Wo stehen wir?

Ökumene

von Claudia Kohler und Patrick Seibert

Wie war das noch mit dem Verständnis von Abendmahl, Taufe und Priesteramt? Ökumene ist in den letzten Wochen eines der brisantesten Themen in den deutschen Kirchen gewesen. In einer Gesprächsrunde stand Ökumene-Expertin Andrea Strübind den Katholikentagsbesuchern Rede und Antwort. Hier die sechs spannendsten Fragen und Antworten:

Fotos: katholikentag.de / Claudia Kohler

Herbert Pöllinger (52)

Herbert Pöllinger (52)

Im Alltag der Gläubigen spielen Konfessionsunterschiede kaum noch eine Rolle. Warum tut sich die Führungsebene so schwer ?

Das liegt unter anderem daran, dass man sich im alltäglichen Glaubensleben nicht mit hoch theologischen Fragen beschäftigt – es geht mehr um geteilte Werte und Gemeinschaft.  Hier würde man vielleicht sagen: "Wir sind doch schon eins!". Aber wenn man geschichtlich gewachsene Lehrmeinungen und Strukturen betrachtet, gibt es noch viele Gräben. Im Priesteramt etwa hat die Katholische Kirche eine lange geschichtliche Kontinuität - die Protestanten dagegen betonen viel stärker das neue Priestertum aller Gläubigen.

Andreas Honthoppe (59)

Andreas Honthoppe (59)

Was hält die Ökumene wirklich auf, warum sind wir nicht schon weiter?

Die Ökumene erlebte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen regelrechten Boom, die Idee einer übergeordneten Organisation der Kirchen schien greifbar nahe. Durch die politische Entwicklung des Kalten Krieges entfernte sich die orthodoxe Kirche aber wieder enorm von ökumenischen Zielen – man kann von einer neuen ökumenischen Eiszeit sprechen. Am schwersten wiegen nach wie vor die Unterschiede im Verständnis von Amt, Abendmahl und Kirche. Unter Papst Franziskus spürt man erste Zeichen eines neuen Aufbruchs. Die Lösung muss jedoch nicht heißen, dass wir alle konfessionslos werden – unsere Unterschiede haben ihren Wert. Man sollte aber versuchen, nicht das Trennende, sondernd das Verbindende in den Vordergrund stellen.

Dieter Sauer (56)
Stephan Christensen (59)

Dieter Sauer (56) und Stephan Christensen (59)

Was genau sind die Unterschiede im Abendmahlsverständnis der Konfessionen?

Der große Streit entbrennt an der Frage, wie Christus im Abendmahl präsent ist. Die katholische Lehre sagt, dass Brot und Wein durch den Heiligen Geist zu Leib und Blut Christi gewandelt werden. Christus ist also leibhaftig gegenwärtig. Auch Martin Luther war der Überzeugung, dass Christus tatsächlich real gegenwärtig ist – wie dies geschieht, bleibt bei ihm ein Mysterium. Andere Reformatoren waren der Meinung, dass Christus nicht leiblich präsent ist, sondern Brot und Wein nur Symbole sind. Die Evangelischen Kirchen, Lutheraner und Reformierte, haben diesen Streit jahrhundertelang nicht überwinden können und feiern erst seit 1973 gemeinsam Abendmahl. Vor diesem Hintergrund erklärt sich vielleicht, warum es keine schnelle Einigung beim gemeinsamen Abendmahl zwischen Katholiken und den reformierten Konfessionen geben kann.

Heribert Opp (65)

Heribert Opp (65)

Warum ist eine konfessionsverbindende Taufe noch nicht möglich? 

Hier gibt es großes Potential für eine ökumenische Regelung. Das betrifft vor allem die Konfessionen, die die Kindestaufe nicht anerkennen, weil man ihrer Lehre nach zuerst zum Glauben finden muss. Ein Kompromiss könnte lauten: Die Taufe und das Finden zum Glauben gehören beide zur Religion dazu, aber die Reihenfolge sollte keine Rolle spielen. 

Ulla Kortüm (61)

Ulla Kortüm (61)

Warum wird das Glaubensbekenntnis immer noch unterschiedlich gebetet?

In der Katholischen Kirche beten die Gläubigen im Glaubensbekenntnis "Ich glaube an die heilige katholische Kirche". In anderen Kirchen heißt es "heilige christliche Kirche". Das Wort katholisch stammt vom griechischen katholon, was so viel bedeutet wie das Ganze betreffend oder allumfassend. Inzwischen wird mit dem Wort katholisch aber fast nur noch die Institution Katholische Kirche assoziiert. Wäre das nicht der Fall, könnten alle Kirchen problemlos beten: "Ich glaube an die heilige katholische Kirche".

Dierk Bisgwa (62)

Dierk Bisgwa (62)

Wo steht Deutschland in Sachen Ökumene?

Deutschland hat eine Vorreiterrolle, weil deutsche Theologen weltweit anerkannt und einflussreich sind. Bei strittigen Fragen argumentieren aber auch deutsche Vertreter der Katholischen Kirche gern mit dem alten Totschlagargument: Natürlich wolle man mehr Ökumene, müsse aber eben die Weltkirche berücksichtigen. Dabei ist etwa die Ökumene auf den Philippinen schon fast weiter als hier.

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