Gegen Antisemitismus

Der Weiße Fleck

Der Weiße Fleck

Gegen Antisemitismus

Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, beim Podium zum Thema "Keine Toleranz gegen Intoleranz! Gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit".

"Jude" - Ein Begriff, der heutzutage als Schimpfwort an vielen Schulen gang und gäbe ist, sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, am Freitag des 101. Deutschen Katholikentags in Münster. Beim Thema Antisemitismus sieht er auch ein Versagen des Bildungssystems und ist der Meinung, hier zeige sich, dass die Wertevermittlung in Elternhäusern und Schulen offenbar nicht funktioniere.

"Wir müssen zeigen, dass Dinge wie Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie nicht zu unserer Gesellschaft und unserem Staat passen", erklärte Lehrer. "Wir müssen versuchen, die Erfolge, die wir glaubten, schon zu haben, auch wirklich bekommen. Das wird ein Antisemitismusbeauftragter langfristig leisten müssen."

"Wir müssen weiter daran arbeiten, bis wir ein System gefunden haben, mit dem wir erfolgreich unsere Kinder, unsere Zukunft imprägnieren und wappnen können, dass sie auf diese Rattenfänger nicht reinfallen", forderte Lehrer, der auch Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Köln ist. Seine Gemeinde betreibe viele Projekte, um etwa auch jungen Muslimen das Judentum näher zu bringen.

"Das beste Mittel ist das Aufeinandertreffen", sagte Lehrer. "Aber bei 80 Millionen Einwohnern kann die jüdische Gemeinschaft mit ihren rund 110.000 Mitgliedern das nicht leisten, sich mit jedem oder jedem Zweiten zu treffen, um Ressentiments abzubauen."

Nach Einschätzung des Berliner Historikers Wolfgang Benz hat sich beim Thema Antisemitismus in Deutschland in der Größenordnung und Bedeutung nicht viel geändert, "wohl aber in der öffentlichen Aufmerksamkeit." Es sei in Deutschland Konsens, dass antisemitische Äußerungen tabu seien; daher würden sie als größte Provokation empfunden und erzielten maximale Aufmerksamkeit. "Der Hass gegen Juden beruht auf uralten Ressentiments, die sich leider von Generation zu Generation vererben", so der emeritierte Professor.

Manche brauchten Minderheiten wie Juden oder auch Muslime oder Roma für ihr Selbstbewusstsein: "Die Gesellschaft braucht Feinde", sagte Benz. Heute könnten dies auch Homosexuelle oder Frauen sein, "wie wir in der unglückseligen Affäre der letzten Wochen um den Echopreis erfahren haben."

Er zeigte sich empört über die Verwendung des Begriffs "Jude" als Schimpfwort in Schulen. "Warum setzt ein Lehrer nicht alles daran, dass das nicht geschieht? Wo bleibt die Schulaufsicht?", sagte der Antisemitismusforscher." Hier beginnt das Übel, dass man sagt, 'Das ist halt so'. Da brauchen wir keine neuen Expertisen. Erklärt ist alles genau, wir müssen es nur anwenden, und zwar sofort", forderte der Wissenschaftler.

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für den Dialog mit den Juden, Bischof Ulrich Neymeyr, betonte, wie wichtig und gut die Beziehungen der Katholiken zu den Juden als "älteren Geschwistern im Glauben" seien. Dies sei schon im Zweiten Vatikanischen Konzil festgeschrieben, so der Erfurter Bischof. Weiter verwies er auf das Bestreben der Bischofskonferenz, das Thema in der Erwachsenen-, Jugendarbeit  und Theologenausbildung zu platzieren. "Unser Anliegen ist es, nicht nur über Juden zu sprechen, sondern am besten mit Juden zu sprechen, dann wird es am erfolgreichsten."

Er verwies darauf, dass Kritik am Staat Israel häufig auch antijüdisch gemeint sei. "Das ist eine hochsensible Frage", so der Bischof. "Ich kann Juden verstehen, die überhaupt nicht nachvollziehen können, wenn zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird – weil das natürlich schlimmste Erinnerungen weckt."

Die Veranstaltung "Keine Toleranz gegen Intoleranz! Gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit" wurde in die Position der Platzhalterveranstaltung "Der Weiße Fleck" gesetzt. Mit diesem Veranstaltungsformat hält sich der Katholikentag die Möglichkeit offen, auf aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche zu reagieren und entsprechende Themen kurzfristig ins Programm aufzunehmen.

Foto: katholikentag.de / Benedikt Plesker

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