Impuls zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Leitwort

Anders als bei den Synoptikern bleibt Jesus im Johannesevangelium – auch in seinem Leiden – souverän handelnd bis in seinen Tod (es ist vollbracht!). Nur aus der Perspektive des Pilatus erscheint daher Jesus als geschundene, elende Kreatur, nicht aber in der Selbstwahrnehmung Jesu oder gar in den Augen des Evangelisten bzw. des Lesers. Dies entspricht ganz dem Ziel des Evangeliums, den Weg zur Fülle des Lebens zu zeigen. Und Jesus ist eben der, der Zeugnis für diese Wahrheit gibt, die schon wirksam ist. In jedem gefolterten Menschen tritt zwar das Unrecht in der Welt schonungslos zutage, aber gerade das Unrecht zeigt die Welt „wie sie nicht sein sollte“ und verweist auf das, was auch da ist an Fülle, an Erlösung und Hoffnung.  

In der Leidensgeschichte des Johannesevangeliums gibt es verschiedene Perspektiven, die den Leser einladen selbst Stellung zu nehmen:

Die Perspektive des Pilatus einzunehmen heißt:

  • nur die Gewalt, das Defizit, den gefolterten Körper sehen, nicht aber all die anderen Anteile des konkreten Menschen sehen, dem dies geschieht
  • Mitleid als Mittel zur eigenen Rettung einsetzen und sich so aus der unangenehmen Situation zu stehlen
  • ein Machtgefälle zu inszenieren
  • Erlösung als Realität auszublenden

Die Perspektive der Leser/der johanneischen Gemeinde inspiriert dazu, die Realität der Gewalt zu sehen und gerade deswegen den Blick auf „Erlösungswege“ zu richten:

  • zu erzählen von Menschen und Gruppen, die teilen, heilen, aufstehen lassen und scheinbar ausweglose Situationen zum Besseren verändern
  • biblische Texte, Personen, Traditionen danach befragen, wie sie Gewalt, Krieg, Streit, Krankheit, Einsamkeit, Gottverlassenheit bewältigen
  • zum Glauben an das Leben motivieren
  • nicht nur die problematische Realität wahrnehmen, sondern auch positive Praxis
  • Kompetenzen sehen und stark machen
  • Erfahrungen von hilfreichen Initiativen, von guter Praxis wahrnehmen
  • Auf „Leben in Fülle“ als Zielvorgabe (es ist schon Realität!) vertrauen

Das Leitwort des Katholikentags regt an, die Perspektive der Leser des Johannesevangeliums/der johanneischen Gemeinde einzunehmen und nicht zu moralisieren, sondern die Realitäten in der Welt zunächst wahrzunehmen und dann in dem oben beschriebenen Sinne damit umzugehen. Allen Menschen ist von Jesus Christus das „Leben in Fülle“ als Wirklichkeit zugesagt. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben (Johannes 10,10)“

Wie dieser biblisch-theologische Impuls in den verschiedenen Programmbereichen des Katholikentags für den einzelnen Bereich fruchtbar gemacht und weitergeführt werden kann, ist in den Arbeitskreisen zu klären.

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin des Katholischen Bibelwerkes Stuttgart

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