Grußwort für den Katholikentag

Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal,
ehe man es zum allererstenmal wirklich sieht.

Christian Morgenstern

Tatsächlich, es ist eine Kunst: zu sehen. Es bedarf mancher Anstrengung und mancher Übung: sehen zu lernen. Gerade in einer Gesellschaft, in der Menschen mit Bildern in den Medien und Massenmedien überflutet werden, ist es nicht selbstverständlich zu erkennen, dass das menschliche Sehen mehr ist als ein optisch-physikalischer Vorgang. „Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket! Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt.“ (Goethe)  Die eigentliche Sehfähigkeit des Menschen ist untrennbar verbunden mit dem Entdecken und dem Verstehen. Viele übersehen nur und sehen nicht in die Tiefe, für sie ist das oberflächlich Sichtbare alles und mehr gibt es für sie nicht. Manche sind deshalb auch schnell mit ihrem Bild vom Menschen fertig: nichts als ein biologisch-chemisches Etwas, nichts als ein Konsument, nichts als ein Steuerzahler, nichts als ein Migrant, nichts als Kanonenfutter, nichts als ein bald ins Nichts zerfallende Etwas…. Doch bleibt der Mensch immer ein Geheimnis, nichts letztlich zu Begreifendes, nichts für Begriffe. Gerade deshalb werden wir den Menschen nur sehen lernen mit Hochachtung und Ehrfurcht vor seiner Größe, seiner Einmaligkeit und seiner Würde: „Seht, da ist der Mensch!“ (Joh 19,5)

Schon Jesus wusste von Menschen, die sehen und doch nicht sehen (Mt 13,13), die sich versehen, die so vieles in ihrem Leben übersehen. Der christliche Glaube gründet in der Überzeugung, dass die zunächst sichtbare, greif- und erfassbare Welt durchschaut werden kann auf eine tiefere Wirklichkeit, auf der sie gründet, auf Gott hin. Auf ihn hin ist alle Wirklichkeit durch-sichtig, und er scheint in allem durch. Alle Wirklichkeit ist für uns Christen „sakramental“. Dies gilt erst recht für jeden Menschen, in dem Gott für uns wahrnehmbar ist: „Seht, da ist der Mensch!“
(Joh 19,5)

In keinem Menschen wurde Gott uns so offenbar, so sichtbar, wie in Jesus Christus. „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ (Joh 1,4. 14b) In diesem so ausgegrenzten, so verlachten und entrechteten, in diesem so barmherzigen und liebenden Menschen ist uns das Licht Gottes aufgegangen: „Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen.“
(Mt 13,16) Auf diesen Jesus weist Pilatus auch uns Christen. Er ruft uns als Gemeinschaft seine Aufforderung entgegen: „Seht, da ist der Mensch!“ (Joh 19,5)  

Wer sehen will, muss sich entscheiden, auch das wahrnehmen zu wollen, was er schnell übersieht; der muss oft seinen Standpunkt wechseln, um seinen Horizont zu erweitern; der muss mit sehr viel Geduld etwas betrachten, bevor er es wirklich wahrnimmt, der braucht die Hilfe der Anderen, der Gemeinschaft, weil jeder seinen blinden Fleck hat und wir nur gemeinsam unseren Blickwinkel weiten: Die Menschheit und die Kirche als eine Seh-Gemeinschaft: das wär´s! „Seht, da ist der Mensch!“ (Joh 19,5)  

Die Aufforderung des Pilatus ist mehr als eine Aufforderung, unbeteiligt zu sehen. Es ist ein dramatischer Aufruf, doch das Elend des Menschen zu sehen, ihn aufzurichten und nicht zu Tode kommen zu lassen. „Seht, da ist der Mensch!“ (Joh 19,5)  

Auf 99 Katholikentagen wurde immer wieder versucht, Gott und den Menschen tiefer und engagierter sehen zu lernen. Es wäre mir ein großes Herzensanliegen, auf dem 100. Katholikentag in Leipzig, in der so viele Menschen sich nicht zu Christus bekennen, mit ihnen und ihrem Lebensreichtum die Menschen mit liebendem und engagiertem Herzen sehen zu lernen. Es wäre meine Hoffnung, im Gesicht dieser Menschen ein wenig vom Gesicht Jesu sehen zu lernen und vielleicht miteinander in dieser engagierten Betrachtung der Menschen zu spüren, dass Gott uns in ihnen anblickt und wir bei ihm nie in einen toten Winkel geraten: Sieh, da bin ich!

Welch ein Augen-Blick – dieser 100. Deutsche Katholikentag in Leipzig!


Erzbischof Dr. Heiner Koch
Leipzig, im Februar 2015

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