Gauck: Politik soll die Visionen der Menschen erden

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Bundespräsident Joachim Gauck hat davor gewarnt, zu viele Erwartungen an die Politik zu richten.

Politik könne keine Visionen wahr machen, sagte Gauck beim Katholikentag in Leipzig. Vielmehr könnten Politiker Visionen "erden, wovon wir träumen". Sie könnten Verbesserungen von bestehenden Zuständen verwirklichen. "Ich sehe nicht, dass es eine bessere Organisationsform als die Demokratie gibt", so der Bundespräsident.

Das Staatsschiff befinde sich derzeit nicht in einem Orkan, es gebe aber "gewisse Wellen". Um mit Blick auf die Flüchtlinge Ängsten und Unsicherheiten von Teilen der Bevölkerung zu begegnen, sei "ein Training der seriösen Debatte" wichtig. Es müsse das Argument zählen, "nicht das ängstliche Gesicht." Bezeichnend sei es, dass es so viele ausländerfeindlichen Demonstrationen in Sachsen gibt, "dort, wo es relativ wenige Menschen gibt, die die Sachsen überfremden könnten", meinte Gauck. Es sei wichtig, auf die Menschen zuzugehen, die Ängste hätten. "Wir müssen uns aber von denen trennen, die mit den Ängsten spielen und damit Politik betreiben."

Die Herausforderung des "Fremden"

Die Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, Ulrike Kostka, sagte, die Deutschen in Ost und West müssten nach wie vor lernen, die Geschichte des anderen zu respektieren. Sie kritisierte zudem, ständig von einem rechtsextremen Ruck in der Gesellschaft zu leben. "Wir haben keine rechtsextreme Gesellschaft", so Kostka. "Aber je mehr wir davon reden, desto eher nähern wir uns dieser an."

Der Münsteraner Theologe Detlef Pollack warb für Verständnis für die Menschen, die das Gefühl hätten, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dies sei derzeit die Mehrheit der Bevölkerung. Es sei eine besondere Herausforderung, sich auf Fremdes einzulassen. Dabei könnten aber die Kirchen helfen. Vor allem Ostdeutsche hätten nach wie vor das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein.

Der Berliner Politikwissenschaftler Ahmet Cavuldak plädierte dafür, auch die Ängste der Flüchtlinge und Migranten in den Blick zu nehmen. Er selbst habe als Kind Hilfe etwa bei den Hausaufgaben erhalten, als er mit seiner Familie Anfang der 90er Jahre aus der Türkei kommend in einem Asylbewerberwohnheim gelebt habe. Dies habe ihm viel Kraft für einen Neuanfang in Deutschland gegeben.

wil/cas

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