Off Church - Kirche zum Anfassen

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Tabernakel, Kanzel, Flügelaltar - das klingt nach verstaubten Wörtern der katholischen Kirche. Aber was bedeuten sie eigentlich? Bei der Installation "Off Church" in der Leipziger Innenstadt können sich Besucher Gegenständen aus der Kirche annähern, sie anfassen und sogar anmalen.

Von Vanessa Egger, Antonio Lagator und Sofia Dreisbach

Omeed, Leipzig

„Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Familie aus Syrien geflohen und lebe nun in Leipzig und besuche hier das Gymnasium. Ich habe eine Fürbitte auf Arabisch geschrieben, dass ich mein Abitur mit einer guten Note schaffe, um danach Medizin studieren zu können.“

Fürbittenwand aka Flügelaltar

Der Flügelaltar in der Leipziger Innenstadt hat auf den ersten Blick wenig mit einem herkömmlichen Hochaltar zu tun. Er ist mit bunten Graffitis besprüht – das soll die jungen Leute anlocken. Sie dürfen ihre persönlichen Wünsche loswerden, auf einer digitalen Wand in der Mitte des Altars, die mit den Händen beschrieben werden kann.

Ein Flügelaltar ist ein Altar mit zwei beweglichen Seitenteilen. Meistens sind die Flächen kunstvoll gestaltet und zeigen kirchliche Motive. Mit den Fürbitten hat dieser Gegenstand an sich nichts zu tun – sie werden üblicherweise vom Pfarrer oder von Gläubigen vorgetragen, die dafür vor der Gemeinde stehen.

Sophie und Elisa, Chemnitz

„Wir finden das cool. Wir hatten gerade keine Lust weiterzulaufen und haben hier entspannt. Wir haben viel auf die Bank gemalt: einen Babyelefanten, unsere Namen und eine Sonne.“

Gebet XXL aka Kirchenbank

Die Kirchenbank neben der Thomaskirche ist zwar etwas größer und bunter als die Originale es üblicherweise sind, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind Orte der Ruhe. Wer in der Geselligkeit des Katholikentags verschnaufen möchte, der ist auf der lilafarbenen Bank genau richtig. Er kann dem Schauspieler Ben Becker lauschen, der auf Band aus der Bibel vorliest, und mit einem Stift Botschaften hinterlassen.

Die meisten Kirchen sind mit hölzernen Sitzbänken ausgestattet. Weil sie während langer Gottesdienste mitunter unbequem werden können, freuen sich Besucher immer über ein Polster auf der Kirchenbank – und reinritzen und anmalen ist nicht erlaubt, versteht sich.

Nico, Sauerland

„Man hat uns vorher nur gesagt, dass wir in der White Box eine weitere Person treffen und mit ihr reden können. Ich war dann sehr überrascht, als ich mich drinnen auf einer Sitzbank wiederfand und meinen Gesprächspartner durch das getrübte Plexiglas nur schemenhaft erkennen konnte: Mir war sofort klar: Das hier ist ein Beichtstuhl!“

White Box aka Beichtstuhl

„Gehen Sie hinein“, so lautet die Aufforderung für die weiße Box auf dem Richard-Wagner-Platz. Das Prinzip ist einfach: Zettel ziehen und warten, bis die Nummer aufgerufen wird. Dann darf der Besucher rein in die Off-Church-Installation, die einem Beichtstuhl nachempfunden ist. Die Herausforderung: einem fremden Menschen begegnen, sich Kennenlernen durch die kleinen Löcher in der Trennwand, ganz nach dem Katholikentags-Motto "Seht, da ist der Mensch". Aber keine Angst – gebeichtet werden muss nicht.

In einem klassischen Beichtstuhl weiß man natürlich, wer auf der anderen Seite sitzt: Der Priester, der im Gegensatz zum Fremden, der in der White Box auf die Besucher wartet, tatsächlich die Beichte abnehmen darf. Das heißt, er darf im Namen Gottes die Sünden vergeben.

Cila und Anton, Berlin

„Als erstes haben wir Menschenrechte und Glaube auf die Karte geschrieben. Es war ziemlich schwer, sich etwas zu überlegen. Das macht man ja sonst auch nicht jeden Tag.“

Zelt mit Kasten aka Tabernakel

Das Tipi steht im Zentrum der Stadt: auf der einen Seite die Propsteikirche, auf der anderen das Neue Rathaus. Mitten im Trubel, mit Kissen und einem Teppich, lädt es zum Verweilen ein – und zum Nachdenken. „Das ist mir heilig…“ steht auf Postkarten, die von den Besuchern beschrieben und in eine Box in der Mitte des Zeltes geworfen werden können.

Ein Tabernakel ist ein kunstvoll gestalteter Schrein, den es nur in katholischen Kirchen gibt. Dort werden die Hostien aufbewahrt, das Allerheiligste der Kirche.

Udo und seine Tochter Paula, Leipzig

„Das Leben ist schön. Ich finde es prima, dass wir hier die Möglichkeit haben, gemeinsam über unseren Glauben zu reden. Auch wenn das Wetter schlecht ist, scheint hier die Sonne. Die Wise Guys singen in ihren Liedern: 'Sommer ist, was in deinem Kopf passiert‘.“

Speakers Corner aka Kanzel

“Say Something Nice”, sag etwas Nettes – gar nicht so einfach, wenn man das an exponierter Stelle tun soll. Doch genau dazu fordert die Speakers Corner auf. Sie steht gegenüber dem Hauptbahnhof und ist etwas für Mutige: Der Besucher erklimmt über ein paar Stufen die Kanzel und spricht in ein Mikrofon.

Normalerweise ist die Kanzel dem Priester vorbehalten. Früher wurde von der Kanzel aus das Evangelium verkündet und die Predigt gehalten.

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