Homosexuell - und trotzdem katholisch

Interview & Service

Für Homosexuelle ist in der katholischen Kirche nur wenig Raum. Trotzdem gibt es viele schwule und lesbische Mitglieder. Warum? Drei homosexuelle Katholiken erzählen.

Header-Foto: Hans Hansmann, Vorstandsmitglied des Vereins Rosalinde Leipzig e.V. führt während „Gender in the City“ durch die Leipziger Innenstadt.

Von Julius Heinrichs

Katholikentag: Ihr seid schwul und lesbisch. Warum habt ihr der Kirche nicht längst den Rücken gekehrt?

Carolin Bernhardt*: Für mich ist das kein Problem. Kirche heißt für mich nicht Papst und Kurie. Kirche sind die Menschen, die mit mir zusammen an Gott glauben. Ich habe mich vor zwei Jahren geoutet. Das war nicht leicht – mein Elternhaus ist streng katholisch. Ich habe gedacht, wenn ich da sage, wie ich fühle, dann wird unsere Beziehung nie wieder dieselbe sein. Genau das Gegenteil war aber der Fall: Meine Mutter hat mich in den Arm genommen, geweint und gefragt, warum ich ihr das nicht schon viel früher gesagt habe. Auch für meine Freunde war das kein Problem. Einige haben nur mit der Achsel gezuckt. Warum sollte ich also an der Kirche zweifeln, wenn die, die mit mir glauben, nicht an mir zweifeln?

Frederik Häussler: Ich sehe das etwas anders. Aber ich habe auch andere Erfahrungen gemacht. Ich lebe im Eichsfeld. Meine Eltern sind sehr engagiert. Als die erfahren haben, dass ich jetzt einen Freund habe, sagte mein Vater: Ich hoffe, du weißt, dass das Quatsch ist. Seitdem haben wir nur selten Kontakt. Auch auf der Straße werden mein Freund und ich immer wieder beleidigt. Aber warum sollte das ein Grund sein, an Gott zu zweifeln? Dass er mich liebt, das spüre ich. Also liebe ich ihn zurück. Die Kirche gibt dem Gebet eine Form, die ich schätze. Also gehöre ich dazu – auch, wenn sie mich nicht in gleichem Maße zurückschätzt.

Thomas Lichtenfels: Die Kirche ist verschnarcht, ganz einfach. Sie kommt irgendwie nicht richtig zu Potte. Immer wieder zeigen angebliche Skandale, dass es – Überraschung – auch schwule Geistliche gibt. Alle sind dann ganz empört und kriegen sich nicht mehr ein. Ich sehe das so: Ich bin schwul und stehe dazu. Die Kirche ist noch nicht soweit. Ein Outing ist schwer. Und vielleicht müssen wir ihr einfach die Zeit geben, bis sie bereit dazu ist.

Gab es Stunden, in denen ihr an der Kirche gezweifelt habt?

Bernhardt: Ich habe immer dann an der Kirche und Gott gezweifelt, wenn ich eigentlich an mir gezweifelt habe. Heute weiß ich, wer ich bin. Und ich weiß, dass Kirche dazugehört.

Häussler: Immer wieder. Erst vor Kurzem war so ein Moment. Dann denke ich: Leute, ich bezahle Geld für euch. Jede Menge Geld. Und dieses Geld wird dazu genutzt, Menschen Löhne zu zahlen, die mich nicht wollen? Aber dann denke ich wiederum: Ich war auf einem katholischen Kindergarten, in einer katholischen Schule. Ich habe im Chor gesungen und war Messdiener. Die Kirche macht so unsagbar viel Gutes. Da muss man über die Quälgeister hinwegsehen.

Lichtenfels: (lacht) Vielleicht irgendwann mal, wenn ich mich über die Kirchensteuer aufrege. Bisher allerdings nicht, nein.

* Alle Namen wurden auf Wunsch unserer Gesprächspartner geändert. 

Angebote für Homosexuelle auf dem Katholikentag

Sonderlich präsent waren Homosexuelle nicht – und waren trotzdem ein fester Bestandteil des Katholikentags. Auf dem Wilhelm-Leuschner- und dem Friedensplatz stellten die „Initiative Kirche von unten“ und die „Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche“ (siehe unten) ihre Angebote vor. Die Veranstaltungen „In Beziehung Leben“ und „Glaubensstark. Katholisch. Homosexuell.“ boten zudem Möglichkeiten des Austauschs. Bei „Gender in the City“ ging‘s einmal quer durch Leipzig, um Treffpunkte von Homosexuellen kennenzulernen. Außerdem gab's bei dem Stadtrundgang Informationen über den Umgang mit Leipziger Schwulen und Lesben im Laufe der Geschichte. Während „Mein Kind ist anders“ kamen weniger die Homosexuellen zu Wort, als vielmehr ihre Eltern und Geschwister. Sie kamen zusammen und sprachen über Ängste, Glaubenszweifel und den familiären Umgang mit Homosexualität. 

Angebote für homosexuelle Christen

Initiative Kirche von unten

Das ökumenische Netzwerk setzt sich für einen kritischen Dialog mit kirchlichen Institutionen ein und versucht, sich auch politisch Gehör zu verschaffen. Die Gemeinschaft verschiedener Gruppen und Initiativen engagiert sich daher in verschiedenen Projekten zur Reform der Kirchen sowie in der Friedens- und Fairhandels-Bewegung. 

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Die Organisation versteht sich als ein Bindeglied zwischen der Homosexuellen-Kultur und den Kirchen. Einerseits will sie „Selbsthilfegruppe lesbischer Christinnen und schwuler Christen“ sein, andererseits will sie theologisch fundiert auf die gleichberechtigte Anerkennung von Schwulen und Lesben in Kirche und Gesellschaft hinwirken. 

Netzwerk katholischer Lesben (NkaL) e.V.

Während die lesbischen Mitglieder der evangelischen Kirche schon länger organisiert sind, will das Netzwerk katholischer Lesben auch jene in ihrer Kirche sichtbar machen und ihnen eine Stimme geben.

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