lebendigkeit der Kirche Jesu Christi zeigt sich hier vor allem im liebenden und befreienden Einsatz für die „Armen“, für die, denen Gewalt widerfährt, denen Leben und Zukunftschancen genommen werden, für eine Welt, deren Ressourcen sich erschöpfen.  

Aber sind wir auf dem Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland nicht genau in dieser Spur, wenn wir in der Arbeit in den 4 Foren immer wieder neu von den Stimmen der Betroffenen sexuellen und geistlich-geistigen Missbrauchs ein kritisches Feedback und so auch eine Orientierung erhalten? Das wird in der Präambel, im Grundtext des Synodalen Wegs, formuliert: „Wir gehen den Synodalen Weg – aufgerüttelt durch den Aufschrei und die Klage (Exodus 3,7) der Opfer sexualisierter Gewalt in unserer Kirche. Wir gehen ihn als Synodalversammlung des Synodalen Weges. Wir gehen ihn als einen Weg der Umkehr und der Erneuerung. Wir wollen das Evangelium, Gottes Frohe Botschaft, neu hören und verkünden – in Worten und Taten. Wir stellen uns der Kritik der Betroffenen. Wir bekennen unsere Schuld und wollen Konsequenzen ziehen. Wir arbeiten die strukturellen Ursachen sexualisierter Gewalt und deren Vertuschung in unserer Kirche auf. Wir suchen nach einem Weg für die Kirche in unserer Zeit und nach Antworten auf die Herausforderungen in unserem Land.“ (Präambel, S. 2) 

„Weltkirche“ ist insofern keine Größe, die den Ortskirchen vorausgeht, sondern Weltkirche ist „Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft“ – so eine Formulierung im Dokument der deutschen Bischöfe „Evangelisierung und Globalisierung“ (2019) – der je einzelnen Ortskirche zusammen mit den anderen Ortskirchen. Das drückt sich in vielfältigen und dynamischen Bezügen aus; dieses Forum ist ein solcher Ausdruck, dazu gehört die Arbeit von KAAD, von ICALA, der kirchlichen Hilfswerke in Deutschland – Misereor, Adveniat, Renovabis, Missio und der vielen anderen Vereine und Gemeinschaften im Dienst weltkirchlicher Verbundenheit und Solidarität.  

Wenn Einheit sich als solche dynamische und aufeinander bezogene Vielfalt realisiert, wie ist dann die Katholizität zu verstehen? Gibt es noch einen Orientierungsrahmen für die Bestimmung dessen, was „katholisch“ ist? Was ist mit dem Lehramt des Papstes?  

Darum ein kurzer Blick auf das 3. Stichwort, das im Lehramt von Papst Franziskus von zentraler Relevanz wird und mit dem er der katholischen Kirche einen neuen Weg in die Zukunft eröffnet:  

 

3. Stichwort: gespannte Synodalität 

Papst Franziskus hat für 2021-2023 zu einem weltweiten synodalen Prozess eingeladen, der im Oktober 2023 zur 16. ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema "Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Partizipation und Mission" führen soll. Seit Beginn seines Pontifikats hat er synodale Prozesse angestoßen und auch in verschiedenen seiner Ansprachen wichtige Wegmarken für eine Kirche gesetzt, die einen „gemeinsamen Weg“ geht, die in aller Vielfalt ortskirchlicher und kultureller Ausprägungen „zusammen auf dem Weg ist“: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und der zu dienen wir berufen sind, erfordert von der Kirche eine Steigerung der Synergien in allen Bereichen ihrer Sendung. Es ist dieser Weg der Synodalität, welcher der Weg ist, den Gott von der Kirche im dritten Jahrtausend erwartet“, so der Papst in seiner Ansprache bei der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015. „Das was Gott von uns bittet ist in gewisser Weise schon im Wort ´Synode´ enthalten. Gemeinsam gehen – Laien, Hirten, der Bischof von Rom – ist eine Idee, die sich leicht in Worte fassen lässt, aber nicht so leicht umzusetzen ist.“ Wenn der Papst „Synodalität“ in den Blick nimmt, so hat dies mit den Prozessen einer weitergehenden Inkulturation und einer Abstimmung von Glauben und Leben in den jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten zu tun, eine Denklinie, mit der er an die wegweisende Enzyklika „Evangelii nuntiandi“ (1975) von Paul VI. anknüpft, die für Franziskus eine wichtige Referenz seiner programmatischen Antrittsenzyklika „Evangelii gaudium“ (2013) gewesen ist. Er schlägt hier den Bogen vom 2. Vatikanischen Konzil in den gegenwärtigen Moment der Welt-Kirche und öffnet mit dem Prinzip der Synodalität einen Raum, die Spannungen auszuhalten und auszutragen, die sich in den letzten Jahren in den einzelnen Ortskirchen und zwischen Universal- und Ortskirche zugespitzt haben.  

