Vorlesestunde im Eisenbahnwaggon

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In einem Eisenbahnwaggon auf Reisen gehen - obwohl er gar nicht fährt. Erzbischof Heiner Koch hat am Samstagnachmittag Kindern aus dem Alten Testament vorgelesen. Der Ort: ein 50 Jahre alter, ausrangierter Waggon der Deutschen Reichsbahn im Leipziger Hauptbahnhof.

Von David Baumgartner, Sofia Dreisbach, Nadja Jansenberger und Johanna Wicht


Vorgelesen bekommen hilft bekanntlich beim Einschlafen. So sei den Kindern verziehen, die am Samstagnachmittag nach den ersten Zeilen den Kopf müde auf die Arme legen - selbst wenn der Vorleser statt der Eltern an diesem Tag Erzbischof Heiner Koch ist und Schauplatz nicht das eigene Kinderzimmer, sondern ein 50 Jahre alter Eisenbahnwaggon auf Gleis 24 des Leipziger Hauptbahnhofs.

"Alles einsteigen" lautet der Titel der Veranstaltung, doch es sind beinahe zu viele kleine Besucher, die vor dem beige und dunkelblau lackierten Waggon der Deutschen Reichsbahn auf Einlass warten. Erzbischof Koch liest an diesem Nachmittag aus dem Buch Jona im Alten Testament. "Eine ganz alte Geschichte, aber so spannend und richtig, dass man sie heute noch hören kann", wie er sagt. Damit sie wach bleiben, animiert er die Kinder, den Namen der Stadt in der Geschichte immer wieder laut zu rufen: "Ninive".

Der Waggon ist holzgetäfelt, die Decke an den Seiten gebogen, die Einrichtung im Stil der Sechziger Jahre gehalten. Weiße Spitzengardinen, altrosafarbene Vorhänge und eine Lampe mit vielen kleinen Strahlern an der Decke. "Habt ihr alle eure Fahrscheine dabei?", fragt Erzbischof Koch beim Einsteigen. Das sei ein Speisewagen der ersten Klasse gewesen.

Erzbischof Koch steht in der Mitte des Waggons - der Abstand zu den Zuhörern ist kleiner als gewöhnlich in der Kirche. Als geübter Redner liest er mal laut, mal leise, er krümmt sich zusammen, als er von einer verdörrten Pflanze liest, streckt seinen Arm nach oben, als es um den Zorn Gottes geht. Den blonden Jungen neben ihm beeindruckt das wenig - er blättert in Michael Endes Vorlesebuch. Und aus dem gibt es am Ende auch noch ein "Quatschgedicht", Erzbischof Kochs Verabschiedung im Eisenbahnwaggon.

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