Abends das tiefe C

Martje Salje und ihre Liebe zum Turm

Martje Salje und ihre Liebe zum Turm

Abends das tiefe C

von Barbara Gutleben

Martje Salje ist eine Türmerin der besonderen Art. Sie wacht von Lamberti aus über Münster und verkündet mit ihrem Horn, dass alles in Ordnung ist in der Stadt.

Die gebürtige Norwegerin wacht seit 2014 im Turm der Lamberti Kirche über der Stadt Münster.  298 Stufen erklimmt sie sechs Tage die Woche, um zwischen 21 Uhr und Mitternacht jede halbe Stunde in das Türmer-Horn zu blasen und damit den Bürgern deren Sicherheit zu garantieren. Bevor sie in drei Himmelsrichtungen (Ausgenommen Osten) jeweils dreimal ein tiefes C hinaus "tutet", meldet sie sich telefonisch bei der Feuerwehr, um ihren Dienstantritt zu melden. 

Ihre Aufgabe ist es, zu beobachten und die Stadt vor Angriff oder Feuerausbruch zu schützen. Sie hat den besten Blick über die Stadt und erkennt somit eine Gefahr als erste. 

In anderen deutschen Kirchtürmen geht es oft sehr touristisch zu, nicht so in Münster. Martje Salje ist die einzige Türmerin, die ihre Wacht traditionsgemäß durchführt, wie es bereits im 14. Jahrhundert Brauch war. 

Versicherungs- und Haftungstechnisch dürfen keine Führungen im Kirchturm angeboten werden. Um das "höchste Amt" Münsters doch der Öffentlichkeit näher zu bringen, führt die Türmerin den Blog "tuermerinvonmuenster.de", in dem sie ihre Aufgaben beschreibt und auch Historisches wie Aktuelles über die Stadt berichtet.  

Ist das Interesse am Turm denn groß? Dazu erklärt sie: "Dadurch, dass wir die neuen Medien zur Verfügung haben, schließen wir noch einmal einen ganz anderen Kreis einer Zielgruppe ein, also Menschen, die Münster vielleicht noch nicht kannten, Menschen, die sich für diesen Brauchtum vorher nicht interessiert hatten."

Die Türmerin nutzt die Zeit zwischen ihren akustischen Signalen mit Lesen und Schreiben. Speziell zu den gerade stattfindenden Katholikentagen recherchierte Martje intensiv. Sie erzählt, dass bereits bei den Katholikentagen 1930 in Münster das Thema Sonntagsheiligung stark diskutiert wurde und es auch heute noch thematisiert wird. "Die Katholikentage geben wichtige gesellschaftliche Impulse, was ich unglaublich interessant finde", meint die Türmerin.

Berichtet die 38-jährige Martje von ihrer Arbeit, merkt man wie sie Feuer und Flamme für ihre Aufgabe ist: "Das, was ich mache, ist ein Gesamtkunstwerk, das mir gefällt!"

Sie freut sich über den persönlichen Kontakt zu den Leuten, nicht nur zu denen in der virtuellen Welt. "Ich winke gerne vom Turm herab und es sind immer Leute da, die mir interessiert zusehen und freundlich zurück winken", erzählt Martje mit einem Grinsen. 

Sie bekomme auch immer tolle Rückmeldungen. Zum Beispiel habe ihr eine Frau erzählt, dass ihre kleine Tochter erst einschlafen könne, wenn sie das Signal der Türmerin höre. Wenn sie so herzergreifende Geschichten erreichen, dann mache sie das schlicht glücklich.

"Besonders viel Spaß habe ich alle fünf Jahre, weil dann Kommunalwahl ist und ein neuer Oberbürgermeister oder eine Oberbürgermeisterin vereidigt wird. Dann darf ich Krach machen und die große Ratsglocke in Gang setzen. Das ist etwas ganz Besonderes für mich - das nächste Mal im Jahr 2020 und ich freu mich jetzt schon! Das ist total irre!"

Abgesehen von Dienstag verbringt sie jeden Abend vier Stunden im Turm-Zimmer. Auf die Frage, ob sie auch hin und wieder Urlaub mache, meint sie nur: "Ich kann Urlaub anfragen und dann gibt es auch einen Vertreter, aber eigentlich mach ich das schon lieber selber."

Martje Salje strahlt über beide Ohren, wenn sie über ihre Aufgaben erzählt und meint mit einem Augenzwinkern: „Ich hoffe ich kann noch die nächsten 100 Jahre diesen schönen Brauch fortführen!“

Diese Seite teilen