Anmerkungen zum Leitwort

Das Leitwort des 100. Deutschen Katholikentags "Seht, da ist der Mensch" ist dem biblischen Bericht (Evangelium) des Johannes über das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth entnommen (Joh 19, 1-5). In der lateinischen Bibel lautet diese Stelle "ecce homo". Der geistliche Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan-B. Eirich, hat hier einige Anmerkungen zur theologischen Deutung und Auslegung dieser Stelle zusammengestellt.

Verstehenshorizonte

Vorab

Der Spitzensatz der gesamten Perikope ist zweifelsohne das "ecce homo". Dass dieser Satz ein ungeheures Reflexionspotential hat, wird schon an den vielfältigen Übersetzungsmöglichkeiten augenscheinlich:

"Sehet, welch ein Mensch." (Lutherbibel)
"Seht, da ist der Mensch!" (Einheitsübersetzung)
"Siehe, der Mensch!" (Elberfelder Bibel)
"Hier ist er, der Mensch!" (Neues Leben)
"Seht ihn euch an, diesen Menschen!" (Hoffnung für Alle)
"Da, seht ihn euch an, den Menschen!" (Gute-Nachricht-Bibel)

Die unterschiedlichen Übersetzungen setzen unterschiedliche Akzente, über die es sich lohnt,nachzudenken. Während Einheitsübersetzung und Elberfelder Bibel stärker die grundsätzliche anthropologische Nuance zu betonen scheinen (also den Menschen als solchen), weisen andere Übersetzungen stärker auf die menschliche Gestalt des historischen Jesus. In Verbindung mit der Geißelungsszene wird dann die Radikalität des Menschseins Jesu Christi deutlich. Es ist der Jesus, der um unserer Sünden willen, d.h. um der Sünden des Menschen an sich, als Mensch leidet. Dies bietet die Möglichkeit, das Leiden von uns Menschen ganz allgemein – aber auch das Leiden von uns ganz persönlich – in die rechte Relation zum Leiden des einen Menschen Jesus Christus zu stellen – eine Relation, die Paul Gerhardt im Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" schön zum Ausdruck bringt.

1. "Seht, da ist der Mensch": Jesus – der historische Mensch

Jesus Christus hat zweifelsohne für jeden Christen eine maßgebliche Bedeutung. Auch wird es wohl niemanden geben, der die historische Tatsache seines Lebens ernsthaft in Abrede stellen würde. Aber nehmen wir diese Historizität in ihrer vollen Bedeutung auch ernst? Machen wir sie uns wirklich bewusst, wenn wir im Glaubensbekenntnis beten: "gelitten unter Pontius Pilatus...?" Oder ist die Passionsdarstellung nur die notwendige Vorgeschichte zum eigentlich entscheidendem Punkt: dem Osterereignis?
Die Darstellung der gesamten Passion als historisches Ereignis nimmt dem Menschsein Jesu jegliche Abstraktivität. Es ist dieser eine Jesus der in einer ganz bestimmten historischen Situation vor einem weltlichen Gericht steht, welches selbst von der Eigendynamik der historisch schwierigen politischen Situation erfasst worden ist. Der Leidensweg Jesu ist nicht ein abstraktes Vorspiel der Auferstehung – es ist historisch konkretes, reales Leiden eines Menschen.

2. "Seht, da ist der Mensch": Jesus – der leidende Mensch

"Seht, ich führe ihn zu euch heraus, damit ihr wisst, dass ich keinerlei Schuld an ihm finde", sagt Pilatus, als er Jesus vorführt. Offen lässt der Evangelist Johannes durch den römischen Statthalter proklamieren, dass Jesus unschuldig ist. Das Leiden Christi ist also unverschuldetes Leiden, das Leiden eines Gerechten, letztendlich, wie wir glauben: Leiden für uns, zur Vergebung unserer Sünden.
Aber es ist und bleibt das Leiden eines Menschen: ein Mensch, der schwitzt und zweifelt, ein Mensch, der unter der Folter Schmerzen empfindet und blutet, ein Mensch, der einen grausamen Tod sterben muss. Verhaftet, verhöhnt, geschlagen und gefoltert, schließlich gekreuzigt. Eine ungeheure Last, die Jesus als Mensch getragen hat.

