Lammert sieht doppelte Solidaritätskrise in Europa

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Bundestagspräsident Norbert Lammert konstatiert eine doppelte Solidaritätskrise in Europa. Es gebe einerseits ein Solidaritätsgebot gegenüber Flüchtlingen und Notleidenden, sagte Lammert am Freitag beim 100. Katholikentag in Leipzig.

Es gebe aber auch eines nach innen, also gegenüber jenen, die sich solidarisch zeigten und Flüchtlinge aufnehmen, etwa in Form eines gerechten Verteilungssystems. "Mein Eindruck ist: Wir werden bislang beidem nicht gerecht." Fatalerweise, so erläuterte der Bundestagspräsident, "dient die Verweigerung der einen Solidarität sogar immer mehr als Begründung zur Verweigerung der anderen". Dies sei ein deprimierender Befund.

Die gängige Bemerkung, der Islam sei unvereinbar mit der Demokratie, bezeichnete Lammert als eine "Übersetzung von Verunsicherung gegenüber dem Fremden" in ein Ressentiment. "Das Christentum war nachweislich bis ins 20. Jahrhundert unvereinbar mit der Demokratie", sagte der Bundestagspräsident. Die Kirche habe ihren Frieden mit der Demokratie erst beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gemacht, also "sozusagen vorgestern" und als eine "großzügige Adoption". Wenn es dem Islam also in einer nicht zu fernen Zukunft gelänge, stabile, von Menschenrechten geprägte Gesellschaftsformen auszubilden, dann hätte er dem Christentum Jahrhunderte voraus.

Mit Blick auf die Situation in Ostdeutschland sagte Lammert, es sei auffällig, dass in Regionen, in denen die meisten Menschen "an vieles, aber sicher nicht an einen dreifaltigen Gott glauben, am lautesten eine angebliche Islamisierung Deutschlands beklagt" werde.

Zu Problemen bei der Integration vor allem junger muslimischer Männer sagte der Bundestagspräsident, Deutschland sei "kein Experimentierfeld alternativer Lebensformen". Die Regeln des Grundgesetzes müssten jederzeit klar sein. Es sei eine "steile Versuchsanordnung", wenn ein 21-jähriger Muslim in Deutschland von einer Polizistin erkennungsdienstlich behandelt, anschließend von einer Ärztin untersucht, von einer Helferin mit Kleidung versorgt und dann von einer Lehrerin in Deutsch unterrichtet werde. Der Verweis auf andere Lebenserfahrungen sei berechtigt, so Lammert; "aber er kann nicht dazu dienen, die Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland infrage zu stellen".

brg/baj

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