Dieser weltweite synodale Weg hat mit immensen Spannungen zu tun, das hat Papst Franziskus auch immer wieder benannt: In seiner Ansprache am Abschluss der Bischofssynode vom 24. Oktober 2015 formulierte er: „Und – obwohl die dogmatischen Fragen durch das Lehramt der Kirche klar definiert schienen – sahen wir, dass das, was dem einen Bischof von einem Kontinent normal war, den anderen befremdete und fast wie ein Skandal vorkam…; was in einer Gesellschaft als ein Verstoß gegen das Gesetz gilt, kann ein unantastbares Gebot in einer anderen sein; was für manche Teil der Gewissensfreiheit ist, gilt anderen nur als Verwirrung. In der Tat sind Kulturen sehr unterschiedlich und jedes generelle Prinzip bedarf der Inkulturation, um beachtet und angewendet werden zu können.“1 Das ist eine beeindruckende nüchterne Bestandsaufnahme der Pluralität und der mit ihr verbundenen Herausforderungen, die nicht irgendeine Oberfläche tangieren, sondern die das betreffen, was Gesetz, was Gebot, was Gewissensfreiheit ist. 

Das sind genau die Fragen, die auf dem Reformweg in Deutschland verhandelt werden. Die Weltkirche als „Ortskirche“ zu verstehen, lässt dies genau zu. Kirche Jesu Christi zu sein, ist immer ein Prozess „auf dem Weg“; wir müssen lernen, so katholische Kirche zu verstehen: nicht Türen zuzumachen, sondern ortskirchliche Prozesse zu fördern, auch für andere Ortkirchen herausfordernde Entscheidungen zu ermöglichen, wie die Segnung homosexueller Paare, verheiratete Priester, Frauen im sakramentalen Amt. Aber das bedeutet keinen Bruch der Einheit oder Aufgabe der Katholizität: Wir stehen im steten Gespräch mit den anderen Ortskirchen, Kirche als „Solidar-, Gebets-, Lerngemeinschaft“ bedeutet, den anderen Freiraum zu geben, um das Evangelium Jesu Christi verkünden zu können. Entscheidend ist in einer Weltkirche, im Dienst des Friedens das Evangelium Jesu Christi zu verkünden, daraufhin müssen sich alle Reformbestrebungen orientieren und davon werden sie „relativiert“. Christ und Christin heißt, den Blick genau darauf zu richten: Dann relativieren sich die „strukturellen“ Fragen, ohne ihre Bedeutung zu verlieren. Dann können z.B. die Entscheidungen, die in der deutschen Ortskirche längst fällig sind, ermöglicht werden, ohne sie anderen Kirchen „überstülpen“ zu wollen.  

Jesus Christus ist der, mit Michel de Certeau gesprochen, der das, was wir Kirche nennen, „zugelassen“ hat, er ist „in der Menge“ verschwunden. Holen wir ihn wieder hinein, machen wir ihn sichtbar, seinen Dienst der Versöhnung, sein Mitleiden mit den Schwächsten, mit all denen, denen Gewalt widerfährt, und lassen wir all das zu, was genau dies zulässt. Das ist Evangelisierung in der Weltkirche.


Text wie von Autor/in bereitgestellt. Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.

 
 

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