3. "Seht, da ist der Mensch": Jesus – der besondere Mensch

Jesus ist ganz Mensch – und doch viel mehr als das. Die johanneische Darstellung des Prozesses vor Pilatus macht dies durch die situative Ironie augenscheinlich: Weder das jüdische Volk noch die römischen Truppen erkennen, wer Jesus wirklich ist. Ironischerweise verhöhnen die römischen Soldaten ihn durch Umhang, Dornenkrone und die Anrede, die antike Herrschaftsinthronisationen imitiert, genau als das, was er ist: als Herrscher. Das "ecce homo" verweist auch hierauf: Seht diesen einen Menschen! Ob Pilatus dies erkannt hat?
Im weiteren Verlauf des Evangeliums findet das "ecce homo" ein spannungsvolles, aber vor dem Hintergrund des Gespräches von Pilatus und Jesus doch kohärentes Gegenüber: Auf dem Schild am Kreuz steht in drei Sprachen geschrieben: "Jesus, der Nazarener, der König der Juden." "Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben", weist Pilatus die Proteste der Hohenpriester zurück. Siehe, der Mensch – siehe, der König!

Exegetische Anmerkungen zu Joh 19,1-5 (Ecce Homo)

Das Johannesevangelium unterscheidet sich in der Darstellung der Passion zwar nicht im grundlegenden Verlauf, wohl aber in der Ausgestaltung einzelner Szenen markant von den ersten drei Evangelien. Der Autor des Johannes-Evangeliums kannte offenkundig eine von diesen unabhängige, alte Passionserzählung, die er als Basis seiner Darstellung verwenden konnte (wenn er nicht gar selbst Augenzeuge war oder einen solchen persönlich kannte, wie einige Exegeten vermuten). Dieser Quelle folgend, umfasst die johanneische Darstellung der Ereignisse im Palast des römischen Statthalters (1.) die Überführung zu Pilatus (Joh. 18,28-32), (2.) das Verhör, in dessen Zentrum die Frage nach Jesu Königtum steht (18,33-38a), (3.) den Versuch des Pilatus, Jesus zu amnestieren, der fehlschlägt, weil das Volk die Freilassung des Barrabas fordert (Joh. 18,38b-40), (4.) Jesu Geißelung (Joh. 19,1-3), (5.) der zweite Versuch des Pilatus, Jesus freizulassen, indem er Jesus als lächerliche, harmlose Gestalt vorstellt (Joh. 19,4-7), (6.) erneutes Verhör durch Pilatus, und schließlich (7.) das Urteil über Jesus (Joh. 19,13-16a).

Zu den im Vergleich unter den Evangelisten abweichenden Punkten zählt u.a. die Geißelung. Während Markus diese nach dem Todesurteil als ersten Teil der Exekution erfolgen lässt (Mk. 15,16-20), setzt Johannes sie vor der Verurteilung an. Johannes setzt die Geißelung  anscheinend als eigenständige Strafe voraus, denn Pilatus geht es offenkundig darum, Jesus eine vergleichbar geringe Bestrafung aufzubürden, um ihn dann freilassen zu können. Wäre das Volk hiermit einverstanden gewesen, so hätte Pilatus die Klage nicht abweisen, aber auch keinen aus seiner Sicht Unschuldigen opfern müssen. Die Geißelung selbst wird nicht beschrieben. Da es Pilatus in der Hoffnung, Jesus freilassen zu können, darum gehen musste, Jesus dem anwesenden Volk als schon schwer genug bestraft vorzustellen, ist mit keiner Schonung zu rechnen und die Geißelung wird den damaligen Sitten gemäß recht brutal durchgeführt worden sein. Mehrere antike Quellen beschreiben eindrücklich die Grausamkeit dieser Bestrafung.

Der Evangelist legt seinen Schwerpunkt aber nicht auf die Grausamkeit, sondern auf die folgende Verhöhnung Christi. Die römischen Soldaten verspotten ihn, indem sie die Anklage, welche gegen Jesus erhoben wurde, aufgreifen und sein Bekenntnis zum Königtum, welches sie freilich gar nicht begreifen können, zu einer Persiflage einer Inthronisation ausnutzen. Weitaus stärker noch als in der heutigen Wahrnehmung wird dem antiken Leser durch dieses Motiv vermittelt, dass Jesus durch die Folter entehrt werden soll. Der Schlag macht aber auch deutlich, dass die römischen Soldaten das wahrhaft Königliche Jesu nicht erkennen.

Dieses Motiv des Königtums ist zentral für die gesamte Szene. Die von Pilatus befohlene Geißelung gibt den wahren König der Lächerlichkeit preis, um sein Leben zu retten. Der Ausspruch "Seht, der Mensch", ist historisch betrachtet eine – von Pilatus gut gemeinte, aber von Unverständnis geprägte – Absage an Jesu Offenbarungsanspruch. Der wahre König, als der sich Jesus in Joh. 18,34 definiert hat, wird vor seiner Verurteilung in der Sicht seiner Zeitgenossen zum Spottkönig. Erst mit seinem Tod am Kreuz wird die Wahrheit seines Anspruches offenkundig.


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