"Nicht abstumpfen"

Friedenssuche in der Politik

Beim Katholikentag kritisierten Deutschland und der Vatikan gemeinsam den Ausstieg der USA aus dem Iran-Atomabkommen.

"Aus unserer Sicht ist das sehr bedauerlich", sagte der vatikanische Entwicklungsminister Kardinal Peter Turkson am Freitag in Münster. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete es als "nicht richtig", ein einstimmig im UN-Sicherheitsrat beschlossenes Abkommen, einseitig zu kündigen. "Das verletzt das Vertrauen in die internationale Gemeinschaft", so Merkel vor rund 4.000 Zuhörern.

Zugleich räumte die Kanzlerin ein, dass es in den Verhandlungen mit dem Iran schwierige Themen gebe. Turkson äußerte die Hoffnung, dass der US-Ausstieg nicht unweigerlich in einen großen Konflikt münde: "Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, den Dialog als Instrument zur Friedenssicherung zu entdecken." Der Vatikan engagiere sich auch, dass beide Seiten miteinander im Gespräch blieben und Vertrauen wachsen könne. "Waffen fördern nicht den Frieden, sondern wenn Menschen sich begegnen und miteinander reden", so der aus Ghana stammende Kurienkardinal.

Merkel erklärte: "Ich glaube, wir müssen sehr weit gehen in der Frage, mit wem man bei Konflikten noch redet." Sie räumte ein, selbst mitunter "eher restriktiv" zu sein: "Die Gespräche dürfen keine Fensterreden sein, sondern man muss einander ernst nehmen." Sie habe etwa nie mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi geredet und rede auch nicht mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Die Kanzlerin bedauerte, dass es früher wesentlich mehr Gespräche im Hintergrund gegeben habe, bei denen vertraulich und in Ruhe Konflikte diskutiert werden konnten: "Diese Tugend ist leider etwas verloren gegangen." Lachend sagte sie in Richtung Turkson: "Da ist der Vatikan in einer besseren Position - dort gibt es nicht immer Pressekonferenzen nach Gesprächen, wo man sich dann kraftvoll präsentieren muss." Der Kardinal seinerseits ermunterte die Kanzlerin: "Nutzen Sie in Konfliktregionen die Möglichkeiten der Kirche vor Ort, die in vielen Friedensprojekten engagiert ist."

Eindringlich appellierte Merkel ihrerseits an die Gesellschaft: "Es zählt zu den größten Aufgaben, dass wir nicht abstumpfen gegenüber den vielen Konflikten in der Welt, wo die Menschenwürde mit Füßen getreten wird." Wenn man über Krieg und Frieden spreche, dürfe man nie vergessen, dass es dabei nie um etwas Anonymes geht, sondern um menschliche Schicksale. Viele der großen Konfliktherde lägen zudem "direkt vor unserer Haustüre" an den EU-Außengrenzen: "Syrien grenzt an Zypern, Libyen liegt gegenüber von Italien. Wir können uns davon nicht abkoppeln."

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, dankte Merkel für ihr Engagement in der Flüchtlingspolitik: "Die oft maßlose Kritik daran ist nicht die Meinung der Mehrheit." Er lobte unter anhaltendem Applaus des Publikums in der überfüllten Messehalle: "Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es hier auch immer um die Frage nach dem Grad unserer Humanität geht."

Foto: katholikentag.de / Katharina Tenberge

Klare Worte der Kanzlerin beim Katholikentag

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